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Wollen nicht nur Trost, sondern mehr Wertschätzung für ihren Beruf: Hunderttausende Erzieherinnen streiken.
Wollen nicht nur Trost, sondern mehr Wertschätzung für ihren Beruf: Hunderttausende Erzieherinnen streiken.(Foto: picture alliance / dpa)

Unterschätzt und schlecht bezahlt?: So viel verdienen Kita-Erzieherinnen

Von Diana Sierpinski

Steigende Verantwortung, unzählige Überstunden und schlechte Bezahlung: Hunderttausende Erzieherinnen und Erzieher fordern bessere Arbeitsbedingungen und höhere Gehälter. Dabei sind die Löhne in den letzten sechs Jahren schon um 30 Prozent gestiegen. Wenn man den Durchschnittsverdienst verschiedener Branchen des öffentlichen Dienstes vergleicht, dann steht diese Berufsgruppe gar nicht schlecht da. Viel schwerer wiegt dagegen die Frage nach der Belastung bei der Arbeit. Ein Überblick in Zahlen.

Wie viel verdienen Erzieherinnen im Durchschnitt?

Beim Einstiegsgehalt gibt es laut Gewerkschaft Verdi ein große Spanne zwischen etwa 1800 Euro und 3100 Euro brutto im Monat. Allerdings arbeiten knapp 60 Prozent der Erzieherinnen in Teilzeit, oft ungewollt. Ihr reales Einkommen liegt damit also deutlich darunter. Laut Lohnspiegel der Hans-Böckler-Stiftung verdienen Erzieherinnen im Durchschnitt brutto monatlich 2540 Euro in Westdeutschland und 2340 Euro in Ostdeutschland.

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In den öffentlichen Einrichtungen regelt der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) die Gehälter in Abhängigkeit nach Tätigkeit und Berufsjahren. Die Standardgruppe für Erzieher ist S 6. Dort wird ein Einstiegsgehalt von 2590 Euro brutto angegeben. Leitende Führungskräfte erhalten die Einkommensgruppe S 10 und damit 2857 Euro. Mit der höchsten Stufe in dieser Gruppe verdient man 3974 Euro.

Was wollen die Gewerkschaften?

Die Gewerkschaften verlangen für die 240.000 Beschäftigten im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst neue Eingruppierungsregeln und Tätigkeitsmerkmale, was letztlich zu zehn Prozent mehr Gehalt führen soll.

Tatsächlich sind die Aufgaben von Erziehern in den vergangenen Jahren gestiegen. Ein Grund, weshalb viele Kita-Beschäftigte über eine schlechte Bezahlung und fehlende Wertschätzung klagen. So bekommt eine Erzieherin mit achtjähriger Tätigkeit laut Verdi derzeit 2946 Euro brutto im Monat, nach den Vorstellungen der Gewerkschaft soll sie künftig 3387 Euro erhalten.

Die Arbeitgeber halten das für nicht bezahlbar und argumentieren: Die meisten Erzieherinnen seien bereits in die höchste Erfahrungsstufe eingruppiert und hätten damit ein Monatsgehalt von 3289 Euro - deutlich mehr als manch Beschäftigter in privaten und kirchlichen Einrichtungen.

Wie hoch ist der Männeranteil im Beruf?

Mehr als 96 von 100 Kita-Fachkräften im Land sind weiblich. Bundesweit liegt der Anteil männlicher Mitarbeiter im pädagogischen Bereich der Kindertagesstätten derzeit bei gerade einmal 3 Prozent und hier sind männliche Praktikanten, Absolventen eines freiwilligen sozialen Jahres sowie Zivildienstleistende und ABM-Kräfte mit einem Anteil von insgesamt 0,6 Prozent bereits mitgezählt.

In absoluten Zahlen ausgedrückt: Unter insgesamt 362.215 registrierten Beschäftigten im pädagogischen Kitabereich finden sich gerade einmal 10.745 Männer. Diese Zahlen veröffentlichte das Bundesfamilienministerium in einer Studie zur Situation von Männern in Kindertagesstätten im September 2014. Für Männer ist der Beruf nicht nur wegen der schlechten Bezahlung unattraktiv, es gibt auch fast keine Aufstiegschancen.

