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Johann Schwenn vor dem Gericht in Mannheim.
Johann Schwenn vor dem Gericht in Mannheim.(Foto: dpa)

Ärger nach dem Urteil: Verteidiger Schwenn attackiert das Gericht

Jörg Kachelmann ist frei, doch seine Anwälte sind nicht begeistert. Sie stört die Urteilsbegründung von Richter Seidling. Der hatte über den Wettermoderator unter anderem gesagt: "Seine manipulativen Fähigkeiten setzte er nicht nur bei der Nebenklägerin, sondern auch bei anderen Frauen ein." Kachelmann-Anwalt Schwenn nennt die Kammer befangen. Der Richter habe die Urteilsbegründung benutzt, um nachzutreten.

Das Landgericht Mannheim hat den Wettermoderator Jörg Kachelmann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen - und doch sorgt die Urteilsbegründung für Empörung bei der Verteidigung. "Mit dem Freispruch muss man zufrieden sein", sagte Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn. "Was wir dann hinterher gehört haben, war von einer Erbärmlichkeit, die ihresgleichen sucht in einem Gerichtssaal."

Kachelmann, hier hinter seiner Verteidigerin Andrea Combé, verließ das Gericht als freier Mann.
Kachelmann, hier hinter seiner Verteidigerin Andrea Combé, verließ das Gericht als freier Mann.(Foto: dpa)

Der Vorsitzende Richter Michael Seidling hatte ausgeführt, dass der Freispruch nicht darauf beruhe, "dass die Kammer von der Unschuld des Angeklagten überzeugt ist und im Gegenzug von einer Falschbeschuldigung der Nebenklägerin". Dennoch bestünden "begründete Zweifel an der Schuld des Herrn Kachelmann". Deshalb sei er "nach dem Grundsatz in dubio pro reo", also im Zweifel für den Angeklagten, freizusprechen.

Das Gericht sei überzeugt, die juristisch richtige Entscheidung getroffen zu haben, verspüre darüber aber keine Befriedigung, so Seidling weiter. "Wir entlassen den Angeklagten und die Nebenklägerin mit einem möglicherweise nie mehr aus der Welt zu schaffenden Verdacht, ihn als potenziellen Vergewaltiger, sie als potenziell rachsüchtige Lügnerin."

Jubel nach dem Urteilsspruch

Das Publikum reagierte mit Applaus und Freudenschreien und wurde vom Richter zur Ruhe ermahnt. Vor der Verkündigung des Urteils hatte Kachelmann wie versteinert gewirkt, danach schien er erleichtert. Seine Ex-Geliebte hatte den Gerichtssaal erst wenige Minuten nach Verkündung des Freispruchs betreten. Die 38-Jährige kam also erst zur Begründung des Urteils. Danach verließ sie weinend den Gerichtssaal.

Richter Michael Seidling (Bild) habe Kachelmann eigentlich verurteilen wollen, glaubt Anwalt Schwenn.
Richter Michael Seidling (Bild) habe Kachelmann eigentlich verurteilen wollen, glaubt Anwalt Schwenn.(Foto: dapd)

Bei dem Spruch handelt es sich um einen sogenannten Freispruch zweiter Klasse, weil im Prozess Aussage gegen Aussage stand und die Indizien weder die Schuld noch die Unschuld des Angeklagten zweifelsfrei bewiesen. Dies hatte sogar die Staatsanwaltschaft eingeräumt. "Rechtlich gesehen gibt es keinen Freispruch zweiter Klasse", betonte dagegen Kachelmanns Verteidigerin Andrea Combé. Auf die Frage, ob an ihrem Mandanten nicht ein Makel bleibe, sagte sie: "Das glaube ich noch nicht."

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Kachelmann-Anwalt Schwenn sprach von einem "verdienten Freispruch mit unverdienten Gründen". Vor "diesem Gericht" sei ein anderes Urteil nicht zu erreichen gewesen. Die Kammer hätte den Angeklagten "nur zu gern" verurteilt, so Schwenn, aber gesehen, dass sie mit einem solchen Urteil beim Bundesgerichtshof nicht durchgekommen wäre. "Das gibt es manchmal, dass befangene Gerichte den Angeklagten freisprechen, aber dann in der Urteilsbegründung nachtreten." Dem Gericht sei es nur darum gegangen, "den Anklagten maximal zu beschädigen".

"Manipulative Fähigkeiten"

In seiner Urteilsbegründung hatte Seidling gesagt, Kachelmann habe "seine manipulativen Fähigkeiten" nicht nur bei der Nebenklägerin eingesetzt, "sondern auch bei anderen Frauen".

