Panorama
Wir wenden uns mit Grausen! Diese Schweine aus einer Öko-Farm bei München werden artgerecht gehalten und gefüttert.
Wir wenden uns mit Grausen! Diese Schweine aus einer Öko-Farm bei München werden artgerecht gehalten und gefüttert.(Foto: REUTERS)

Umsatz massiv eingebrochen: Verbrauchern vergeht der Appetit

Der Dioxin-Skandal führt bei Eiern und Fleisch zu teils deutlichen Umsatzeinbrüchen. Trotz der Sperrung der Höfe von Schweinemästern ist mit Dioxin belastetes Fleisch fast sicher zum Verbraucher gelangt und dürfte längst verzehrt sein. Inzwischen steht fest, dass Dioxin-Schweine auch nach Polen und Tschechien geliefert wurden.

Der Skandal um dioxinverseuchtes Tierfutter hat vielen deutschen Konsumenten offenbar den Appetit verdorben. "Der Eierumsatz ist um circa 20 Prozent zurückgegangen", sagte der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, Jürgen Abrahams. "Bei den Hühnern sind es ungefähr minus zehn Prozent und bei den Schweinen sind es auch ungefähr minus zehn Prozent."

Dioxin-Fleisch könnte in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen in den Handel gelangt sein. Unterdessen wurde bekannt, dass Fleisch der Schweine aus einem wegen Dioxin-Funden gesperrten Hof in Niedersachsen auch nach Polen und Tschechien geliefert wurde. Im Raum Hannover gelangten erneut Eier von vorsorglich gesperrten Höfen in den Handel.

Abraham sagte, der Umsatzrückgang ergebe sich aus dem Vergleich der ersten beiden Wochen in diesem und im vergangenen Jahr. Der Einzelhandelsverband HDE bestätigte die Angaben nicht, weil der Organisation nach Angaben eines Sprechers noch keine belastbaren Zahlen vorliegen. Ein Sprecher des Deutschen Bauernverbandes sagte, bislang scheine sich die Dioxin-Krise nur auf die Ferkel-Preise auszuwirken.

Die Ursache sei "das kriminelle Verhalten eines Unternehmens und das Versagen der Kontrollbehörden, das solche Dinge ermöglicht", sagte Abraham der "Bild"-Zeitung. Mehr Druck sei nötig: In Deutschland fehlten bis zu 1500 Lebensmittelkontrolleure.

Dioxin-Fleisch längst verzehrt

Wenn das Hackfleisch erst einmal Bulette ist, kann keiner mehr den Dioxin-Gehalt prüfen.
Wenn das Hackfleisch erst einmal Bulette ist, kann keiner mehr den Dioxin-Gehalt prüfen.(Foto: dapd)

35 Schweine aus dem Hof in Niedersachsen, wo der Dioxin-Grenzwert um 50 Prozent überschritten wurde, sind in einem Schlachthof in Weißenfels in Sachsen-Anhalt verarbeitet worden. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Magdeburg wurde das Fleisch nach Polen und Tschechien geliefert. Es war aber unklar, ob es bereits verbraucht wurde. Unklar ist auch noch der Verbleib von vier weiteren Lieferungen des Schweinemästers im Kreis Verden nach Weißenfels. Nach Angaben des Schlachthofs wurden die insgesamt 144 Schweine weiterverarbeitet, aber nicht als Frischfleisch verkauft. Es sei davon auszugehen, dass das Fleisch inzwischen verzehrt wurde. Deshalb könne nicht mehr geprüft werden, ob nicht nur das Futter, sondern auch das Fleisch mit Dioxin belastet war.

Entwarnung gab es für Bayern. Dorthin waren mehrere hundert Schweine aus einem gesperrten Betrieb in Sachsen-Anhalt gebracht worden. Mittlerweile stehe fest, dass das Fleisch unbedenklich sei, sagte der Sprecher des Magdeburger Verbraucherministeriums.

Am Donnerstag waren bundesweit noch einige hundert Höfe gesperrt, nachdem kurz nach Bekanntwerden der Dioxinbelastung mehreren tausend Betrieben eine Handelssperre auferlegt worden war. Alle gesperrten Höfe standen in Verdacht, Futter mit Fettbestandteilen der Firma Harles & Jentzsch verwendet zu haben. Der Betrieb in Schleswig-Holstein hatte am Mittwoch Insolvenz angemeldet.

Deutsche Ernährungswirtschaft in Misskredit

Der Absatz von Schweinefleisch ging um zehn Prozent zurück.
Der Absatz von Schweinefleisch ging um zehn Prozent zurück.(Foto: dpa)

Der Hauptgeschäftsführer des Ernährungsindustrieverbandes BVE, Matthias Horst, sagte im SWR, das Ansehen der deutschen Ernährungsindustrie im Ausland sei durch den Dioxin-Skandal beschädigt worden. Der Skandal habe "ein großes Imageproblem für die gesamte Lebensmittelkette ausgelöst".

Die Ernährungsindustrie befürchte einen "Dominoeffekt", der auch auf andere Länder übergreifen könnte. Japan ordnete schärfere Kontrollen für Fleisch und Eier aus Deutschland an. Zuvor hatten Südkorea und China Importverbote verhängt.

Entschädigung ungeklärt

Die Entschädigung der betroffenen Landwirte ist nach wie vor offen. "Es ist für die Bauern eine sehr schlechte Situation", sagte eine Sprecherin des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums. Mit der Insolvenz des Lieferanten der vergifteten Futterfette habe sich die Aussicht auf Schadenersatz verschlechtert.

Dagegen können die betroffenen Bauern nach Einschätzung des Deutschen Raiffeisenverbandes (drv) auf Entschädigung hoffen, oft aber wohl nicht in vollem Umfang. Die Futtermittelhersteller und mit Sicherheit auch Harles und Jentzsch verfügten grundsätzlich über eine Produkthaftpflichtversicherung, sagte drv-Juristin Birgit Buth. Der Umfang der Versicherung richte sich nach der Produktionsmenge.

Für den Landwirt sei es wichtig nachweisen zu können, welcher tatsächliche Schaden ihm durch mangelhaftes Futter entstanden sei. Anschließend bleibe zu prüfen, wer dafür verantwortlich sei und in Regress genommen werden müsse. "Das ist ein dickes Stück", meinte Buth. "Die Bauern stehen aber nicht auf verlorenem Terrain." Der Umfang der Schäden für die Landwirte und die Branche ließen sich noch nicht abschätzen.

Bilderserie
Video

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen