Panorama
Die amerikanische Radioshow machte es 1949 möglich, und angeblich war das Interesse an diesem Namen groß.
Die amerikanische Radioshow machte es 1949 möglich, und angeblich war das Interesse an diesem Namen groß.(Foto: dpa)

"Wahrheit oder Pflicht": US-Stadt hat skurrilen Namen

Eine US-amerikanische Kleinstadt bewirbt sich auf einen Aufruf in einer Radioshow und gewinnt: einen kuriosen Namen. Das ist mehr als 60 Jahre her. Viele Einwohner konnten sich damit arrangieren, andere griffen zu drastischen Maßnahmen.

Ungläubiges Staunen sei meist die Reaktion auf den Namen ihres Wohnorts, erzählt Jessica Meyers. "Wenn ich mit Stromversorgern oder Banken telefoniere, fragen die mich auch gerne mal, ob ich sie veräppeln will." Meyers stammt eigentlich aus dem US-Bundesstaat North Carolina.

Vor ein paar Jahren zog die Kassiererin eines Supermarktes zum Vater ihrer beiden sieben und acht Jahre alten Kinder in den etwa 2500 Kilometer weiter westlich gelegenen Bundesstaat New Mexico, "in dieses Kaff hier mit dem komischen Namen": Truth or Consequences, auf Deutsch in etwa "Wahrheit oder Pflicht".

Einwohner finden, die Stadt müsse ihren Namen mehr für den Tourismus nutzen.
Einwohner finden, die Stadt müsse ihren Namen mehr für den Tourismus nutzen.(Foto: dpa)

 

Rund 7000 Menschen leben in der Kleinstadt, deren Name vielen Menschen wohl eher als ein beliebtes Partyspiel bekannt ist. Dabei muss entweder eine ehrliche Antwort auf eine meist intime Frage gegeben werden (Wahrheit) oder eine meist schwierige oder peinliche Herausforderung bestanden werden (Pflicht). In den USA kennt man das Spiel unter anderem auch als "Truth or Dare".

Aus Hot Springs wird "T or C"

"Das ist wirklich ein komischer Name für eine Stadt", sagt Jim Breuer, der einst mit seinen Eltern aus der New Yorker Bronx hierher zog, inzwischen ein Fitnessstudio in Truth or Consequences betreibt und sich gerade in der einzigen McDonalds-Filiale des Ortes ein Big Mac-Menü bestellt.

"Wir sagen hier alle nur 'T or C'. Ursprünglich hieß die Stadt mal Hot Springs, also heiße Quellen - und die gibt es hier wirklich und sie sind super, letztens habe ich mir beim Motorradfahren die Hand gebrochen, im heißen Wasser ist sie sofort wieder geheilt."

Die Geschichte, wie Truth or Consequences zu seinem Namen kam, ist in etwa so skurril wie der Name selbst und beginnt in den 1940er Jahren. Damals lief im amerikanischen Radio eine beliebte Show, moderiert von Ralph Edwards, der seine Zuhörer jede Woche mit dem Satz begrüßte: "Hallo, da draußen! Wir haben schon auf Sie gewartet!"

Die heißen Quellen verhalfen zum neuen Namen

Zur Feier des zehnten Jubiläums kündigte Edwards 1949 an, dass eine Show aus der Stadt gesendet werden solle, die sich nach ihr benenne - "Truth or Consequences". Viele Orte bekundeten ihr Interesse. Hot Springs wurde ausgewählt, angeblich weil die Quellen und das angeschlossene Krankenhaus vielen kranken Kindern halfen und Edwards sich selbst stark für Bedürftige und Kranke einsetzte.

Die heißen Quellen von Truth or Consequences enthalten keinen Schwefel und haben den Ort berühmt gemacht.
Die heißen Quellen von Truth or Consequences enthalten keinen Schwefel und haben den Ort berühmt gemacht.

 

Der Ort war damals ein beliebtes, aber kleines Heilbad am Rio Grande. Amerikanische Ureinwohner hatten in der Wüstengegend gelebt, im 16. Jahrhundert kamen die Spanier und schließlich Cowboys sowie Bauarbeiter, die den nahegelegenen Elephant-Damm bauten, damals der größte der USA.

Ansonsten war auch schon damals nicht viel los. Bis in die Großstadt Albuquerque im Norden sind es rund 240 Kilometer, nach Las Cruces im Süden 120, im Osten und Westen ist hauptsächlich Wüste. Über die Party, mit der am 1. April 1950 die Übertragung der Radioshow aus Truth or Consequences gefeiert wurde, spricht man in dem Ort noch heute.

Unglückliche Einwohner gründeten neuen Ort

Nach Moderator Edwards, der bis zu seinem Tod 2005 nun jährlich für eine Feier vorbeischaute, wurde ein Park benannt. Aber nicht alle Einwohner von Hot Springs waren glücklich darüber, dass ihre Heimat nun Truth or Consequences hieß. Einige Hundert waren so unglücklich, dass sie am Rande des Orts einen neuen gründeten und Willamsburg nannten.

Bis heute bekommt die Stadt viel Spott ab. Auch die Einwohner diskutieren nach wie vor viel über den Namen. Mehrere Referenden zur erneuten Umbenennung sind aber gescheitert. Und so leben die Menschen in Truth or Consequences - "einer Stadt, so einzigartig wie ihr Name", wie sie das Rathaus auf seiner Webseite feiert - weiter mit ihrem kuriosen Namen.

"Es lebt sich eigentlich ganz OK hier", sagt Supermarkt-Kassiererin Meyers. "Es sind nur zu viele und zu harte Drogen im Umlauf. Ich musste schon einen festeren Riegel für meine Tür kaufen, weil Junkies bei mir einbrechen wollten." Die Stadt müsse mehr aus sich machen und den komischen - aber einprägsamen Namen - für den Tourismus nutzen, sagt Mark Newman, der Touren durch die Stadt und zum nahegelegenen "Spaceport America" anbietet, von dem demnächst Touristen ins All fliegen sollen.

"Irgendwie stimmt der Name"

Einige Einwohner konnten mit dem Namen nicht leben und gründeten den neuen Ort Williamsburg.
Einige Einwohner konnten mit dem Namen nicht leben und gründeten den neuen Ort Williamsburg.(Foto: dpa)

"Der Weltraumflughafen wird sicher viel verändern und viele Menschen hier herbringen. Auch die heißen Quellen müssten besser vermarktet werden. Sie enthalten viel Lithium, Sodium und Magnesium, aber keinen Schwefel. Das ist selten und deswegen stinken sie nicht. Außerdem sind sie von Natur aus nicht so extrem heiß. Und man kann schon für sechs Dollar eine halbe Stunde darin liegen - wo gibt es denn sowas noch?"

Der zentrale Platz der Stadt, umringt von einer Kirche und eingeschossigen Häusern, werde zudem gerade renoviert. "Danach wird es hier richtig schön, mit Bäumen, Blumen und einer sprudelnden heißen Quelle."

An den Platz grenzt auch die Sierra Grande Lodge, das Hotel gehört dem US-Medienmogul Ted Turner, der in der Nähe auch eine große Ranch besitzt. "Ich mag Truth or Consequences", sagt die aus Chicago hierher gezogene Rezeptionistin. "Ich mag, dass es so klein ist, und den Himmel. Und irgendwie stimmt der Name."

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen