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Wer schließt die Lücke, die Papst Benedikt XVI. in der katholischen Kirche hinterlässt?
Wer schließt die Lücke, die Papst Benedikt XVI. in der katholischen Kirche hinterlässt?(Foto: picture alliance / dpa)

Kandidaten bringen sich in Stellung: Wer Papst werden könnte

Von Johannes Graf

Ein Tag nach der Ankündigung Benedikts XVI., sein Pontifikat zu beenden, kursieren schon ganze Listen von potenziellen Nachfolgern. Das Rennen ist völlig offen: Wird der nächste Papst ein Afrikaner? Oder kommt ein Amerikaner zum Zug? Übernimmt wieder ein Italiener die Leitung der Kirche? Oder schlägt ein Außenseiter der Konkurrenz ein Schnippchen?

Bei den Buchmachern laufen die Drähte heiß. Nach der Ankündigung von Benedikt XVI., als Oberhaupt der katholischen Kirche abzutreten, beschäftigt die Welt die Frage: Wer übernimmt an seiner Stelle den Heiligen Stuhl? Sicher ist bisher nur eines: Am 28. Februar gibt der jetzige Papst sein Pontifikat auf. Beginnt die Sedisvakanz, also die Zeit ohne Papst, darf frühestens 15 und muss spätestens 20 Tage danach das Konklave zur Neuwahl zusammentreten. Das heißt: Wenn die Kardinäle zügig innerhalb von rund zwei Wochen zu einer Entscheidung kommen, gibt es bis Ostern einen neuen Papst.

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Völlig offen ist dabei noch, für wen am Ende über dem Petersdom weißer Rauch aufsteigt - das Zeichen für eine erfolgreiche Papstwahl. Viele Gläubige wünschen sich, dass der nächste Pontifex als Zeichen der Öffnung nicht aus Europa kommt. Im beginnenden 21. Jahrhundert träumt mancher schon von einem ersten schwarzen Papst aus Afrika. Auch die stark wachsende Gruppe der lateinamerikanischen Katholiken hofft, dass der nächste Stellvertreter Gottes auf Erden von ihrem Kontinent kommt. Wegen des wachsenden Einflusses dieser Regionen in der Kurie ist das auch nicht ausgeschlossen.

Doch der europäische Block im Konklave ist noch immer übermächtig. Und im Konklave ist eine Zweidrittel-Mehrheit nötig. Einige Beobachter rechnen damit, dass es deswegen am Ende doch ein Italiener werden könnte. Vatikan-Experte Andreas Englisch glaubt nicht daran. Er sagte n-tv.de: "Es wird darauf ankommen, ob sich der Rest der Welt gegen die Power-Gruppe aus Italien zusammenschließen kann oder nicht". Denkbar, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich, ist für ihn auch ein Kandidat aus Afrika. Sein heißer Tipp ist jedoch Kardinal George Pell (72 Jahre) aus Australien. Pell ist Erzbischof von Sydney und gilt als progressiv in sozialen Fragen, bei Glaubens- und Moralfragen ist er eher konservativ einzustufen. Doch der Australier ist nicht der einzige Anwärter auf den vakant werdenden Posten, und Vorhersagen sind äußerst schwierig. Das vergangene Konklave im Jahr 2005 hat das gezeigt. Ein Überblick über denkbare Varianten.

Die afrikanische Variante

Sollte es tatsächlich zu einer Nicht-Europäer-Allianz kommen, dann könnte die Stunde eines afrikanischen Kardinals schlagen. Hier werden zwei Namen immer wieder genannt.

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Da ist zum einen Kardinal Peter Turkson (64 Jahre) aus Ghana. Turkson ist seit 2009 Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, so etwas wie das soziale Gesicht in Benedikts "Kabinett" also. Der Ghanaer hat in den USA studiert und spricht ein halbes Dutzend Sprachen fließend. Er steht für eine liberalere Haltung zum Thema Verhütung und ist als Mahner in der Krise aufgetreten, indem er die Wirtschaft zu ethischem Handeln aufrief.

Als weiterer afrikanischer Aspirant gilt Erzbischof Francis Arinze (81 Jahre) aus Nigeria. Gegen ihn spricht sein recht hohes Alter, er wäre wie Benedikt XVI. ein Übergangspapst. Arinze galt jedoch schon nach dem Tod Johannes Paul II. als Kandidat. Er setzt sich für eine Versöhnung von Muslimen und Christen ein und ist immer wieder als Antreiber einer von Europa unabhängigen afrikanischen Kirche eingetreten.

Die lateinamerikanische Variante

Kardinal Odilio Scherer ist in Brasilien sehr beliebt.
Kardinal Odilio Scherer ist in Brasilien sehr beliebt.(Foto: picture alliance / dpa)

In fast allen lateinamerikanischen Ländern ist der Katholizismus die vorherrschende Religion. Die Zahl der bekennenden Katholiken in dieser Region steigt und steigt – und damit auch der Einfluss der Geistlichen aus dieser Region. Auch für sie gilt aber noch immer: Der Vatikan ist europäisch dominiert. Echte Aussichten hat ein Kirchenmann aus der neuen Welt also nur, wenn es eine schlagkräftige Allianz gibt. Und das wird schwer. Hinzu kommt, dass die in Lateinamerika häufig vertretene Befreiungstheologie vielen europäischen Kardinälen ein Dorn im Auge ist.

