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Verdächtige Stelle bei Kilometer 65: Polizeibeamte halten Schatzjäger und unvorsichtige Schaulustige von der Bahnstrecke zwischen Wroclaw und Walbrzych fern.
Verdächtige Stelle bei Kilometer 65: Polizeibeamte halten Schatzjäger und unvorsichtige Schaulustige von der Bahnstrecke zwischen Wroclaw und Walbrzych fern.(Foto: picture alliance / dpa)

"Niemand hat das Monster gesehen": Nazi-Zug erweist sich als "Goldgrube"

Die Aufregung um den angeblichen Nazi-Zug im Süden Polens weckt ungeahnte Anziehungskräfte. Journalisten aus aller Welt pilgern zu jener Stelle, an der Anwohner den Eingang in einen Geheimstollen vermuten. Niederschlesien profitiert vom "Loch-Ness-Effekt".

Die angebliche Entdeckung eines "Panzerzugs" aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs versetzt eine ganze Region im Süden Polens in den Ausnahmezustand: Vermutet wird der mysteriöse Zug in einem seit Jahrzehnten verschollenen Stollen an der Eisenbahnlinie zwischen Wroclaw (Breslau) nach Walbrzych (Waldenburg). Obwohl bislang noch keinerlei greifbare Belege für die Existenz eines Nazi-Relikts voller Wertgegenstände vorliegen, entwickeln die Spekulationen ungeahnte Anziehungskräfte.

Und hier soll der Schatz-Zug liegen: Tadeusz Slowikowski, ein Schatzsucher mit Lokalkenntnissen, deutet auf die angebliche Geheimweiche an der Bahnstrecke bei Walbrzych.
Und hier soll der Schatz-Zug liegen: Tadeusz Slowikowski, ein Schatzsucher mit Lokalkenntnissen, deutet auf die angebliche Geheimweiche an der Bahnstrecke bei Walbrzych.(Foto: REUTERS)

An der hohen Böschung neben der Bahnstrecke ist der Erdboden an der fragliche Stelle etwas eingesunken. "Dort ist es, dort war der Eingang zum Tunnel und dort ist der Zug versteckt!" Andrzej Gaik bemüht sich gar nicht, seine Aufregung zu verbergen. Der einstige Schatzsucher und heutige Touristenführer war schon vor 15 Jahren auf der Suche nach dem sagenumwobenen "Nazi-Zug" voller Gold, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in der Nähe von Walbrzych in Polen verschwunden sein soll. Dass der Zug jetzt tatsächlich gefunden worden sein soll, begeistert nicht nur Gaik.

"Es zieht die Leute an"

Seit die polnischen Behörden den "Fund" eines gepanzerten Zuges aus der Nazi-Zeit offiziell bestätigt haben, pilgern zahllose Schatzsucher und Neugierige zu "Kilometer 65" an der Bahnstrecke Wroclaw-Walbrzych in Niederschlesien. Es sei sich "zu 99 Prozent sicher", nachdem er den Zug auf Geo-Radarbildern gesehen habe, verkündete Polens Vize-Kulturminister Piotr Zuchowski. Allerdings ist der geheimnisvolle Zug, dessen Fracht bisher niemand kennt, angeblich in einem Tunnel unter der Erde verschüttet. Unter großen Sicherheitsvorkehrungen wollen ihn die Behörden nun Grabungen vorantreiben.

Spekuliert über Schätze: Polens Oberster Denkmalschützer Piotr Zuchowski ist sich "zu 99 Prozent sicher".
Spekuliert über Schätze: Polens Oberster Denkmalschützer Piotr Zuchowski ist sich "zu 99 Prozent sicher".(Foto: picture alliance / dpa)

Egal, was in dem Zug ist, die gesamte Gegend rund um die mutmaßliche Fundstelle profitieren derzeit gewaltig von den internationalen Schlagzeilen - auch das stattliche Schloss Ksiaz (früher Schloss Fürstenstein), dessen Anlage die Region überragt. Es sei "wie ein Loch-Ness-Effekt", sagt der Vorsitzende der Schlossgesellschaft, Krzysztof Urbanski. "Niemand hat das Monster gesehen, aber es zieht die Leute an." Als guter Geschäftsführer vermarktet er den Goldrausch schon einmal: Ab nächster Woche können Touristen dort "Goldzug"-T-Shirts kaufen.

Hinweise auf das Bernsteinzimmer?