Nicht zu beweisen war aus Sicht der Richter, dass Kachelmann der ehemaligen Geliebten Verletzungen beigebracht hatte. Auch seien am mutmaßlichen Tatmesser keine genetischen Spuren des 52-Jährigen zu finden gewesen. Wann während der zweistündigen Begegnung der Geschlechtsverkehr und der Streit über Kachelmanns Beziehungen zu anderen Frauen stattgefunden hätten, sei nicht ohne Zweifel zu klären gewesen.

Seidling kritisierte auch die Berichterstattung über das spektakuläre Verfahren. Die Pressefreiheit sei ein hohes Gut, dennoch habe es vorschnelle Prognosen, einseitige Darstellungen der Fakten und Diagnosen von Experten gegeben, die nicht vor Ort gewesen seien. "Sie erzeugen Stimmungen, wo Sachlichkeit gefragt ist", sagte Seidling. Dies wurde als Kritik vor allem an Anwalt Schwenn verstanden.

Schwarzer fordert Respekt für Ex-Freundin

Alice Schwarzer verfolgte den Prozess für die "Bild"-Zeitung.
Alice Schwarzer verfolgte den Prozess für die "Bild"-Zeitung.(Foto: dapd)

Derweil stellte sich die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer weiter an die Seite der Ex-Freundin und Nebenklägerin. "Man muss auch Respekt vor dem möglichen Opfer haben", sagte Schwarzer, die den Vergewaltigungsprozess gegen den Moderator für die "Bild"-Zeitung begleitet hatte. Der Prozess habe gezeigt, dass Kachelmann "nicht nur diese Frau gezielt manipuliert hat". "Er kommt nicht ins Gefängnis, es bleibt alles offen", sagte Schwarzer.

Kachelmann, der im Laufe des Verfahrens vorübergehend 132 Tage in Untersuchungshaft saß, konnte das Gericht als freier Mann verlassen. Für die Untersuchungshaft soll er entschädigt werden. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.

Die langjährige Geliebte hatte den TV-Moderator beschuldigt, er habe sie mit einem Messer bedroht und vergewaltigt. Kachelmann hatte die Vorwürfe stets bestritten. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten für den Fernsehmoderator gefordert. Damit blieb sie unter der regulären Mindeststrafe von fünf Jahren - was sie mit der Beeinträchtigung Kachelmanns durch die Medienberichterstattung begründete. Die Verteidigung hatte einen Freispruch gefordert.

Staatsanwalt prüft Revision

Staatsanwalt Werner Maegerle, Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge und Oberstaatsanwalt Oskar Gattner (v.l.).
Staatsanwalt Werner Maegerle, Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge und Oberstaatsanwalt Oskar Gattner (v.l.).(Foto: dapd)

Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge hatte in seinem Plädoyer eingeräumt, dass man alle Indizien auch anders werten könne. "Aber das ist das Wesen eines Indizienprozesses - dass es auf die Gesamtschau ankommt."

"Wir haben eine Woche Zeit, Revision einzulegen", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft nach der Urteilsverkündung. "Wir werden das jetzt prüfen." Genauer wollte er sich nicht äußern. Im Falle einer Revision würde der Bundesgerichtshof das Urteil auf mögliche Rechtsfehler prüfen. Sollte er Rechtsfehler finden, müsste das Landgericht neu entscheiden.

Mit dem Urteil geht nach 44 Verhandlungstagen einer der spektakulärsten Prozesse in der Geschichte der Bundesrepublik zu Ende. Kachelmann war im März 2010 am Frankfurter Flughafen festgenommen worden und kam Mitte 2010 wieder frei. Der von großem Medienrummel begleitete Prozess dauerte fast neun Monate.

Kachelmann steigt wieder "voll" bei Meteomedia ein

Nach seinem Freispruch wird Kachelmann wieder voll bei dem von ihm gegründeten Wetterdienst Meteomedia einsteigen. Das gab das Unternehmen bekannt. Auch bei Radio Basel, wo Kachelmann seit Monaten einmal die Woche auf Sendung ist, werde der Schweizer nun künftig des Öfteren zu hören sein, sagte Chefredakteur Christian Heeb.

Kachelmann war auch während seines Prozesses Präsident von Meteomedia geblieben. Das Unternehmen freue sich "über den längst überfälligen Freispruch ihres Firmengründers", hieß es in einer Stellungnahme. "Jörg Kachelmann wird ab sofort seine Kraft wieder ganz der Meteomedia Gruppe widmen können."

Bilderserie

Zur ARD wird Kachelmann vorerst nicht zurückkehren. "Solange das Verfahren nicht endgültig abgeschlossen ist und ein Urteil Rechtskraft erlangt hat, sehen wir in dieser Angelegenheit keinen Entscheidungsbedarf", sagte eine Sprecherin.

 

Quelle: n-tv.de

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