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Die Ursachen für den Absturz der Germanwings-Maschine sind weiter völlig unklar.
Die Ursachen für den Absturz der Germanwings-Maschine sind weiter völlig unklar.(Foto: picture alliance / dpa)

Absturz von Germanwings-Flug 4U9525: Spielten die Sensoren verrückt?

Ein plötzlicher Sinkflug, kein Notsignal und dann ein Crash in den Alpen, bei dem 150 Menschen sterben: Der Absturz der Germanwings-Maschine gibt den Ermittlern Rätsel auf. Luftfahrtexperte Peter Bernard Ladkin erklärt im Gespräch mit n-tv.de, was mit dem Unglücksflieger passiert sein könnte.

n-tv.de: Experten stehen beim Absturz der Germanwings-Maschine in Südfrankreich vor einem Rätsel. Was glauben Sie war die Ursache?

Peter Bernard Ladkin: Eigentlich gibt es nur fünf Möglichkeiten. Die erste ist menschliches Versagen. Alle anderen Probleme sind technische Fehler: Es gab einen Druckabfall in der Kabine. In so einem Fall sind die Passagiere gefährdet und die Maschine muss schnell sinken, aber den Sinkflug vor 7000 Fuß Höhe wieder stoppen. Da ist der Druck dann wieder so hoch wie im Flugzeug. Die dritte Möglichkeit ist ein Brand, da muss man so schnell wie möglich landen. Die vierte Möglichkeit ist ein Triebwerkausfall. Da lässt man die Maschine langsam nach unten sinken und versucht, das Triebwerk wieder zu starten. Nach dem Restart geht man wieder nach oben. Die fünfte Möglichkeit ist ein Luftdatenproblem.

Was bedeutet das?

Das Flugzeug hat an der Außenhülle Sensoren, die permanent Luftgeschwindigkeit und Anstellwinkel messen. Denn wenn es zu steil steigt oder sinkt, gibt es einen Strömungsabriss und die Maschine kann abstürzen. Diese Sensoren sind anfällig für Wetter oder schlechte Wartung. Wenn es kalt ist und sich in den Sensoren Wasser oder Eisteilchen sammeln, können sie vereisen und liefern dann falsche Daten an den Bordcomputer. Dadurch kann es zu einem unerwünschten Flugverhalten kommen, wie einem Sinkflug. Für so einen Fall ist die Besatzung aber trainiert. Und es gibt im Airbus A320 mehrere unabhängige Sensorsysteme und Bordcomputer, die man auch ausschalten kann, falls sie falsch funktionieren.

Was ist die wahrscheinlichste Erklärung?

Darüber kann man noch überhaupt nichts sagen. Ohne Daten aus dem Flugschreiber kann man keine zuverlässige Einschätzung abgeben. Was man bisher weiß ist, dass die Maschine aus bisher ungeklärten Umständen in einen Sinkflug überging, der etwa neun bis zehn Minuten dauerte. Danach flog sie auf einer Höhe von 7000 Fuß, also etwas mehr als 2100 Metern, noch einige Minuten weiter und prallte dann anscheinend gegen eine Steilwand. Das zeigen die Daten von Internetseiten, auf denen man die Bewegung der Maschine nachvollziehen kann. Die entscheidende Frage ist: Warum ist dieser A320 nach dem Sinkflug weiter auf die Alpen zugeflogen, statt zu landen? Das macht keinen Sinn: Die Alpen sind an vielen Stellen höher als 7000 Fuß. Es stellt sich also die Frage, ob die Crew bei dem Sinkflug das Bewusstsein verloren hat.

Kann man menschliches Versagen ausschließen?

Menschliches Versagen bleibt natürlich eine Möglichkeit. Aber für rein menschliches Versagen gibt es bei diesem Absturz überhaupt keine Anhaltspunkte. Ich wäre sehr erstaunt, wenn menschliches Versagen die einzige Ursache für dieses Unglück wäre. Es sieht alles danach aus, als ob die Besatzung ein Problem hatte und es auch abgearbeitet hat. Und dabei ist dann irgendetwas schiefgegangen.

Spricht der Weiterflug auf niedriger Höhe nicht dafür, dass es ein Problem mit den Sensoren gab?

Nicht unbedingt. Man kann an dieser Maschine praktisch alles ausschalten. Man kann sie mit oder ohne Flugdaten der Sensoren fliegen. Oder einfach nach Erfahrung und Sicht, Neigung und Schub. 

Im November gab es doch aber bereits einen ähnlichen Fall: Eine Lufthansa-Maschine aus derselben Baureihe wie der abgestürzte Airbus ging nach dem Start in Bilbao plötzlich in den Sinkflug über, weil die Flugsensoren vereist waren und den Bordcomputer mit falschen Daten fütterten. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen diesem Beinahe-Crash und dem Absturz in den Alpen?

Nur insoweit, als dass ein Sensorendefekt wie im November bei der Maschine aus Bilbao theoretisch auch die Ursache für den Absturz des Germanwings-Flugs sein könnte. Es gibt aber einen Unterschied: Die Maschine im November ging unabsichtlich in den Sinkflug, er dauerte nur kurz und wurde von der Besatzung relativ schnell korrigiert. Bei dem tatsächlich abgestürzten Germanwings-Flug dauerte der Sinkflug neun Minuten. Das deutet auf einen absichtlichen Sinkflug hin. Bei der Maschine aus Bilbao war es dagegen ein unerwünschter Sinkflug durch den vereisten Sensor. Wenn die abgestürzte Maschine unabsichtlich gesunken sein sollte, hätte die Besatzung das relativ schnell wieder korrigieren können.

Ist es denkbar, dass der Absturz auch auf einen ungewollten Sinkflug wegen eines defekten Flugsensors zurückgeht, den die Besatzung diesmal eben aber nicht mehr in den Griff bekommen hat?

Aus meiner Sicht ist das unwahrscheinlich. Ein Sinkflug mit einer Geschwindigkeit von 4000 Fuß pro Minute deutet darauf hin, dass die Maschine höchstwahrscheinlich nicht außer Kontrolle geraten ist. Einen unerwünschten Sinkflug kann die Besatzung sicher innerhalb von neun Minuten korrigieren. Das deutet darauf hin, dass es eben kein unerwünschter Sinkflug war, sondern ein geplanter. Aber genau sagen kann man das natürlich nicht ohne die Daten aus dem Flugschreiber.

Germanwings sagt, ein Technik-Problem, wie es kürzlich bei der Lufthansa-Maschine aus Bilbao bekanntgeworden war, sei bei dem Unglücksflieger deshalb nicht zu erwarten, weil er mit aktuellster Computertechnik ausgestattet gewesen sei. Sehen Sie das auch so?

Für ein Computerversagen gibt es bei diesem Absturz überhaupt keinen Anhaltspunkt. Und selbst wenn: In der Geschichte der Luftfahrt ist ein reines Computerversagen nie die alleinige Ursache für den Absturz eines Linienfluges gewesen. Es gibt zwar insgesamt drei Fälle, in denen es Computerprobleme gegeben hat, in Australien, bei den Fluggesellschaften Malaysian Airlines und Qantas. Aber keine dieser Maschinen ist abgestürzt. Und kein Mensch ist gestorben.

Ob das Computersystem des abgestürzten Flugzeugs alt oder neu war, ist also nicht die entscheidende Frage?

Richtig. Auch ob das Flugzeug insgesamt besonders alt war, spielt keine wirkliche Rolle.

Mit Peter Bernard Ladkin sprach Hannes Vogel.

Quelle: n-tv.de

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