Panorama

Spektakulärer SpionageprozessRussisches Agentenpaar verurteilt

02.07.2013, 10:24 Uhr
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Andreas Anschlag (Mitte) und seine Ehefrau Heidrun (hinten links) spionierten viele Jahre für den KGB. (Foto: dpa)

Ihre echten Namen bleiben bis zuletzt geheim. Doch das Stuttgarter Oberlandesgericht ist sicher: Das Paar, das unter dem Namen Andreas und Heidrun Anschlag in Deutschland lebte und arbeitete, spionierte für Russland. Dafür müssen sie nun jahrelang ins Gefängnis.

Das Stuttgarter Oberlandesgericht hat ein russisches Agentenpaar zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Gegen den Angeklagten Andreas Anschlag verhängte das Gericht eine sechseinhalbjährige Gefängnisstrafe, gegen Heidrun Anschlag fünfeinhalb Jahre Haft. Das Gericht sprach die beiden Angeklagten, deren wahre Identität im Prozess unbekannt blieb, der geheimdienstlichen Agententätigkeit schuldig.

Die Richter sahen es als erwiesen an, dass die beiden Angeklagten viele Jahre für den russischen Auslandsgeheimdienst KGB und dessen Nachfolger SWR spioniert hatten. Dabei soll das Paar, das sich als österreichische Staatsangehörige mit südamerikanischer Herkunft ausgegeben hatte, amtliche Dokumente über EU- und NATO-Angelegenheiten nach Moskau weitergegeben haben. Mehr als 20 Jahre lang sollen der Mann und die Frau für den russischen Auslandsgeheimdienst KGB und dessen Nachfolger SWR spioniert haben.

Nach außen hin führten beide ein unauffälliges Leben unter den Namen Andreas und Heidrun Anschlag. Die echten Namen kennt nicht einmal das Gericht. Österreicher, wie es in ihren Pässen steht, sind sie nicht - vielmehr Russen. Alexander und Olga sollen sie heißen, 55 und 52 Jahre alt sein. Das war es dann aber auch schon.

Biedere Fassade

Unstrittig ist ihr Doppelleben. So unauffällig sie vor Gericht erschienen, so bieder lebten sie als Familie. Mutter Anschlag zog die Tochter groß. Sie backt gern, heißt es. Ihr Mann war als Ingenieur bei Kollegen und Chefs beliebt. Zuletzt wohnten sie in zwei Wohnungen im hessischen Marburg und im baden-württembergischen Balingen.

Dramatischer Geheimnisverrat geht anders, behauptete Anwalt Horst-Dieter Pötschke, der schon Kanzleramtsspion Günter Guillaume vertrat. Man denke nur an die Datensammlung der Amerikaner und Briten, die momentan weltweit für Empörung sorgt. Dagegen sei sein Mandant Andreas Anschlag ein kleines Licht. "Mir kommt es vor wie zwei Steinzeitmenschen, die Steintafeln übergeben", sagte ein Verteidiger in seinem Plädoyer. Vor allem aus Loyalität zu seinem russischen Vaterland habe er die Dokumente an den KGB-Nachfolger SWR geschickt. Das Verfahren galt als einer der größten Spionageprozesse seit Ende des Kalten Krieges.

Nach Überzeugung der Anklage unterwiesen sie dafür einen Maulwurf im niederländischen Außenministerium. Von 2008 bis 2011 sollen sie dann Dokumente von ihm an ihre Auftraggeber beim KGB-Nachfolger SWR weitergereicht haben. Wichtige Unterlagen, die Deutschland und seine Bündnispartner in Verhandlungen hätten schwächen können, sagt der Bundesanwalt. Kaum gesicherte und damit wahrscheinlich wertlose Dokumente, antworten die Verteidiger. "Man kann überspitzt von einer Einladung zur Selbstbedienung sprechen", sagt einer. 100.000 Euro im Jahr sollen die Anschlags für ihre Dienste kassiert haben.

USB-Sticks in Erdlöchern

Filmstoff böten mit Sicherheit die Übermittlungsmethoden des Paares mit den Decknamen "Pit" und "Tina". Die ergaunerten Dokumente wurden laut Bundesanwalt auf USB-Sticks gezogen und in Erdlöchern versteckt, wo die Empfänger sie abholten. Verschlüsselte Informationen gingen laut Anklage über Satellit und Kurzwelle hin und her. Zum Teil wurden sie auch in Kommentaren auf der Internetplattform Youtube versteckt. So soll Heidrun Anschlag als "Alpenkuh" ein "Alles o.k." an ihre Auftraggeber gesendet haben.

Vor Gericht äußern sich die Angeklagten nicht. Die "Agentenehre" gebiete es zu schweigen, erklären ihre Anwälte. "Eiskalt" seien ihre Mandanten trotzdem nicht. Als die GSG 9 das Haus von Heidrun Anschlag bei Marburg gestürmt habe, sei diese vor Schreck vom Stuhl gefallen und habe erst mal nur noch stammeln können. Durch Tipps, etwa aus den USA, waren die Ermittler dem Paar auf die Spur gekommen.

Quelle: ntv.de, dpa