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Tatort in Georgensgmünd: Eine gelbe Linie markiert die Grenzen rund um das Anwesen von "Reichsbürger" Wolfgang P.
Tatort in Georgensgmünd: Eine gelbe Linie markiert die Grenzen rund um das Anwesen von "Reichsbürger" Wolfgang P.(Foto: dpa)
Mittwoch, 30. August 2017

SEK-Polizisten im Zeugenstand: "Reichsbürger" schoss ohne Vorwarnung

Chaos, Splitter, umherfliegende Kugeln: Im Prozess gegen den "Reichsbürger" aus Mittelfranken schildern mehrere Beamte Details zum Ablauf des tödlichen Polizeieinsatzes in Georgensgmünd. Schon die ersten Schüsse waren demnach tödlich.

Beim Polizeieinsatz gegen den "Reichsbürger" aus Georgensgmünd wurden die Beamten eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) laut Aussage eines Polizisten bereits von den ersten Schüssen getroffen. Die verletzten SEK-Beamten seien von der Zimmertür weggetaumelt, und andere Kollegen hätten das Feuer erwidert, schilderte der Polizist die Situation in dem Haus des Waffenbesitzers als einer von mehreren Zeugen vor dem Landgericht in Nürnberg.

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Dort muss sich der 49-jährige Wolfgang P., der als Anhänger der "Reichsbürger"-Bewegung gilt, seit Dienstag wegen Mordes und versuchten Mordes an Polizeibeamten verantworten. Laut Anklage schoss der Mann bei dem Routineeinsatz im Oktober 2016 elfmal auf die Beamten. Ein Polizist wurde getötet, zwei weitere verletzt.

Zunächst sei weiter geschossen worden, berichtete der SEK-Beamte, der bei dem Einsatz unmittelbar neben dem tödlich getroffenen Polizisten stand. Es habe "Splitterregen" und Dampf gegeben. Dann sei ein kurzer "Moment des Innehaltens" gefolgt, sagte der Zeuge. Wie viele Schüsse die Beamten abgaben, blieb zunächst unklar.

"Alle haben sich orientiert und geschaut, was los ist." Er habe seinen schwer verletzten Kollegen, der später gestorben ist, angesprochen und gefragt, wie es ihm gehe. Der Zeuge stockte bei seiner Schilderung mehrfach und musste tief durchatmen. Nach einer kurzen "Chaosphase" sei der Angeklagte aus der Wohnung gekommen, habe eine weiße Schutzweste und eine Unterhose oder kurze Hose getragen.

Einsatz mit Blaulicht und Martinshorn

Wie viel Zeit zwischen dem letzten Schuss und dem Moment verging, als der "Reichsbürger" aus der Wohnung trat, konnte der Zeuge nicht sagen. Mit Kollegen habe er den Angeklagten abgeführt. Sein getroffener 32-jähriger Kollege, der später starb, sei die Treppe im Haus herunter getaumelt. Er habe ihn nach draußen begleitet, wo dieser zusammengebrochen sei.

Mit Schüssen durch die geschlossene Tür hätten sie nicht gerechnet, sagten mehrere SEK-Beamte im Zeugenstand. "Wir wussten zwar von Waffen, die Schüsse waren aber überraschend." Die Polizisten berichteten, während des Einsatzes habe vor dem Haus ein ziviler Einsatzbus mit eingeschaltetem Blaulicht und Martinshorn gestanden. Zudem hätten sich die Beamten mit Rufen wie "Achtung Polizei" zu erkennen gegeben.

Notwehr durch die geschlossene Tür?

Bei dem Einsatz sollten die rund 30 Waffen des Hobby-Jägers beschlagnahmt werden. Der Mann galt aufgrund verschiedener Vorkommnisse bei den Behörden als nicht mehr zuverlässig. Vor Gericht gab er zunächst nur an, er sei der "freie Mann Wolfgang". Aus Sicht der Verteidigung wusste der Angeklagte nicht, dass es sich um einen Polizeieinsatz handelte. Er sei von einem Überfall ausgegangen und habe aus Notwehr gehandelt.

"Reichsbürger" erkennen die Bundesrepublik nicht als Staat an. Stattdessen behaupten sie, das Deutsche Reich bestehe bis heute fort. Sie sprechen Grundgesetz, Behörden und Gerichten die Legitimität ab und akzeptieren keine amtlichen Bescheide. Vor dem Einsatz der SEK-Beamten hatte sich der Angeklagte mehreren Kontrollen durch die zuständigen Behörden widersetzt und dabei auch Polizeibeamten den Zutritt zu seinem Grundstück in Georgensgmünd verweigert.

Quelle: n-tv.de

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