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Qualvoller Tod: Jedes Jahr werden in Japan mehrere tausend Delfine geschlachtet
Qualvoller Tod: Jedes Jahr werden in Japan mehrere tausend Delfine geschlachtet(Foto: REUTERS)

Japan eröffnet die Jagd auf Delfine: Wenn Flipper verblutet

Von Dominik Schneider

In diesen Tagen beginnt in Japan die Jagdsaison. In den kommenden Monaten werden dort mehrere tausend Delfine getötet. Tierschützer laufen Sturm gegen die Fangpraxis, doch Japans Politiker verteidigen diese "Tradition", die sich finanziell durchaus lohnt.

Die Boote treiben die großen Delfine vor sich her, in Richtung der Küste. Das Brüllen von Motoren und die knackenden Laute der Meeressäuger mischen sich, als sie eine Bucht erreichen, von Wäldern und Bergen verdeckt. Die Männer auf den Booten rufen. Sie werfen sich Netze zu, sperren den schmalen Eingang zur Bucht ab. Für die Delfine ist jeder Ausweg versperrt. Die meisten werden hier sterben. Einige Stunden später ist das Wasser rot gefärbt, auf dem Strand liegen tote und verendende Meeressäuger, zu Hunderten. Und immer noch ziehen die Männer mit schweren Eisenhaken weitere Tiere aus dem Wasser. Vom Strand laufen Ströme aus Blut ins Meer. Diese schockierenden Szenen aus dem Dokumentarfilm "Die Bucht" werden in den nächsten Tagen Wirklichkeit. Wieder einmal.

Denn im japanischen Walfangort Taiji hat die Jagdsaison auf Delfine begonnen. Jedes Jahr von September bis März treiben die Fischer in Taiji mehrere Tausend Meeressäuger in eine versteckte Bucht. Schon die Jagd ist grausam: Die Fischer suchen mit ihren Booten nach Schwärmen, halten dann Metallstangen in Wasser und schlagen mit Hämmern darauf. Für die empfindlichen Tiere gleicht das einem extremen Lärm, und sie fliehen davor. So können die Fischer die Delfine in die Bucht treiben, wo sie ihr grausames Handwerk beginnen.

Mehr Massaker als Fischfang

Du musst sterben, du darfst leben: Fischer beurteilen die gefangenen Delfine, nur die schönsten und stärksten können an Aquarien verkauft werden.
Du musst sterben, du darfst leben: Fischer beurteilen die gefangenen Delfine, nur die schönsten und stärksten können an Aquarien verkauft werden.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Zunächst werden die zusammengetriebenen Meeressäuger im Wasser sortiert: Nur die schönsten Tiere werden am Leben gelassen. Die Fischer ziehen sie auf ihre Boote, wo sie in viel zu kleine Tanks gesperrt werden. Sie werden später an Delfinarien und Zoos verkauft, für einen hohen Preis von umgerechnet fast 15.000 Euro. Die übrigen werden getötet. Der Deutsche Tierschutzbund beschreibt die grausamen Praktiken: Die im flachen Wasser hilflosen Tiere werden mit Eisenstangen erschlagen, mit Messern und Harpunen erstochen. Seile werden an die Flossen gebunden, die teils noch lebenden Tiere an den Strand geschleppt. Dort werden sie zerlegt und die Fleischberge auf Wagen geworfen, um zur Weiterverarbeitung in Gaststätten und Supermärkte transportiert zu werden. Manche Delfine werden noch auf dem Wasser von Verarbeitungsbooten zerlegt. Dafür werden sie mit der Schwanzflosse an die kleinen Boote der Fischer gebunden und dorthin geschleppt. Auch hier sind noch nicht alle tot. Da sie aber den Kopf nicht aus dem Wasser haben können, ertrinken die Tiere auf dem Weg.

Im Film "Die Bucht" wird gezeigt, dass ein Großteil der japanischen Bevölkerung nichts von diesen Aktionen weiß. Auf der Straße sehen Passanten Bilder vom Treiben in der Bucht bei Taiji, sie wirken entsetzt. Einige wenden sich ab, einer Frau scheint sichtbar übel zu werden. Als das Filmteam die Fischer ansprechen will, werden sie angeschrien und bedroht. Nur mit versteckten Kameras und waghalsigen Aktionen können die verstörenden Aufnahmen in der Bucht gemacht werden.

Rückendeckung durch die Politik

Doch Japans Regierung verteidigt die Jagd. Kabinettssekretär Yoshihide Suga sprach gegenüber der ARD von einer "Form des traditionellen Fischfangs". Die japanischen Behörden sind der Meinung, dass Delfine nicht unter das internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs fallen. Yoshnobu Nisaka, Gouverneur der Provinz Wakayama, in der Taiji liegt, verwies auf die kulturellen Unterschiede: Man könne nicht die Jagd auf Delfine kritisieren, gleichzeitig aber Rinder und Schweine aus Massentierhaltung essen. Es sei eine "Weisheit der Zivilisation, die Standpunkte anderer gegenseitig zu respektieren", so der Gouverneur, bereits im Januar, zu diesem Thema.

Die Zahl der jährlich getöteten Delfine bei Taiji ist seit Jahren stark rückläufig. Vor 10 Jahren wurden noch über 18.000 Tiere getötet, im letzten Jahr waren es nur noch gute 3000. Das entspricht einem Rückgang von über 80 Prozent. Offizieller Grund dafür ist unter anderem der Tsunami im Jahre 2011, bei dem viele Fischer ihre Boote verloren. Wovon niemand der Verantwortlichen spricht, ist, dass Delfinfleisch, Gondo genannt, gerade bei jungen Japanern an Beliebtheit verloren hat. Was von offizieller Seite nicht zugegeben wird: Die Delfine vor Japan weisen in ihrem Fleisch einen sehr hohen Quecksilberanteil auf. Es wurde in Einzelfällen bereits das 5000-fache des empfohlenen Anteils nachgewiesen. Das ist besonders fatal, da Delfinfleisch, weil es recht billig ist, oft in Schulen als Mittagsessen serviert wird. Wegen des geringen Preises wird das Fleisch oft auch falsch beschriftet und etwa als Grindwalfleisch verkauft, für wesentlich mehr Geld.

Im Internet lassen sich Tierschützer über die Fangpraktiken aus. Auch in Taiji selbst sind Demonstranten aufgezogen, viele versuchen, die abgeschiedene Bucht zu erreichen. Aber das ist nicht einfach: Das Gelände ist weiträumig abgesperrt und wird bewacht. Der wohl prominenteste Gegner der Delfinjäger ist der 74-jährige US-Amerikaner Richard O'Barry. In den 60er Jahren hat er selbst Delfine für Filme gefangen und trainiert, unter anderem für die Serie Flipper. Nachdem mehrere Delfine in Gefangenschaft verendet waren, begann O'Barry sich gegen die Haltung von Delfinen zu engagieren, unter anderem wurde er mehrfach festgenommen, weil er Tiere aus Aquarien befreien wollte. Er gehörte auch zu der Crew, die 2009 den Film "Die Bucht" über Taiji drehte. Heute, fünf Jahre später, hat sich an der Situation noch nicht viel geändert.

Quelle: n-tv.de

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