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Auch die Nudeln sind perfekt mit dem farblosen Rest des Ladens abgestimmt.
Auch die Nudeln sind perfekt mit dem farblosen Rest des Ladens abgestimmt.(Foto: picture alliance / dpa)

Verpackungsfreier Supermarkt: Tristesse im Tante-Emma-Laden

Von Julian Vetten und Wilhelmine Bach

Ein halbes Jahr nach dem Start des "Original Unverpackt" ist der Hype um den Supermarkt mit dem besonderen Konzept vorbei: Kalt, leer und sauber wartet er auf Kunden. Die haben mit einem Like ihr grünes Gewissen beruhigt und kaufen wieder im Discounter ein.

Die Wiener Straße ist laut und schmutzig, voll mit abgefuckten Bars und Kneipen, gesättigt vom süßlichen Grasduft aus dem angrenzenden Görlitzer Park, kurz: das asphaltgewordene Destillat der Vorstellung, wie Berlin-Kreuzberg zu sein hat. Die Wiener Straße, könnte man stattdessen auch einfach sagen, ist herrlich lebendig. Bis man die Tür zu "Original Unverpackt" öffnet und den feuchten Traum eines Formalisten betritt.

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An grauen Wänden lehnen graue Metallregale, gefüllt mit verchromten Behältern und Gläsern mit erdfarbenem Inhalt. Der Boden ist von dunklerem Grau, kaltes Licht scheint von der Decke und beleuchtet auf beunruhigende Art und Weise, dass der Laden nicht nur sauber, sondern fast schon steril ist. Die aufwühlendste Erkenntnis braucht aber eine Weile, um zu sacken: Nichts, aber auch absolut gar nichts tanzt hier aus der Reihe. Das "Original Unverpackt" ist, wenn man so will, die Supermarkt-Analogie zu einer Militärparade auf dem Roten Platz.

Alles in allem also ein ziemlich lebensfeindlicher Ort, der hier seit vergangenen September der Kundschaft offensteht. Mehr als 55.000 Menschen mögen das bei Facebook, einer davon ist verantwortlich für diesen Text. Sie haben sich in eine Idee verliebt - eine Idee, die unseren verschwenderischen Lebenswandel in Frage stellt und damit einen empfindlichen Nerv trifft: "Original Unverpackt" ist einer der ersten Supermärkte, die konsequent auf Plastikverpackungen verzichten.

Fünf Euro für 220 Gramm Marmelade

Mehr als 100.000 Euro sammelten die beiden Gründerinnen im Vorfeld ein und spätestens im Juni vergangenen Jahres wusste dank der professionellen Öffentlichkeitsarbeit von Milena Glimbovski und Sara Wolf - beide stammen aus der PR-Branche - jeder halbwegs ökologisch interessierte Deutsche Bescheid, dass da Großes passiert in Kreuzberg. Jedes Medium, das etwas auf sich hielt - vom Berliner Boulevardblatt über überregionale Tageszeitungen und Online-Medien bis hin zu den großen TV-Sendern und sogar ausländischen Formaten - berichtete begeistert von einer neuen, besseren Ära des Einkaufens.

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Dass fünf Euro für 220 Gramm Marmelade ein ganz schön happiger Preis ist, die Auswahl mit 350 Artikeln im Sortiment ziemlich spartanisch ausfällt und die Notwendigkeit, bei jedem Einkauf seine eigenen Behältnisse einzupacken und dementsprechend vorauszuplanen ziemlich unbequem ist, ging in der allgemeinen Euphorie unter. Genauso wie der Umstand, dass die meisten Kunden eher Schaulustige waren und der Laden in all seiner Sterilität etwas von einem modernen Kunstwerk hatte: anfassen verboten.

Ein knappes halbes Jahr später hat sich daran nichts geändert. Der Laden wirkt immer noch so unpersönlich wie frisch ausgepackt, dafür fehlen jetzt zwei Dinge: die Reporter, die längst zum nächsten Hype weitergezogen sind, und die 55.000 Facebook-Fans, die ihr grünes Gewissen mit einem Klick auf den "Like"-Button befriedigt haben und jetzt der Einfachheit halber lieber wieder im normalen Supermarkt um die Ecke einkaufen. Dass das "Original Unverpackt" jetzt auch noch eine Kathedrale der Stille ist, passt zwar zum Ambiente - gut für den Umsatz kann das aber nicht sein.

Kalt und effizient

Wie es genau um "Original Unverpackt" bestellt ist, lässt sich leider nicht herausfinden: Die beiden Gründerinnen antworten nicht mehr auf Mails, auch im Laden sucht man sie vergeblich. Vielleicht hilft ein Blick nach Kiel, wo es bereits seit längerem den zweiten verpackungsfreien Supermarkt in Deutschland gibt.

"Unverpackt" heißt nicht nur fast genauso wie die Berliner Verwandtschaft, auch sonst gleicht der Laden wie ein gut gereinigtes Einmachglas dem anderen: er ist perfekt, sauber und leer. Kaum vorzustellen, dass hier lärmende Familien einfallen, die das unverpackte, ungespritzte, unbehandelte Biomüsli für die Kleinen kaufen. Oder dass ernährungsbewusste ältere Damen kleine Fläschchen mit ihrem Lieblingsöl füllen. Dass gar alternative Studenten über die Beschaffenheit des Gemüses für das Abendessen diskutieren. Oder zwei Freundinnen über einer Essigkostprobe in Gelächter ausbrechen. Irgendwas muss Marie Delaperrière aber trotzdem richtig machen: Erst kürzlich verkündete die Besitzerin des "Unverpackt", sich von 40 auf 100 Quadratmeter zu vergrößern.

Delaperrière passt in ihren Laden. Sie ist mittelalt und mittelbrünett. Alles an ihr ist resolut, zupackend und effizient. Sie antwortet, handelt und verabschiedet. Kein Lächeln, keine Fragen, keine Zutraulichkeiten. Genau wie ihre Kolleginnen in Berlin hat sie sich vorher einen wohldurchdachten Businessplan zurechtgelegt, um ihren Supermarkt zu eröffnen, der nach eigener Aussage "die Tante-Emma-Läden von vor 50 Jahren" zum Vorbild hat.

Und genau das ist die Krux an der ganzen Sache: Die Aura der Herzlichkeit, die jene Läden auszeichnete, lässt sich eben nicht in einem Businessplan festhalten. Sie muss von innen kommen und die Kundschaft vergessen lassen, dass sie gerade wirtschaftlichen Masochismus betreibt. Wer aber, wie die Betreiberinnen der "Unverpackt"-Läden, die Effizienz und Kälte unserer Supermarkt-Gesellschaft mit dem Warenangebot und der Umständlichkeit eines Tante-Emma-Ladens verbinden will, verfehlt sein Ziel und vergrault die Kunden.

Schade ist es vor allem um die Grundidee, denn die ist immer noch wunderbar, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie viel Müll jeder Deutsche pro Jahr produziert: Es sind 611 Kilogramm.

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Quelle: n-tv.de

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