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Dass so viele junge Menschen studieren, hat auch etwas damit zu tun, dass handwerkliche Berufe als nicht erfolgversprechend abgetan werden.
Dass so viele junge Menschen studieren, hat auch etwas damit zu tun, dass handwerkliche Berufe als nicht erfolgversprechend abgetan werden.(Foto: dpa)

Jugendliche meiden Berufsausbildung: Studium gilt als einziger Weg zum Erfolg

Die Unis sind voll, die Betriebe leer - einer Studie zufolge wird sich dieser Trend weiter verstärken. Ein Grund ist Experten zufolge auch, dass alles nicht-akademische unter jungen Leuten einen schlechten Ruf hat. Sie sitzen dabei auch falschen Versprechen auf.

Der seit Jahren anhaltende Ansturm auf die Hochschulen wird in den kommenden Jahren einer Studie zufolge die Zahl der Auszubildenden weiter stark sinken lassen. Bei einer ungebrochenen Fortsetzung des Trends werden im Jahr 2030 nur noch rund 400.000 junge Menschen eine Ausbildung beginnen und damit 80.000 weniger als heute, wie eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung ergibt.

Trotz der aufgrund des demographischen Wandels sinkenden Zahl von Schulabgängern werden laut der Studie der Prognos AG im Auftrag der Stiftung die Hochschulen kaum weniger Studienanfänger haben. Viele Betriebe stellt dieser Wandel vor Probleme. Bereits im vergangenen Jahr blieben laut der Studie knapp 40.000 Lehrstellen unbesetzt.

Ein weiterer Rückgang bei der Zahl der Azubis könnte in vielen Branchen einen Fachkräftemangel beschleunigen oder auslösen, weil zugleich geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand gingen, erklärte die Bertelsmann-Stiftung. Schätzungen zufolge würden bis 2030 rund 10,5 Millionen Beschäftigte mit abgeschlossener Berufsausbildung oder einem Fachabschluss wie einem Meister aus dem Erwerbsleben ausscheiden.

"Trend ist nicht zu stoppen"

An den Hochschulen werden der Untersuchung zufolge besonders Studiengänge mit größerem Praxisbezug immer beliebter. Seit 1995 sei der Anteil der Fachhochschüler an allen Studienanfängern von 26 auf 39 Prozent gestiegen. Bis zum Jahr 2030 werde mit einem Anstieg auf mehr als 43 Prozent gerechnet.

Der Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, Jörg Dräger, plädierte angesichts dieser Entwicklung dafür, Berufsausbildung und Studium nicht gegeneinander auszuspielen, sondern stärker miteinander zu verknüpfen. "Der Trend zur Akademisierung ist nicht zu stoppen", zeigte sich Dräger überzeugt. Die traditionelle strikte Trennung zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung gelte es zu überwinden.

Nida-Rümelin kritisiert Akademikerdünkel

Der frühere Kulturstaatsminister unter Bundeskanzler Gerhard Schröder, Julian-Nida-Rümelin, sieht das Problem dagegen nicht in der Trennung der Ausbildungswege, sondern im Umgang der Gesellschaft mit vermeintlich einfachen Berufen. "Der Akademisierungswahn hängt auch mit einem Akademikerdünkel zusammen", sagte der 60 Jahre alte Philosophieprofessor. "Weil nämlich Akademiker oft denken, nur akademische Bildung zähle auf dem Arbeitsmarkt."

Nida-Rümelin sieht eine "Respektlosigkeit gegenüber anderen Begabungen und anderen Interessen" und wünsche sich eine "Kultur gleicher Anerkennung für das Handwerkliche, das Soziale, den Umgang mit Menschen". Während Meister und Techniker das niedrigste Risiko überhaupt hätte, arbeitslos zu werden, fänden ein Drittel der Jura-Absolventen keine adäquate Beschäftigung.

Nida-Rümelin plädiert wie die meisten Experten für mehr Durchlässigkeit zwischen Hochschul- und Berufsbildung - allerdings "in beide Richtungen". Denn: "Durchlässigkeit stellt man nicht dadurch her, dass alle studieren." Jungen Leuten würde der Kopf verdreht mit absurden Botschaften wie "Wer studiert, verdient im Lauf seines Lebens eine Million Euro mehr".

Quelle: n-tv.de

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