Katastrophe in KatowiceRetter geben auf
Knapp 24 Stunden nach dem Einsturz einer Messehalle in Südpolen haben die Rettungskräfte die Suche nach Überlebenden eingestellt. Unter den mindestens 66 Toten sind zwei Deutsche. Die Feuerwehr glaubt, dass alle Opfer des Unglücks geborgen sind und keine Leichen mehr unter den Trümmern liegen. Unterdessen wurden Vorwürfe gegen die Betreiber laut: Von verschlossenen Notausgängen und einer dicken Schneedecke auf dem Dach ist die Rede.
Beim Einsturz des Daches einer Messehalle im oberschlesischen Kattowitz sind mindestens 66 Menschen getötet worden, darunter zwei Deutsche. Auch unter den Verletzten der Tragödie vom Samstagabend, deren Zahl zuletzt mit 141 angegeben wurde, befänden sich vier Deutsche, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes am Sonntag auf Anfrage.
Die Rettungskräfte brachen knapp 24 Stunden nach dem Unglück am späten Sonntagnachmittag die Suche nach Verschütteten ab. Am Montag soll eine Spezialfirma mit schwerem Räumgerät mit dem Abbruch der Halle beginnen. Zuvor werden noch einmal Leichenspürhunde eingesetzt, um sicher zu stellen, dass keine Toten mehr zwischen den Trümmern liegen, sagte Krzysztof Mejer, Sprecher der oberschlesischen Regionalverwaltung.
Schwere Last durch Schneedecke
In einem ersten Bericht der Sonderkommission, die die schwerste Baukatastrophe in der Geschichte Polens untersuchen soll, erhärtete sich der Verdacht, dass das Dach am späten Samstagnachmittag unter der Schneelast einbrach. Den Ermittlungen zufolge war eine 50 Zentimeter dicke gefrorene Schneedecke auf dem Hallendach, sagte Transportminister Jerzy Polaczek. Im ganzen Land sollen zur Vermeidung ähnlicher Katastrophen Einkaufszentren, Supermärkte, Markthallen, Schwimmbäder und andere großflächige Gebäude mit Flachdächern auf Baumängel und Schneedecken geprüft werden. Die Verantwortlichen der Kattowitzer Messegesellschaft wurden von Polizei und Staatsanwaltschaft vernommen. In der Halle hatte eine internationale Brieftaubenschau stattgefunden. Zum Zeitpunkt des Unglücks sollen 500 bis 1000 Menschen in der Halle gewesen sein.
Die Katastrophe erinnert an die Tragödie im oberbayerischen Bad Reichenhall am 2. Januar. Als dort das schneebedeckte Dach der Eissporthalle einbrach, kamen 15 Menschen ums Leben.
Bei dem toten Deutschen in Katowice handelt es sich vermutlich um einen bayerischen Taubenzüchter. Ein Bekannter des Züchters sagte der dpa, der Mann sei unter den Trümmern eingeklemmt gewesen und schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht worden. Dort sei er seinen Verletzungen erlegen. Woher der zweite Tote aus der Bundesrepublik kommt, ist noch nicht geklärt. Unter den Toten und Verletzten sind nach Angaben eines Behördensprechers insgesamt 13 Ausländer. Zu deren Identität gab es jedoch keine genauen Angaben. Deshalb bleibt es vorerst bei der Zahl von 66 Toten.
Trotz des fieberhaften Einsatzes hunderter Helfer sah der Krisenstab seit Sonntagmorgen kaum noch Chancen, Opfer lebend zu finden. "Wir gehen bis zuletzt so vor, als ob wir Lebende bergen, aber die Wahrscheinlichkeit liegt bei Null", sagte Einsatzleiter Janusz Skulich. Doch seit Samstagabend um 22.00 Uhr seien keine lebenden Opfer mehr gefunden worden.
Wettlauf gegen die Zeit
Auch der Einsatz von Spürhunden blieb ohne Erfolg. Bei Temperaturen von minus 15 Grad wurden die Rettungsarbeiten zum Wettlauf gegen die Zeit. "Eine solche Katastrophe hat es in Polen noch nicht gegeben", sagte Andrzej Urbanski, der Leiter der polnischen Präsidentenkanzlei, in der Nacht zum Sonntag vor Journalisten in Kattowitz.
Der 57-jährige Tscheche Lubomir Hapl gehörte zu den Überlebenden des Unglücks. Er schilderte der Prager Nachrichtenagentur CTK den Augenblick der Tragödie. "Wir wollten gerade aus der Halle nach Hause gehen, als wir die Schreie hörten. Ich sah, wie Menschen zu laufen begannen. Mir war in diesem Moment nicht klar, was eigentlich los ist. Dann aber bemerkte ich, dass das Dach runterkam. Es kam wirklich wie eine Lawine runter." Die Behörden in Prag bestätigten am Sonntagnachmittag den Tod von zwei Tschechen. Vermutlich sei auch ihr Begleiter ums Leben gekommen.
Staatstrauer angeordnet
Polens Staatspräsident Lech Kaczynski ordnete Staatstrauer bis Mittwoch an. Für die Beerdigungskosten der Opfer soll der polnische Staat aufkommen. In der Kathedrale der Bergbaumetropole fand am Sonntag eine Messe für die Opfer der Katastrophe statt, an der auch Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz teilnahm. Er hatte sich schon in der Nacht vor Ort über den Rettungseinsatz informiert und unbürokratische Hilfe versprochen.
Auf der internationalen Messe "Taube 2006", die bis Sonntag dauern sollte, stellten nach Veranstalterangaben auch Brieftaubenzüchter aus Deutschland, Belgien, den Niederlanden und der Ukraine aus. Die Messe hat jedes Jahr mehr als 12 000 Besucher. Die eingestürzte Halle ist mit einer Länge von 150 Metern die größte auf dem Kattowitzer Messegelände.
Berichte über verschlossene Notausgänge
Bei dem Ingolstädter Taubenzüchter Gerd Lörch entschied der Zufall über Leben und Tod. "Zwei Meter neben uns wurden die Leute verschüttet. Wir haben sehr großes Glück gehabt", sagte er am Sonntag der dpa. In letzter Sekunde entkam er aus der Halle mit zwei Tauben in der Hand.
Andere Überlebende und Rettungskräfte aus Deutschland berichteten unterdessen von verschlossenen Notausgängen. "Die Türen waren de facto zu. Wir hatten das bereits am Freitag festgestellt, als wir aus Versehen durch eine solche Tür raus wollten. Die waren wie zugesperrt. Ob man die Türen von innen irgendwie entriegeln konnte, weiß ich nicht", berichtete Wolfgang Rekowski aus Bad Berleburg (Nordrhein-Westfalen) der dpa telefonisch vom Unfallort.
"Ob die zugesperrt waren oder durch die verschobene Statik blockiert waren, weiß ich nicht", sagte der Geschäftsführer des privaten Münchner Rettungsdienstes MKT, Robert Schmitt. Eine Überlebende sagte im polnischen Rundfunk, die Notausgänge seien durch Schnee blockiert gewesen.