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In immer mehr Städten schmücken "Guerilla-Stricker" die Straßen mit bunter Wollkunst.
In immer mehr Städten schmücken "Guerilla-Stricker" die Straßen mit bunter Wollkunst.(Foto: dpa)

Pullis für Poller: Stadtstricker verzieren Hannover

Ein Schal für die Straßenlaterne, ein Pulli für den Poller - in immer mehr Städten schmücken "Guerilla-Stricker" die Straßen mit bunter Wollkunst. Petra Schulz und ihre Freundinnen bestricken in Hannover einen ganzen Platz vom Fahrradständer bis zum Mülleimer.

Ein bestrickter Müllkorb
Ein bestrickter Müllkorb(Foto: dpa)

"Ein bisschen verrückt sind wir schon", sagt Helga Henze und begutachtet ihr Werk. Der Mülleimer vor ihr ist in bunte Wolle gehüllt, vom orangefarbenen Kunststoff ist nichts mehr zu sehen. Seit vier Wochen leuchten die Farben der Wolle im hannoverschen Stadtteil Vinnhorst. Henze ist zufrieden. "Nur etwas eingelaufen", sagt die 73-Jährige und lacht.

Ein Schal für die Straßenlaterne, ein Pulli für den Poller - in immer mehr Städten zieren bunte Strickkunstwerke die Straßen. Mit Nadel und Wollknäuel bewaffnet ziehen "Guerilla-Stricker" los, um etwas Farbe in den öffentlichen Raum zu bringen.

Auch am Vinnhorster Rathausplatz in Hannover haben Stadtstricker zugeschlagen: Blau-gelbe Bommel hängen in den Bäumen, bunte Schals umwickeln die Geländer, aus einem Strauch wachsen rosa Stoffblüten, ja gar ein komplettes Fahrrad wurde in ein Strickkleid gehüllt. "Eine einzelne Laterne kann doch jeder", sagt Petra Schulz von der Vinnhorster Kulturgemeinschaft, die die Aktion organisiert hat.

Petra Schulz präsentiert ihr bestricktes Kaffeegeschirr zusammen mit bestrickten Steinpfeilern, Gemüse und einem Leuchtturm.
Petra Schulz präsentiert ihr bestricktes Kaffeegeschirr zusammen mit bestrickten Steinpfeilern, Gemüse und einem Leuchtturm.(Foto: dpa)

Monatelang strickten mehr als 20 Frauen an dem Projekt. "Rund 4000 Stunden Arbeit", schätzt Schulz. Als "Guerillas" sehen die Strickerinnen sich nicht, bei der Aktion ging es mehr um das nachbarschaftliche Beisammensein als um politische Botschaften. Masche für Masche verwandelten die Frauen den Rathausplatz in ein kuscheliges Kunstwerk. "Nur bei den Pollern mussten wir uns ein wenig zurückhalten, damit die Autofahrer die Reflektoren noch sehen", erzählt Schulz. Als die Wolle knapp wurde, riefen sie in der Stadtteilzeitung zu Spenden auf. "Die Leute haben ganze Umzugskartons und Müllsäcke voll Wolle gebracht."

Idee aus Übersee

Petra Schulz präsentiert das bestrickte Fahrrad vor der bestrickten Bank.
Petra Schulz präsentiert das bestrickte Fahrrad vor der bestrickten Bank.(Foto: dpa)

Die "Guerilla-Knitting"-Bewegung kommt ursprünglich aus den USA. "Hintergrund ist die Sehnsucht, wieder etwas mit den Händen zu machen", sagt Bärbel Schmidt, Professorin für Textiles Gestalten an der Universität Osnabrück. Besonders junge Menschen fühlten sich wieder zur Handarbeit hingezogen. Es muss nicht immer Stricken sein: "Guerilla-Gardener" versuchen beispielsweise, mit der heimlichen Aussaat von Pflanzen etwas Grün in graue Betonlandschaften zu bringen.

Bei solchen Aktionen zähle auch, seine Mitmenschen zu überraschen, Verwirrung zu stiften, erklärt Schmidt. Dass die gestrickte Kunst aufgrund der Witterung nur für eine kurze Zeit ansehnlich bleibt, spiele keine Rolle. "Der gemeinschaftliche Entstehungsprozess ist wichtiger als das langfristige Überdauern", sagt Schmidt.

Mittlerweile sind die Wollkunstwerke in Vinnhorst gefroren, doch sie sollen vorerst bleiben. "Solange sie schön aussehen und keiner meckert", sagt Schulz. Die Strickkunst kommt an. Immer wieder verweilen Menschen auf dem Platz, streichen über die Wolle. "Hundebesitzer schieben sogar die Maschen an den Pfosten hoch, damit ihre Hunde pinkeln können" erzählt Schulz.

Die Frauen wollen weiter zur Nadel greifen - auch wenn es nicht für die lieben Verwandten, sondern für eine Parkbank sein sollte. "Meine Enkel würden gestrickte Schals oder Socken gar nicht wollen", sagt Henze.

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Quelle: n-tv.de

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