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Große Rede vor dem EU-Parlament in Straßburg: "Europa wird imstande sein, die mit der Einwanderung verbundenen Problemkreise zu bewältigen."
Große Rede vor dem EU-Parlament in Straßburg: "Europa wird imstande sein, die mit der Einwanderung verbundenen Problemkreise zu bewältigen."(Foto: REUTERS)

Europa eine "unfruchtbare Frau"?: Papst bekam Anruf von Merkel

Damit hat das Oberhaupt von rund 1,2 Milliarden Katholiken nicht gerechnet: Nach seinem Auftritt vor dem EU-Parlament im Herbst 2014 klingelt im Vatikan das Telefon. Am Apparat ist die deutsche Kanzlerin - und sie hat schlechte Laune.

Weil er Europa "mit einer unfruchtbaren Frau verglichen" habe, hat der Papst eigenen Angaben zufolge den Zorn der deutschen Regierungschefin auf sich gezogen. Der Vorfall liegt zwar bereits gut eineinhalb Jahre zurück, gewährt aber dennoch seltene Einblicke in den politischen Betrieb auf höchster Ebene: Papst Franziskus, nach katholischem Verständnis immerhin Stellvertreter Gottes auf Erden, erhielt laut eigener Darstellung nach seinem Auftritt vor dem Europa-Parlament im November 2014 einen Anruf von Angela Merkel.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Papst, hier bei einer Audienz im Februar 2015.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Papst, hier bei einer Audienz im Februar 2015.(Foto: REUTERS)

In dem Telefonat habe sich die Bundeskanzlerin auf seine Rede vor den EU-Abgeordneten bezogen und Äußerungen des Oberhaupts der katholischen Kirche zu Europa deutlich kritisiert, wie Franziskus nun mit einigem zeitlichen Abstand im Interview mit der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera" erzählte.

"Sie war ein bisschen verärgert, weil ich Europa mit einer unfruchtbaren Frau verglichen habe", sagte der Papst rückblickend. Merkel habe demnach sehr erbost auf die Papstrede vor den Parlamentariern reagiert. "Sie hat mich gefragt, ob ich tatsächlich der Meinung sei, Europa könne keine Kinder mehr bekommen", sagte der Papst.

Nicht mehr fruchtbar und lebendig

Er habe geantwortet, so betont Franziskus gegenüber der Zeitung, dass Europa dies durchaus könne, "weil Europa starke und tiefe Wurzeln hat". Offenbar ist ihm das Intermezzo noch in sehr guter Erinnerung. "In seinen dunkelsten Momenten" habe der Kontinent "gezeigt, dass er unerwartete Ressourcen hat", will Franziskus die Kanzlerin beschwichtigt haben. Vor dem EU-Parlament hatte der Papst Europa dagegen indirekt als ausgezehrt bezeichnet. Er sprach unter anderem von "einer Großmutter", die "nicht mehr fruchtbar und dynamisch" sei.

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Wörtlich heißt es in der Rede laut der vom Vatikan veröffentlichten Fassung: "Von mehreren Seiten aus gewinnt man den Gesamteindruck der Müdigkeit, der Alterung, die Impression eines Europas, das Großmutter und nicht mehr fruchtbar und lebendig ist. Demnach scheinen die großen Ideale, die Europa inspiriert haben, ihre Anziehungskraft verloren zu haben zugunsten von bürokratischen Verwaltungsapparaten seiner Institutionen."

Dazu kämen "einige etwas egoistische Lebensstile, die durch einen mittlerweile unhaltbaren Überfluss gekennzeichnet und oft ihrer Umgebung, vor allem den Ärmsten gegenüber gleichgültig sind", wie es in der deutschen Übersetzung weiter heißt. Mit seinen bildstarken Vergleichen bemühte sich der Papst, unter den europäischen Spitzenpolitikern für ein menschlicheres Europa zu werben.

Merkels "Wir schaffen das"

"Das Motto der Europäischen Union ist Einheit in der Verschiedenheit, doch Einheit bedeutet nicht politische, wirtschaftliche, kulturelle oder gedankliche Uniformität." Er rief dazu auf, "den Menschen ins Zentrum zu setzen" und sich von "vielen Manipulationen und Ängsten zu befreien".

An anderer Stelle klingen in der Rede des Papstes sogar bereits Elemente des "Wir schaffen das!" der Kanzlerin an. "Europa wird imstande sein, die mit der Einwanderung verbundenen Problemkreise zu bewältigen, wenn es versteht, in aller Klarheit die eigene kulturelle Identität vorzulegen und geeignete Gesetze in die Tat umzusetzen, die fähig sind, die Rechte der europäischen Bürger zu schützen und zugleich die Aufnahme der Migranten zu garantieren".

Es gehe darum, so sprach der Papst damals den Parlamentiariern ins Gewissen, "korrekte, mutige und konkrete politische Maßnahmen zu ergreifen", die den Herkunftsländern der Migranten bei der "Überwindung der internen Konflikte – dem Hauptgrund dieses Phänomens – helfen, anstatt Politik der Eigeninteressen zu betreiben, die diese Konflikte steigert und nährt." Es sei notwendig, erklärte der Papst, "auf die Ursachen einzuwirken und nicht nur auf die Folgen."

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Quelle: n-tv.de

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