Ob in dem Zug tatsächlich Gold ist, weiß bisher kein Mensch. Es gibt bisher nur ein paar vage Hinweise, die aufhorchen und die Herzen von Schatzsuchern höher schlagen lassen. Vize-Kulturminister Zuchowski, der zugleich oberster Denkmalkonservator Polens ist, geht wegen der Panzerung des Zuges davon aus, "dass es in seinem Inneren Objekte von Wert geben kann". Das könnten "Kostbarkeiten, Kunstwerke, Archive sein", hieß es. Seitdem überschlagen sich die Spekulationen. Von wertvollen Gemälden, barrenweise Edelmetall oder kostbarer Raubkunst ist die Rede.

Selbst die seit 1945 verschollenen Teile des Bernsteinzimmers könnten sich im Inneren des Zugs befinden, heißt es. Das Problem ist nur: Zuchowski kann sich mit seinen Vermutungen bislang lediglich auf Bilder des Bodenradars stützen. Veröffentlicht wurden diese Aufnahmen nicht. Was sie tatsächlich zeigen, lässt sich damit nicht von unabhängiger Seite bestätigen.

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Schätze nicht ausgeschlossen

Polens oberster Denkmalschützer ist allerdings nicht der einzige, der an die Existenz des Schatzzuges glaubt. Auch Geschichtsexpertin Joanna Lamparska, die mehrere Bücher über die historischen Geheimnisse Niederschlesiens geschrieben hat, schließt eine wertvolle Fracht nicht aus. Das heißt: Der Zug könnte Schätze enthalten. Belastbare Indizien hält auch Lamparska nicht in Händen. Die beiden Entdecker des über hundert Meter langen Zuges - ein Deutscher und ein Pole - hätten den Behörden mitgeteilt, die Fracht umfasse "Edelmetalle, Wertgegenstände und Industriematerialien".

Weil die Behörden und die Entdecker den genauen Fundort geheim halten, machen sich manche nun auf eigene Faust auf die Suche. Nicht nur Schatzsucher strömen in die Gegend südwestlich von Breslau, auch Fernsehteams und Zeitungsjournalisten reisen an. "Hätte ich mir je träumen lassen, CNN bei uns zu empfangen? Sie kommen nächste Woche", freut sich Urbanski in Schloss Fürstenstein.

US-Journalisten in Niederschlesien

Unter dem Schloss liegt ein Netz unterirdischer Tunnel, die einst Hitler und seinen Helfern als Unterschlupf dienen sollten. In der ganzen Gegend hatten die Nazis unter dem Codenamen "Riese" zahlreiche unterirdische Stollen anlegen lassen, in denen unter anderem auch Waffen und andere "kriegswichtige" Materialien hergestellt werden sollten.

Der langjährige Schatzsucher Gaik ist sich sicher, dass es eine geheime Weiche der Nazis an der Bahnstrecke Breslau-Walbrzych gab, durch die Züge in das Tunnelsystem geleitet werden konnten. Er zeigt auf die hohe Böschung neben dem Gleis: "Es gibt eine große in der Böschung versteckte Spalte im Fels. Sie ist voller verschiedener Steine - bestimmt von den Deutschen herangeschafft, um den Eingang zum Tunnel zu verbergen." Tatsächlich ist dort die Vegetation auf etwa 15 Metern Breite auffällig anders.

Was, wenn der Zug leer ist?

Die meisten Neugierigen an der Stelle machen Späße über die "Goldbarren", die dort liegen sollen. Ein in der Nähe lebendes junges Paar aber ist ernstlich besorgt: Sollte der Zug vermint sein, wie polnische Behörden gewarnt haben, dann fürchten sie im Falle einer Explosion um ihr Haus.

Für die Region rund um Schloss Fürstenberg und das niederschlesische Eulengebirge könnte sich die Aufregung um den "Nazi-Zug" als später Segen erweisen. Die Spekulationen und Gerüchte verschaffen dem Landstrich internationale Aufmerksamkeit, was sich über kurz oder lang auch in einem verstärkten Zustrom an geschichtlich interessierten Touristen niederschlagen könnte.

Damit stehen die Behörden womöglich vor einem unangenehmen Ausblick: Sollte sich letztlich herausstellen, dass es sich bei dem "Fund" nur um einen Haufen historisch unbedeutsamen Eisenschrotts handelt - und es im Boden keine Gold-Schätze gib -, dann wären Walbrzych und die umliegenden Ortschaften um ihre bislang größte Attraktion ärmer. Für Niederschlesien wäre es damit im Grunde genommen wohl besser, der geheimnisvolle Zug bliebe für immer im Untergrund verborgen.

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Quelle: n-tv.de

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