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"Da kommt noch mehr auf uns zu", vermutet NRW-Minister Remmel.
"Da kommt noch mehr auf uns zu", vermutet NRW-Minister Remmel.(Foto: dpa)

Nach Real und Eismann auch Edeka: Pferdefleisch-Betrug ohne Ende

In deutschen Kühlregalen taucht immer Lasagne mit Pferdefleisch auf. Real, Eismann und Edeka rufen Produkte zurück. Aber auch andere Firmen wie Kaiser's Tengelmann und Rewe überprüfen verdächtige Produkte. Die britischen Behörden bestätigen, dass Pferdefleisch mit dem für Menschen gefährlichen Medikament Phenylbutazon in die Nahrungskette gelangte.

Gesundes Pferdefleisch ist für gewöhnlich kein Schnäppchen und gilt als Delikatesse.
Gesundes Pferdefleisch ist für gewöhnlich kein Schnäppchen und gilt als Delikatesse.(Foto: dpa)

Auch die Einzelhandelskette Edeka ist bei der Suche nach Pferdefleisch in Fertiggerichten fündig geworden. In dem Tiefkühl-Produkt "Gut & Günstig Lasagne Bolognese" seien bei Analysen in einzelnen Stichproben geringe Mengen Pferdefleisch gefunden worden, sagte ein Edeka-Sprecher in Hamburg. Zuvor hatte bereits die Firma Eismann in Baden-Württemberg  verdächtige Tiefkühl-Lasagne aus dem Handel genommen. Ob in der Lasagne tatsächlich falsch deklariertes Pferdefleisch enthalten ist, wird derzeit untersucht. Ergebnisse sollen spätestens Anfang der kommenden Woche vorliegen. Das von dem Unternehmen vertriebene Produkt kam laut Ministerium über Nordrhein-Westfalen in den Südwesten.

Auch in einem Brandenburger Lager wurde eine Lieferung mit möglicherweise falsch deklarierter Tiefkühl-Lasagne vorsorglich sichergestellt. Der Berliner Senat geht mehreren Verdachtsfällen nach. Das verdächtige Produkt war ebenfalls über einen Großhändler aus Nordrhein-Westfalen dorthin gelangt. Die Behörden in Niedersachsen haben ihre Kontrollen verschärft. Fertiggerichte mit Hackfleisch würden besonders unter die Lupe genommen, sagte eine Sprecherin des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg. Mit Ergebnissen werde aber erst nächste Woche gerechnet.

Die Supermarktkette Real hatte am Mittwoch eine Tiefkühl-Lasagne zurückgerufen, nachdem bei Stichproben Anteile von Pferdefleisch entdeckt worden waren. Zudem überprüfen Kaiser's Tengelmann, Rewe und Edeka verdächtige Produkte.

Aigner ist empört.
Aigner ist empört.(Foto: dpa)

Auf die Funde reagierten Politiker mit Empörung. "Man könnte fast sagen: Es ist eine echte Sauerei", sagte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) in der ARD. Ihr nordrhein-westfälischer Kollege Johannes Remmel (Grüne) schloss weitere Funde nicht aus. Die EU-Kommission will verarbeitetes Rindfleisch nun mit einem DNA-Test kontrollieren lassen. An diesem Freitag sollen Experten aus allen 27 EU-Staaten über den Vorschlag entscheiden.

Sechs Unternehmen auf der Liste

Aigner und Remmel sprachen von gewaltiger Verbrauchertäuschung. "Das ist kriminell", sagte Remmel der ARD. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast kritisierte die Billig-Produktion von Fleisch. "Beim Pferdefleisch zeigt sich, dass die Billig-Billig-Ideologie wirklich Probleme bereitet", sagte sie im Bayerischen Rundfunk. Aigner begrüßte den Vorschlag aus Brüssel zu den europaweiten Kontrollen.

In Deutschland standen am Mittwoch sechs Unternehmen auf der Kontroll-Liste der Behörden. Aus der Auswertung der Lieferlisten ergebe sich, dass zwischen November 2012 und Januar 2013 über einen Zwischenhändler verdächtige Produkte in größerem Umfang nach Deutschland gekommen seien, hatte Minister Remmel erklärt.

