Panorama
(Foto: imago/McPHOTO)
Dienstag, 26. April 2016

Telefonieren ist out: Ruf mich NICHT an!

Von Diana Sierpinski

Fast alle Menschen sind fast den ganzen Tag in der Nähe eines Telefons. Ans Telefon aber gehen sie nicht. Seit wann ist telefonieren out und warum?

In der DDR war das Telefon Luxus. 1990 gab es dort gerade mal 1,6 Millionen Anschlüsse, in der Bundesrepublik dagegen fast 30 Millionen. Keine zehn Jahre später waren bundesweit 97 Prozent der Menschen ans Telefonnetz angeschlossen - ein nie wieder erreichter Wert.

Aktuelle Studien belegen, dass die Mehrheit der jungen Deutschen lieber textet, als zum Telefonhörer zu greifen und zu reden. 90 Prozent der über 14-Jährigen besitzen ein Handy, jeder Dritte hat es sogar auf der Toilette dabei. Fast alle Menschen sind fast den ganzen Tag in der Nähe eines Telefons. Ans Telefon aber gehen sie nicht. Seit wann ist telefonieren out und warum?

Der britische "Observer" nahm sich dieser Frage an und kam zum Ergebnis, dass Anrufe unangenehm, störend und sogar unhöflich sind. Nichts sei unnatürlicher, als Menschen unangekündigt per Telefon zu belästigen, lautet der Grundtenor des Kommentars. Und warum jemanden anrufen, um in einem unpräzisen Wortschwall den Sachverhalt zu schildern, wenn es mit einem prägnanten Text oder der Übermittlung von Bild- und Videodaten umso effizienter getan ist?

Die US-amerikanische Soziologin Sherry Turkle vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) führte für ihr neuestes Buch "The Power of Talk in the Digital Age" Interviews zum Kommunikationsverhalten junger Menschen. Den Befragten zufolge ist das Problem bei Telefongesprächen, dass diese in Echtzeit stattfänden und man dabei nicht kontrollieren könne, was man sagt. Das erinnert an die Worte des englischen Erzählers Edward Morgan Forster: "Wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?"

"Das Telefon verdient zu sterben"

Verzichten also immer mehr Menschen auf das gute alte Telefongespräch, weil sie die Kontrolle über ihre Worte behalten wollen? Um sich vor der Spontaneität des persönlichen Gesprächs zu schützen, werden fein säuberlich komponierte Nachrichten verfasst und selbst im Freundeskreis verabredet man sich per SMS zum Telefonieren. "Das Telefon verdient zu sterben", schreibt der Technologieexperte Clive Thomp­son in der Zeitschrift "Wired". Bei Facebook oder im Chat könne man sehen, ob jemand online und prinzipiell bereit ist, Kontakt aufzunehmen. Das Telefon habe keine solche Kontrollfunktion, jammert Thompson.

Dass Thompson mit seiner selbst erklärten Telephobie nur einer unter vielen ist, zeigt die Website "Warum-ich-keine-Anrufe-mag.de". Der Autor der Homepage, der sich Finja nennt, aber eigentlich Holger heißt, erklärt, warum er die meisten Anrufe nicht annimmt und warum er E-Mails so liebt. Er listet neun gute Gründe auf, warum Telefonanrufe "richtig doof sind ... und zwar schon seit 1998. Voll 90er, ey!"

  • "Weil ich ziemlich beschäftigt bin"
  • "Weil Anrufe manchmal unangenehm und unpassend sind"
  • "Weil mein Terminkalender und meine Todo-Listen auf meinem Handy gespeichert sind"
  • "Weil telefonieren genauso unhöflich ist, wie wenn man plötzlich im Büro stehen würde"
  • "Weil ein Anruf keine Spuren hinterlässt"
  • "Weil ich dir meine Telefonnummer wahrscheinlich nicht freiwillig gegeben hab"
  • "Anrufe lassen sich nicht sortieren oder priorisieren"
  • "Weil ich vergesslich bin"

Zur Jahrtausendwende wäre wohl kaum jemand auf die Idee gekommen, Anrufer abzuwimmeln, indem man ihn zum Senden einer E-Mail auffordert. Denn was als unhöflich gilt, bestimmen immer die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. So galt es in Zeiten des linearen TV-Konsums als unausgesprochen ausgesprochene Regel, während der großen Nachrichtensendungen vor dem Hauptabendprogramm bloß keine Telefonate abzusetzen. In Zeiten von Mediatheken, Netflix und Co. ist das freilich längst nicht mehr der Fall.

Heute können immer mehr Prozesse abgewickelt werden, ohne sprechen zu müssen. Es wird zunehmend leichter, der direkten Konversation zu entgehen. Glücklich ist, wer nicht sprechen muss.

Quelle: n-tv.de

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