Panorama
Mittwoch, 09. Juli 2008

Ein Arzt erzählt Geschichten: Oliver Sacks wird 75

Hier kommt der Autor hin

"Ich schreibe Überlebensgeschichten", erklärt der Neurologe und Bestsellerautor, der mit "Zeit des Erwachens" seinen literarischen Durchbruch feierte.

Mit Büchern wie "Zeit des Erwachens" und "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" ist Oliver Sacks weltberühmt geworden. Einfühlsam, humorvoll und klug erzählt der britisch-amerikanische Hirnforscher von Menschen, die durch ein besonderes Schicksal oder eine Krankheit aus dem Raster der Normalität gefallen sind.

"Ich schreibe Überlebensgeschichten - Geschichten davon, wie man mit diesen Krankheiten lebt", sagt der in New York wohnende Bestsellerautor. Am 9. Juli wird er 75 Jahre alt. Sein größtes Geburtstagsgeschenk hat er bereits erhalten: Königin Elizabeth II. ehrte ihn kürzlich für seine Verdienste um die Medizin als "Companion" des Britischen Empire - die höchste Auszeichnung nach dem Ehrentitel "Sir".

Buch über Schlafkrankheit schlägt ein

Mehr als vierzig Jahre lang hat der Neurologe und Psychiater an der neurologischen Klinik des Albert Einstein College in New York gearbeitet und in dieser Zeit zehn Bücher geschrieben. Schon sein literarisches Debüt "Zeit des Erwachens" (1973) machte ihn weltweit populär. Er schildert darin seine Therapie an den fast vergessenen Opfern der "Europäischen Schlafkrankheit", die seit Jahrzehnten wie eingefroren sind und durch ein neues Medikament vorübergehend zum Leben erwachen.

Die anrührenden Fallgeschichten inspirierten Harold Pinter zu seinem Theaterstück "A Kind of Alaska". 1990 wurde "Zeit des Erwachens" unter dem gleichen Titel mit Robert De Niro und Robin Williams verfilmt. Allein in Deutschland zog das preisgekrönte Leinwanddrama mehr als 800.000 Zuschauer an.

Fast normal

Erfolgreich waren auch weitere Titel wie "Stumme Stimmen" (1989), "Eine Anthropologin auf dem Mars" (1995), die Autobiografie "Onkel Wolfram" (2001) und zuletzt "Der einarmige Pianist", der nach seinem Erscheinen in Deutschland Anfang Juni erneut auf den Bestsellerlisten landete. Darin schildert Sacks die geheimnisvollen Wechselwirkungen zwischen dem menschlichen Gehirn und der Musik.

Die Personen in seinen Büchern sind meist Patienten, aber auch Freunde, Familienmitglieder und er selbst. So unterschiedlich die Schicksale sind - traurig oder lustig, misslich oder skurril - immer wieder macht Sacks deutlich, wie nah das Normale und das angeblich Unnormale zusammen liegen. "Eine winzige Hirnverletzung, ein kleiner Tumult in der cerebralen Chemie - und wir geraten in eine andere Welt", sagt der Autor, der seine Geschichten immer noch auf einer traditionellen Schreibmaschine schreibt.

Mehrfacher Ehrendoktor macht weiter

Eine Faszination für die Naturwissenschaften hatte Sacks von klein auf: Er stammt aus einer jüdischen Arztfamilie, seine drei älteren Brüder wurden ebenfalls Mediziner. 1933 in London geboren, die Kindheit vom Krieg geprägt, zog er 1960 nach Abschlüssen in mehreren medizinischen Fachrichtungen in die USA. Parallel zu seiner jahrzehntelangen Arbeit am Einstein College in der New Yorker Bronx bekam er zahlreiche Lehr- und Beratungsaufträge, sechs Universitäten verliehen ihm den Ehrendoktor.

An Ruhestand denkt das Multitalent auch zum 75. Geburtstag noch nicht: Erst im vergangenen Jahr nahm er einen Ruf an die renommierte New Yorker Columbia Universität an, die für ihn eigens den Posten eines Künstlerischen Professors schuf. Danach kann er an allen Fachbereichen lehren, Seminare halten, Patienten betreuen und Projekte anschieben. "Ich liebe es, herauszufinden, was andere Menschen tun", sagt er.

Quelle: n-tv.de

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