Panorama
Kardinal Bergoglio in jüngeren Jahren.
Kardinal Bergoglio in jüngeren Jahren.(Foto: dpa)

Der dunkle Fleck: Papst Franziskus und die Militärjunta

Von Wolfram Neidhard

Nach seiner Ernennung zum Oberhaupt der katholischen Kirche wird Papst Franziskus mit unangenehmen Fragen zu seiner Biografie konfrontiert. Dabei geht um sein Verhältnis zu der von 1976 bis 1983 in Argentinien herrschenden Militärjunta. Besonders brisant: seine Rolle bei der Verhaftung von zwei Jesuiten.

Kaum ist Jorge Mario Bergoglio zum 266. Papst gewählt, wird intensiv in seiner Biografie geforscht. Die Twitter-Gemeinde ist aktiv: Der neue Papst habe "Dreck am Stecken", heißt es vage. Der Lebenslauf von Franziskus weise einen dunklen Fleck auf. "Die Geschichte verurteilt ihn", sagte der ehemalige Dekan der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Buenos Aires, Fortunato Mallimacci, vor einiger Zeit. Andere wieder verteidigen den neuen Pontifex, der sich den Namen Franziskus gegeben hat.

Gemeint ist die Rolle des 76-jährigen Argentiniers während der Militärdiktatur in seinem Land. Die Zeit von 1976 bis 1983 gilt als die dunkelste der noch jungen argentinischen Geschichte - das Land hat erst 1816 die Unabhängigkeit von Spanien erlangt.

Das zweitgrößte Land Südamerikas arbeitet bis heute diese sieben Jahre Staatsterror auf, in denen rund 30.000 Menschen "verschwanden". Von der blutigen Diktatur der Generäle hatte allerdings auch die Weltöffentlichkeit Kenntnis, fiel in diese Zeit doch die Fußball-Weltmeisterschaft 1978, bei der die Junta sich als weltoffen präsentierte. Während die Stadien voll waren, wurde in argentinischen Gefängnissen gefoltert und gemordet. Von etwaigem Boykott der Titelkämpfe war damals nicht die Rede.

Ex-Junta-Chef Jorge Videla während des Prozesses.
Ex-Junta-Chef Jorge Videla während des Prozesses.(Foto: picture alliance / dpa)

Ohne Zweifel gab es zwischen katholischer Kirche und den Militärs Berührungspunkte. Vor nicht allzu langer Zeit hat der zu lebenslanger Haft verurteilte ehemalige Juntachef Jorge Videla die argentinische Bischofskonferenz der Mitwisserschaft bezichtigt. Die Kirche habe das Überbringen der Todesnachrichten übernommen, sagte er im vergangenen Jahr dem Magazin "El Sur". Sie habe sich dafür eingesetzt, dass die Familien über den Verbleib ihrer Kinder informiert wurden, auch wenn sie damit einen "Teil des Risikos" auf sich genommen habe.

Der heutige Papst stand zu dieser Zeit nicht in der ersten Reihe der katholischen Würdenträger Argentiniens. Von 1973 bis 1979  war Bergoglio Provinzial des Jesuitenordens. Und diese Zeit wird nun besonders beleuchtet. 2005 wurde ihm von Menschenrechtlern vorgeworfen, im Jahr 1976 in das Verschwinden der Jesuiten Franz Jalics und Orlando Yorio verwickelt gewesen zu sein, deren regierungsfeindliche Sicht er als gefährlich unorthodox angesehen habe. Ein Anwalt strengte kurz vor der Wahl von Joseph Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. sogar einen Prozess gegen den Kirchenmann aus Buenos Aires an. Bergoglio wies die Anschuldigung zurück und erklärte, er habe den beiden angeboten, im Jesuitenhaus Schutz zu suchen. Die Klage wurde abgewiesen. Jalics und Yorio wurden verhaftet und kamen nach fünf Monaten wieder frei. Danach beschuldigten sie Bergoglio der Denunziation. Aussagen stehen gegen Aussagen. Jalics lebt heute in Deutschland. Yorio starb vor 13 Jahren.

Politisch sehr engagiert

Auch die Aussage eines Chauffeurs, der ein Treffen des Jesuiten-Provinzials mit dem hohen Junta-Mitglied Emilio Massera öffentlich machte, stoppte Bergoglios Karriere in der katholischen Kirche nicht. Mit der Unterredung sollte der Orden und seine Mitglieder geschützt werden, so die Begründung.

Bergoglio, dem ein bescheidenes Auftreten in der Öffentlichkeit während seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires und als Primas der katholischen Kirche Argentiniens bescheinigt wird, ist mitnichten unpolitisch. So legte er sich mehrmals mit dem von 2003 bis 2007 amtierenden peronistischen Präsidenten Nestor Kirchner an, der das Land aus der schweren Wirtschafts- und Finanzkrise führte. Auch mit der derzeitigen Staatschefin Cristina Fernández de Kirchner, die ihrem Mann ins höchste Staatsamt folgte, lag er mehrmals über Kreuz.

Der aufmüpfige Kardinal zog gegen Armut und Korruption zu Felde. Er reagierte auf den wachsenden Unmut von großen Teilen der Bevölkerung über Skandale auf Regierungsebene. Bergoglio prangerte die höher gewordene Kriminalitätsrate und die wieder ansteigende Arbeitslosenquote in Argentinien an, die im vergangenen Herbst zu einer landesweiten Demonstrationswelle führte.

Noch schärfer wandte er sich gegen die Einführung der Homo-Ehe. Die Gesetzesvorlage zur gleichgeschlechtlichen Ehe sei ein Manöver des Teufels, machte Bergoglio aus seiner konservativen Einstellung keinen Hehl und provozierte so eine harsche Reaktion der Präsidentin. Diese Kritik erinnere an Zeiten der Inquisition, keilte Cristina Kirchner zurück.

Als Kirchenoberhaupt wird es Papst Franziskus zwangsläufig direkt mit der von ihm hart kritisierten Präsidentin zu tun bekommen. Dabei wird seine frühere Tätigkeit in Argentinien immer präsent sein. Was auch immer an den Vorwürfen dran ist: Die Debatte um seine Vergangenheit wird Franziskus' Pontifikat belasten.

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Quelle: n-tv.de

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