Panorama
Joseph Ratzinger kam nie mit der römischen Kurie zurecht, sagt Andreas Englisch, Buchautor und Papstbiograf.
Joseph Ratzinger kam nie mit der römischen Kurie zurecht, sagt Andreas Englisch, Buchautor und Papstbiograf.(Foto: REUTERS)

Papst-Biograf Andreas Englisch: "Das wird ein Machtkampf"

Die Entscheidung kommt unerwartet für Vatikan, Kirche und die Welt – nicht aber für Papst-Biograf Andreas Englisch, der Ratzingers Rückzug in den Ruhestand bereits vor Monaten vorhersagt hat. n-tv.de spricht ihm über den Schock der Kurie, die Einsamkeit des Papstes und die heikle Suche nach einem Nachfolger.

n-tv.de: Papst Benedikt XVI. gibt – für die ganze Welt vollkommen unerwartet – sein Amt auf. Sie dagegen haben bereits vor nicht ganz einem Jahr in einem Interview mit n-tv.de vorhergesagt, "dass dieser Papst zurücktreten wird". Ganz ehrlich: Waren Sie jetzt überrascht?

Andreas Englisch: Nein, von dem Rücktritt war ich nicht überrascht. Davon, dass der Rücktritt jetzt passiert, natürlich schon, aber ich hätte ihnen da keinen Tag nennen können. Dass der Papst zurücktreten wird, das habe ich jahrelang immer wieder gesagt, daran hatte ich keine Zweifel.

"Der deutsche Papst": Das Buch zum Pontifikat von Benedikt XVI. von Papst-Biograf und Buchautor Andreas Englisch, erschienen bei C. Bertelsmann.
"Der deutsche Papst": Das Buch zum Pontifikat von Benedikt XVI. von Papst-Biograf und Buchautor Andreas Englisch, erschienen bei C. Bertelsmann.

Papst Benedikt führt gesundheitliche Gründe an. Wie beurteilen Sie seine Lage?

Es ist einfach zu viel, das ist ganz simpel. Der Mann ist hoch in den Achtzigern, und er hat ein Arbeitspensum von sieben Tagen die Woche. Jeden Tag arbeitet er, schätze ich, etwa 12 Stunden. Er fängt morgens um 6 an und muss bis abends 22 Uhr Akten wälzen. Das schafft er einfach nicht mehr. Dazu kommt: Die Kirche, die Weltkirche ist so wahnsinnig groß geworden, dass es nicht mehr möglich ist, dass ein so alter Mann das alles noch im Griff hat. Als sein Vorgänger Johannes Paul II. so krank war, sagte Joseph Ratzinger immer: "Wenn ein Papst nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte ist, dann muss er zurücktreten."

Sie schließen also andere Gründe für den plötzlichen Rücktritt aus? Etwa einen internen Machtkampf, Frustration oder vielleicht sogar den Vatileaks-Skandal?

Das hat natürlich alles eine Rolle gespielt. Dieser Papst wird als einer der einsamsten Päpste in die Geschichte eingehen. Es war es nie so, dass Joseph Ratzinger gut mit der römischen Kurie zurechtkam. Im Gegenteil, er hat sich immer wieder darüber beschwert, auch schriftlich, dass er sich allein gelassen fühlt. Dass er das Gefühl hat, dass viele Leute in der Kirche gegen ihn arbeiten. Es ist nicht so, dass er das Gefühl hatte, da von all seinen Mitarbeitern getragen zu werden. Dazu die schwierige Situation, die Weltkirche in dieser Zeit zu verwalten.

Nach dem Willen des Papstes soll es nun schnell gehen: Der Rücktritt ist bereits auf den 28. Februar festgesetzt. Warum die Eile?

Der neue Papst braucht Zeit, um sich einzuarbeiten. Er muss ja schon bald zum Weltjugendtag nach Rio de Janeiro im Sommer. Das ist ein ganz wichtiger Termin. Deshalb will Ratzinger seinem Nachfolger möglichst viel Zeit lassen, um sich vorzubereiten, bevor er sich dort der ganzen Welt präsentiert.

Was bedeutet die Entscheidung für die Kirche: Stellt der Rücktritt den Vatikan und die Kirche vor eine Belastungsprobe?

Jeder, mit dem ich spreche, ist geschockt. So etwas hat es seit dem Jahr 1294 nicht mehr gegeben. Kein Mensch weiß jetzt genau, was passiert. Denn ein Papst wird auf Lebenszeit gewählt. Das heißt: Er bleibt auch nach seinem Rücktritt Papst. Und das ist das Hauptproblem: Wird er sich wirklich nie in die Geschäfte seines Nachfolgers einmischen? Das ist wirklich schwierig und heikel. Die Kirchenleute wissen zurzeit überhaupt nicht, wohin der Wind weht.

Wie geht es nun konkret in den nächsten Tagen weiter?

Erst einmal müssen wir mit dem Schock fertig werden. Und dann muss Kardinal Angelo Sodano die Leute aus dem sogenannten "Hotel der Kardinäle" rausschmeißen, weil er die Zimmer braucht. Denn dort werden die 120 Kardinäle für das Konklave einziehen. Es wird ein ganz eigenartiges Konklave, weil es ja keine Beerdigung gibt. Wahrscheinlich werden sie nun die Kardinäle rasch nach Rom holen und ausreichend Möglichkeit zu Beratungen zu geben. Denn ich sehe zurzeit keinen Kandidaten, der es machen könnte.

Welche Rolle spielt Kardinal Sodano?

Er ist der Dekan der Kardinäle und im Fall einer Papstwahl verantwortlich für die Organisation, sozusagen ein Interimspapst. Ratzinger hatte diese Aufgabe ja auch unter Johannes Paul II. Sodano, selbst ein betagter Mann, muss nun diese nicht ganz einfache Aufgabe lösen.

Sie haben erwähnt, dass im Vatikan niemand auf diese Frage vorbereitet sein dürfte. Gibt es wirklich keinen heißen Nachfolgekandidaten?

Natürlich gibt es hier Namen. Die ganz große Frage ist jedoch: Schaffen es die Italiener, sich den Heiligen Stuhl zurückzuholen oder nicht? Ich persönlich würde mal tippen: nein.

Wird der nächste Papst überhaupt ein Europäer?

Ein Mann, den ich mir auf dem Stuhl des Papstes vorstellen könnte, das wäre Kardinal George Pell aus Sydney. Herr Pell hat einen sehr guten Ruf. Es wäre ein extremes Zeichen der Globalisierung der Kirche. Die Zeit dafür ist gekommen. Aber wie gesagt, das wird ein Machtkampf zwischen den Italienern mit ihren europäischen Verbündeten und dem Rest der Welt. Es wird darauf ankommen, ob sich der Rest der Welt gegen die Power-Gruppe aus Italien zusammenschließen kann oder nicht.

Wäre die Kirche bereit für einen "schwarzen Papst"?

Das wäre sie bestimmt, aber ich sehe wirklich keinen so charismatischen Kandidaten, der es jetzt schon werden könnte. Das hat weniger mit der Hautfarbe zu tun als damit, dass jemand, der so ein schweres Amt übernimmt, die Kurie gut kennen muss. Und da sehe ich zurzeit niemanden.

"Benedikt XVI. – Der deutsche Papst" bei Amazon bestellen

Mit Andreas Englisch sprach Martin Morcinek

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen