Amerikanische IrrungenTriebtäter mit vier Jahren?
Der sechsjährige Randy Castro hatte vermutlich den Begriff der "Sexuellen Belästigung" noch nie gehört - da stand er in seiner Schule im US-Bundesstaat Maryland schon am Pranger als mutmaßlicher Triebtäter.
Der sechsjährige Randy Castro hatte vermutlich den Begriff der "Sexuellen Belästigung" noch nie gehört - da stand er in seiner Schule im US-Bundesstaat Maryland schon am Pranger als mutmaßlicher Triebtäter. Lehrer hatten es dem Jungen verübelt, dass er einer Mitschülerin auf den Po geschlagen hatte. Die Schule meldete den Vorfall auf dem Schulhof der Polizei, wo der Junge nun wegen angeblicher "sexual harassment", also sexueller Belästigung, aktenkundig ist. Randy Castro ist nicht das jüngste Opfer einer ungemein rigiden Sexualmoral in den USA. Als Folge einer "Null-Toleranz"-Politik wird nach einem Bericht der "Washington Post" bereits im Kindergarten auf sexuelle Irrungen geschaut.
So wurde ein vierjähriger Junge in Texas vorübergehend aus dem Kindergarten geworfen, weil er eine Betreuerin umarmt und dabei seinen Kopf an ihre Brust gedrückt hatte. Die Kindergärtnerin fühlte sich von ihm "sexuell belästigt". In Ohio wiederum machte ein Sechsjähriger Schlagzeilen. Er hatte noch in der Badewanne gesessen, als er den Schulbus kommen hörte und war - noch nackt - nach draußen gerannt, um den Busfahrer zum Warten zu bewegen. Der arglose Junge wurde für einige Zeit von der Schule verbannt, denn in den USA ist es selbst Kleinkindern verboten, sich ohne Kleidung in der Öffentlichkeit zu zeigen.
255 Fälle von sexueller Belästigung an Grundschulen
Auch Randy Castro musste einige Tage zu Hause absitzen. Seine Mutter, selbst Lehrerin, berichtete der "Washington Post" wie schockiert sie gewesen sei, als die Schule sie wegen des Vorfalls angerufen hatte. Die Polizei sei da bereits eingeschaltet gewesen. Die Reaktion der Lehrer finden selbst die Eltern des Mädchens zu hart, dem Randy auf den Po gehauen hatte. Auch Randys Mutter kann nicht glauben, dass ihr Sohn mit sechs Jahren bereits bei den Behörden für ein ganzes Leben als Sexualtäter abgestempelt werden soll.
Sie kämpft nun darum, dass die Notiz aus seinen Akten entfernt wird. "Ich habe den Eindruck, dass es in letzter Zeit viele von diesen Fällen gibt", sagte der Direktor des Nationalen Zentrums für Schulsicherheit in Kalifornien, Ronald Stephens. Die Zahlen geben ihm Recht: So verzeichneten allein die Schulbehörden im Bundesstaat Virginia im vergangenen Jahr 255 Fälle von sexueller Belästigung an Grundschulen. Im Nachbarstaat Maryland wurden 166 Kinder registriert - 16 von ihnen gingen noch in den Kindergarten, 22 in die erste Klasse.
"Das Gesetz zwingt die Erzieher zum Handeln", rechtfertigt Stephens die Strenge der Lehrer. "Greifen sie im Fall einer sexuellen Belästigung nicht ein, dann machen sie sich selber strafbar." Allerdings sei "die Grenze zwischen einer Disziplinierung und einer Kriminalisierung sehr dünn". Natürlich sei es schwer für einen Lehrer zu beurteilen, was übermütiges kindliches Verhalten sei und was gezielte sexuelle Belästigung.
Gesetzestreue auf Kosten der Vernunft
"Wir haben zu wenig Spielraum", klagt die Vorsitzende der Nationalen Vereinigung der Grundschuldirektoren, Mary Kay Sommers. "Wir müssen uns an das Gesetz halten, und das geschieht gelegentlich auf Kosten der Vernunft." Sommers bezieht sich vor allem auf ein Urteil des Obersten Gerichts vom Mai 1999. Demnach kann eine Schule finanziell haftbar gemacht werden, wenn sie nicht eingreift, sobald bekannt wird, dass ein Schüler einen Mitschüler sexuell belästigt. Das Urteil geht auf die Klage einer Mutter zurück, deren Tochter von einem Mitschüler in der 5. Klasse über Monate hinweg verbal und körperlich bedrängt worden war. Trotz mehrerer Hilferufe des Mädchens hatte kein Lehrer eingriffen.
"Gesetze, die auf Erwachsene und Jugendliche abzielen, werden plötzlich auf Fünfjährige übertragen - ohne Rücksicht darauf, was man anrichtet, wenn man die Polizei alarmiert und dem Kind signalisiert: Du bist ein Verbrecher", meinte die Mutter eines Grundschülers in Washington. Für den amerikanischen Soziologen Morris Berman sind derartige "absurde Auswüchse von politischer Korrektheit" ein Symptom für den Zustand einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. "Das politische System funktioniert nicht mehr", sagt er. "Die Menschen spüren die wirtschaftliche Rezession und den Verlust an Sicherheit. Sie suchen sich Ersatz." Ergebnis sei eben eine Gesellschaft, "in der Vierjährige als Triebtäter abgestempelt werden."
Von Antje Passenheim, dpa