Panorama
Lebensmittelproben werden in einem Labor auf EHEC untersucht.
Lebensmittelproben werden in einem Labor auf EHEC untersucht.(Foto: dapd)
Freitag, 10. Juni 2011

Erreger-Quelle wohl entdeckt: NRW findet EHEC auf Sprossen

Die Vermutung des Robert-Koch-Instituts, dass Sprossen die Quelle der aktuellen EHEC-Epidemie sind, erhärtet sich. In Nordrhein-Westfalen werden erstmals Erreger auf dem Gemüse gefunden. Die Behörden heben die Warnung vor dem Verzehr von Gurken, Tomaten und Salat auf. Dafür wird der Biohof in Bienenbüttel, auf dem die Infektionsquelle vermutet wird, komplett gesperrt.

In Nordrhein-Westfalen sind nach Angaben des Düsseldorfer Verbraucherschutzministeriums erstmals EHEC-Bakterien des aggressiven Typs O104 auf Sprossen gefunden worden.

Gurken sind hingegen entlastet.
Gurken sind hingegen entlastet.(Foto: REUTERS)

Die Gesundheitsbehörden gingen schon vor dem Nachweis davon aus, dass die Gemüseart Ursache für die EHEC-Epidemie sind. "Es sind die Sprossen", hatte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, in Berlin gesagt. Ein Nachweis des Darmkeims auf Sprossen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelungen.

Das RKI setzte für die Identifizierung der Keimquelle ein neues Verfahren ein, eine sogenannte rezeptbasierte Restaurant-Kohortenstudie, für die Patienten und Küchenpersonal befragt wurden. Zudem wurden parallel zu den Laboruntersuchungen auch Fotos begutachtet, um die Zutaten der verzehrten Speisen genau zu erfassen. Dabei hätten sich die Indizien immer weiter verdichtet, dass die meisten Betroffenen Sprossen zu sich genommen hatten.

Vom Verzehr roher Sprossen wird abgeraten. Der Ausbruch sei noch nicht vorbei. Burger ermahnte die Bürger, auch weiterhin bei der Zubereitung von Mahlzeiten besonders auf die  Wie schütze ich mich vor EHEC? zu achten. Die wegen der EHEC-Epidemie geltende Warnung vor dem Verzehr roher Tomaten, Gurken und Blattsalate wird indes aufgehoben.

Sinkende Zahlen

Die Infektionsquelle wurde immer klarer.
Die Infektionsquelle wurde immer klarer.(Foto: REUTERS)

Nach Worten des RKI-Präsidenten ist der derzeitige EHEC-Ausbruch noch nicht vorbei. "Die Zahl der Fälle sinkt, aber es gibt weiterhin neue Erkrankungen." Schließlich könne es mehr als eine Woche dauern, bis es nach der Infektion zu blutigem Durchfall komme. Wie die Erreger auf die Sprossen, die vom einem Bauernhof in Niedersachsen stammen, gekommen sind, sei nach wie vor unklar.

Zu den sinkenden Zahlen an Neuerkrankungen sagte Burger: "Möglich wäre, dass die Infektionsquelle versiegt ist, das heißt, das Lebensmittel ist entweder aufgegessen oder es wurde in den Müll entsorgt." Denkbar sei aber auch, dass die Verzehrwarnungen gewirkt hätten oder die betroffenen Lebensmittel nur über einen begrenzten Zeitraum mit dem Bakterium in Kontakt gewesen seien, "also letztendlich ein Versiegen der ursprünglichen Infektionsquelle". Deshalb sei weitere Aufklärung nötig.

Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) und Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) zeigten sich erleichtert darüber, dass die Ursache der EHEC-Epidemie auf Sprossen eingegrenzt werden konnte. "Es ist ein gutes Signal für die Verbraucher, weil jetzt mehr Klarheit herrscht", sagte Bahr in Berlin. Es könne noch keine Entwarnung gegeben werden, da noch mit weiteren Infektionen zu rechnen sei. Es bestehe aber "Anlass für berechtigten Optimismus." Aigner sagte: "Wir sind ein Stück weit erleichtert."

Lieferstopp in Bienenbüttel

Der unter EHEC-Verdacht stehende Biohof in Bienenbüttel ist jetzt komplett gesperrt und darf kein Gemüse mehr in den Handel liefern. Das teilte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gerd Lindemann (CDU) in Hannover mit. Bisher galt das Verkaufsverbot nur für Sprossen. Der Betreiber habe aber bereits freiwillig seit Sonntag keine anderen Produkte mehr in Umlauf gebracht, sagte der Minister. Lindemann betonte, der Bienenbütteler Betrieb sei nun definitiv als der Hauptauslöser für die EHEC-Erkrankungswelle in Deutschland ausgemacht worden.

Aus Bienenbüttel gibt es derzeit kein Gemüse mehr.
Aus Bienenbüttel gibt es derzeit kein Gemüse mehr.(Foto: dapd)

Es könne aber auch andere Wege gegeben haben, sich mit EHEC anzustecken als durch den Verzehr von Sprossen, sagte der Minister. So sei auch möglich, dass der Erreger von Mensch zu Mensch oder vom Menschen auf ein landwirtschaftliches Produkt übertragen worden sei.

Der Präsident des niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, Matthias Puls, sagte zur Gefahr, sich durch bloßen Kontakt mit an EHEC-Erkrankten selber anzustecken: "Ich möchte sehr davor warnen, hier ein Schreckensgespenst zu malen." Normalerweise spiele dieser Infektionsweg eine extrem untergeordnete Rolle bei EHEC-Erkrankungen. Normale Hygienemaßnahmen seien ausreichend.

Das Sozialministerium teilte mit, dass es in Niedersachsen einen elften EHEC-Todesfall gab. Eine 75 Jahre alte Frau aus dem Landkreis Göttingen starb bereits vor einer Woche an dem Erreger, ihr Tod wurde aber erst jetzt definitiv auf EHEC zurückgeführt. Die Frau hatte aber nicht an der Familienfeier in Göttingen teilgenommen, bei der sich zahlreiche Menschen mit EHEC infiziert hatten.

Russland lässt wieder Lieferungen zu

Unterdessen hat Russland der Aufhebung des Importstopps für Gemüse aus der EU zugestimmt. Das gab EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso nach einem zweitägigen EU-Russland-Gipfel in der Stadt Nischni Nowgorod bekannt. Er sei sehr zufrieden, diese Einigung in den Gesprächen mit der russischen Führung erzielt zu haben. Ein Datum für die Aufhebung des Importstopps nannte Barroso nicht, doch werde die EU am Freitag oder Samstag den russischen Behörden die dafür nötigen Zertifikate übermitteln.

Die russischen Behörden hatten das Embargo wegen des Darmkeims EHEC am 2. Juni verhängt, was in Brüssel heftigen Protest hervorgerufen hatte. In Deutschland, dem mit Abstand am stärksten betroffenen Land in der EU, starben mindestens 29 Menschen an einer EHEC-Infektion.

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Quelle: n-tv.de

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