Dennoch gibt es aussichtsreiche Kandidaten. Neben Kardinal Leonardo Sandri (69 Jahre) aus Argentinien könnte Kardinal Odilio Scherer (64 Jahre) aus Brasilien in die Fußstapfen von Benedikt XVI. treten. Er leitet die Kirche von Sao Paolo, die 5,2 Millionen Schäfchen zählt. Scherer steht stellvertretend für einen Katholizismus für die Armen, der sich immer wieder vehement für die Rechte in den Favelas einsetzt. Zudem will er die Kirche stärker für Laien öffnen.

Die italienische Variante

Traditionell einflussreich sind in der Kurie die Italiener. Sie stellten jahrhundertelang fast durchweg den Papst, bis 1978 der Pole Karol Wojtyla den Heiligen Stuhl übernahm. Eigentlich ist damit die italienische Dominanz gebrochen, zumal mit Joseph Ratzinger ein Deutscher folgte. Dennoch glauben viele Beobachter, dass es doch wieder ein Italiener werden könnte. Die nationalen Seilschaften unter den Kardinälen sind noch immer stark. Und tatsächlich fällt eine ganze Reihe von italienischen Namen als Benedikt-Nachfolger.

Zweiter Mann im Vatikan: Tarcisio Bertone.
Zweiter Mann im Vatikan: Tarcisio Bertone.(Foto: picture alliance / dpa)

Ganz oben auf der Liste steht der Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone (78 Jahre). In der katholischen Kirche ist er schon jetzt der zweite Mann nach dem Papst. Er hat in den vergangenen Jahren viele wichtige Posten mit Vertrauten besetzt und Kardinäle für sich gewonnen. Als profilierter Geistlicher ist er auch immer wieder im Zusammenhang mit aktuellen Problemen der Kirche aufgefallen – nicht nur positiv. Kardinal Joachim Meißner macht ihn etwa für den Umgang der Kirche mit der Williamson-Affäre verantwortlich. Auch bei den Missbrauchsfällen soll er versucht haben, die Angelegenheit unter dem Deckel zu halten.

Als Nachfolger Johannes Paul II. galt bereits Erzbischof Angelo Scola (72 Jahre). Auch dieses Mal ist er unter den Papabili, vor allem, weil er seit 2011 das Erzbistum Mailand leitet – das größte der Welt und nach Rom das wohl wichtigste in Italien. Zudem ist er Apostolischer Administrator von Venedig.  Neben ihm kann sich auch Erzbischof Angelo Bagnasco (70 Jahre) Hoffnungen machen. Er leitet die italienische Bischofskonferenz und ist damit ebenfalls ein großer Machtfaktor unter den italienischen Katholiken.

Chancen für Bewerber aus anderen Teilen der Welt

Fernab vom großen Italien-Block gibt es Kardinäle aus anderen Regionen der Erde, denen zumindest Außenseiterchancen eingeräumt werden. Aus Europa ist da Kardinal Christoph Schönborn (68 Jahre) aus Österreich zu nennen. Für ihn spricht, dass er vergleichsweise jung ist, aber auch seine Nähe zum scheidenden Papst Benedikt XVI. - er ist ein Schüler Ratzingers. Er gilt als ausgleichender Kandidat, der Reformbewegung und Hardliner versöhnen könnte.

Viele setzen auch auf Erzbischof Marc Ouellet (68 Jahre) aus Kanada. Er ist neben Erzbischof Timothy Dolan (63 Jahre) aus den USA einer der Hoffnungsträger der nordamerikanischen Christen. Ouellet steht Benedikt XVI. nahe und ist seit 2010 Präfekt der Bischofskongregation. Er ist damit für die Ernennung von Bischöfen zuständig. Bekannt wurde er Anfang 2012, als er stellvertretend für die katholische Kirche bei den Missbrauchsopfern um Vergebung bat. Dolan ist ein volksnaher Geistlicher, der als Kirchenmann in New York den Umgang mit den Medien beherrscht. Ihm werden gemäßigt konservative Haltungen nachgesagt.

In Asien sind schon früh nach der Entscheidung Benedikts XVI. Stimmen laut geworden, die einen Papst aus diesem Teil der Welt fordern. Am profiliertesten ist Erzbischof Luis Antonio Tagle (55 Jahre) von den Philippinen. Er gilt als  dynamisch und charismatisch, bei den Gläubigen in seiner Heimat ist  er zudem außerordentlich beliebt. Ob er Chancen hat, ist allerdings  fraglich. Asiatische Katholiken haben bisher in der Kurie kaum eine Rolle gespielt.

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Quelle: n-tv.de

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