Verbot von Billig-Hack als Ursache?

Medikamentenrückstände in Pferdefleisch könnten für den Menschen gesundheitsschädlich sein.
Medikamentenrückstände in Pferdefleisch könnten für den Menschen gesundheitsschädlich sein.(Foto: dpa)

Derweil scheinen die Briten eine der Ursachen für den Skandal gefunden zu haben. Im vergangenen Jahr hatte die britische Lebensmittelaufsicht FSA auf Anraten der EU-Kommission die Verarbeitung von maschinell gefertigtem Hackfleisch ohne Sehnen plötzlich untersagt. Diese Art von Hack wird aus Kostengründen in industriell hergestellter Fertigkost, Hamburger-Frikadellen und Kebabs benutzt.

Da die Hersteller die Preise niedrig halten wollten, sei ihr Ausweichen auf billige Fleischimporte aus dem Ausland geradezu programmiert gewesen, schrieb die Zeitung "The Times". Der ehemalige Landwirtschaftsminister Jim Paice habe schon im vergangenen Sommer einen Parlamentsausschuss vor möglichen Billigfleisch-Importen gewarnt.

Phenylbutazon in britischem Fleisch nachgewiesen

Der amtierende Landwirtschaftsminister David Heath bestätigte derweil Medienberichte, wonach britisches Pferdefleisch nach Frankreich exportiert wurde, das mit Medikamenten belastet war. Das vermutlich für den Menschen gefährliche Anti-Schmerzmittel Phenylbutazon sei in Proben von insgesamt acht in Großbritannien geschlachteten Pferden gefunden worden.

Phenylbutazon wird häufig bei Pferden eingesetzt. Tiere, die damit behandelt wurden, dürfen allerdings nicht zu Lebensmitteln verarbeitet werden. Bei Menschen wird die Substanz nach Angaben von Verbraucherschützern vereinzelt im Kampf gegen Rheuma eingesetzt. Nebenwirkungen können demnach - auch bei kurzzeitiger Anwendung - Blutungen in Magen und Darm sein. Nähere Erkenntnisse über die Gefahren für den Menschen liegen nach Angaben von Verbraucherschützern bislang aber nicht vor.

DNA-Tests sollen helfen

Die EU-Kommission will mit den DNA-Tests wirksamer gegen falsch deklariertes Fleisch vorgehen. Die ersten 2500 Gentests könnten den Plänen zufolge im März stattfinden, etwa 200 davon in Deutschland, teilte EU-Verbraucherkommissar Tonio Borg am Mittwoch nach einem Krisentreffen acht beteiligter Staaten in Brüssel mit. Ergebnisse sollen Borg zufolge Mitte April veröffentlicht werden. Insbesondere Irland und Großbritannien hatten auf gentechnische Untersuchungen gedrungen.

Menschen könnten "gedopt" werden

Um sicherzustellen, dass Verbraucher mit dem Fleisch keine Pferdemedikamente zu sich nehmen, will die EU-Kommission eine weitere Testreihe vorschlagen. Dabei sollen die Behörden Pferdefleisch auf mögliche Rückstände des Medikaments Phenylbutazon untersuchen. Das Mittel wird bei Pferden gegen Entzündungen eingesetzt. Es gilt auch als Doping-Mittel im Pferdesport. 1500 in die EU eingeführte Pferdekadaver sollten untersucht werden, zudem 2500 in Europa geschlachtete Tiere.

In den vergangenen Wochen waren in mehreren Ländern der EU Fertiggerichte entdeckt worden, in denen statt des angegebenen Rindfleischs auch oder ausschließlich Pferdefleisch verarbeitet worden war. Die Europäer verspeisen nach Angaben der EU-Kommission wissentlich jährlich 110.000 Tonnen Pferd, 70.000 Tonnen davon aus heimischer Zucht.

Quelle: n-tv.de

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