Wie sind die Arbeitsbedingungen?

Erzieher, die unter den TVöD fallen, haben in Vollzeit eine 39-Stunden-Woche. In einzelnen Bundesländern gibt es eine 40-Stunden-Woche. 30 Tage Urlaub stehen ihnen pro Jahr zu. Das ist gegenüber den Vorjahren eine Verbesserung. Bis zum Jahr 2012 hatten Erzieher bis zum vollendeten 30. Lebensjahr nur 26 Tage Urlaub, bis zum 40. Lebensjahr 29 Tage Urlaub und erst danach 30 Tage Urlaub.

Wie viele Kinder kommen auf einen Erzieher?

In der frühkindlichen Bildung bleibt Qualität oft auf der Strecke. Der Grund ist schnell ausgemacht: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung fehlen im Schnitt 120.000 Vollzeitstellen in Kindergärten, Kindertagesstätten und Horten. Im Osten Deutschlands betreut eine Krippenerzieherin mehr als sechs Kinder, im Westen sind es der Berechnung zufolge 3,8 Kinder. Empfohlen sind drei Kinder pro Erzieherin.

Bei den Drei- bis Sechsjährigen sollte eine Fachkraft nicht mehr als 7,5 Kinder betreuen. Tatsächlich liegt der Betreuungsschlüssel derzeit in den alten Bundesländern bei 1 zu 9,1, in den neuen bei 1 zu 12,7. In Mecklenburg-Vorpommern ist er am höchsten: Hier hat eine Erzieherin in der Regel fast 14 oder 15 Kinder zu betreuen.

Zieht man die Zeit ab, die Erzieherinnen und Erzieher für Aufgaben wie Elterngespräche, Teamsitzungen und Fortbildungen brauchen, dann sieht der reale Betreuungsschlüssel überall noch einmal schlechter aus. Nach Berechnungen der Stiftung würden hierzulande 120.000 Erzieherinnen und Erzieher mehr gebraucht, um Wunsch und Wirklichkeit in Sachen Betreuungsschlüssel zur Deckung zu bringen.

Wie hat sich das Gehalt von Erziehern entwickelt?

Nicht zuletzt durch das Engagement der Gewerkschaften hat sich das Gehalt in den vergangenen Jahren bereits enorm verbessert. Seit 2009 stiegen die Löhne um gut 30 Prozent. Das sind Steigerungen weit über dem Durchschnitt der meisten Branchen. So haben zum Beispiel die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie seit 1990 gerade einmal eine reale Einkommenssteigerung von 20 Prozent erfahren.

Allerdings kommen die Erzieher insgesamt aber auch von einem äußerst geringen Niveau. So verdienen Kfz-Mechaniker mit gut 2830 Euro und Paketzusteller mit gut 2966 Euro deutlich mehr. Krankenhauspersonal oder Feuerwehrleute hingegen werden geringer vergütet als Kita-Erzieherinnen.

Über welches Ausbildungsniveau verfügen Erzieher in Deutschland?

Fast 70 Prozent aller Beschäftigten haben eine Ausbildung zum Erzieherin absolviert. Immerhin jeder 20. hat ein Hochschulstudium absolviert und in der Regel Pädagogik oder Erziehungswissenschaften studiert. Der Rest ist entweder gelernter Kinderpfleger oder verfügt über eine andere gleichwertige Berufsausbildung.

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

In Finnland, Frankreich oder Schweden ist die öffentliche Kinderbetreuung sehr gut ausgebaut. Spätestens ab drei Jahren besuchen fast alle Kinder den Kindergarten. In allen drei Ländern ist das Personal sehr gut ausgebildet, häufig haben die Erzieher ein Studium abolviert. Und sie werden auch dementsprechend bezahlt: Ihr Gehalt orientiert sich an dem von Lehrern.

Quelle: n-tv.de

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