Party statt ProtesteWien freut sich auf Bahnhofsneubau
In Wien hämmert, baggert und dröhnt es momentan in einem ganzen Stadtteil: In einem Großprojekt soll bis 2014 ein neuer Hauptbahnhof entstehen. Anders als in Stuttgart gibt es keine Proteste. Sind die Österreicher einfach duldsamer als die Schwaben?
Während die Stuttgarter gegen ihren Bahnhofsneubau protestieren, feiern die Wiener zu Tausenden eine Abrissparty und klettern als Sonntagsausflug auf die Aussichtsplattform der Baustelle. Der laufende milliardenschwere Bau eines Hauptbahnhofes mitten in der österreichischen Hauptstadt bringt die Menschen dort nicht zum "granteln". Sind die Wiener also - wie von Stuttgart-21-Befürwortern behauptet - der positive Gegenentwurf zu den trotzigen Schwaben? Es gibt einige Parallelen, aber in vielen Punkten sind beide Projekte kaum vergleichbar.
Die für das Projekt zuständige Sprecherin der Österreichischen Bundesbahnen ÖBB - Partner der Deutschen Bahn - geht vorsichtig auf Distanz: "Das Projekt in Stuttgart mit Wien zu vergleichen tun wir ungern - und das ist auch nicht wirklich fair", sagt Alexandra Kastner. Auch die Stadt Wien findet, dass es zwei völlig unterschiedliche Baustellen sind.
Eine Frage des Preises?
Wie in Stuttgart soll auch in Wien ein Kopf- in einen Durchgangsbahnhof umgewandelt werden. An das Infrastruktur- ist ebenfalls ein Stadtentwicklungsprojekt angegliedert: Auf insgesamt 109 Hektar soll neben einem modernen Bahnhof auch ein neues Stadtgebiet mit Bürogebäuden, Park und Wohnungen entstehen. Anfang des Jahres war Baubeginn, Ende 2012 sollen die ersten Züge fahren. Ende 2014 sollen alle Arbeiten abgeschlossen sein.
Die Kosten liegen deutlich unter Stuttgarter Verhältnissen: Der Bahnhof kostet nach ÖBB-Angaben rund 950.000 Millionen Euro, die komplett von der Bahn getragen werden. Die Stadt Wien zahlt 500 Millionen Euro für die Entwicklung des Viertels; gemeinsam mit Privatunternehmen belaufen sich die Investitionen in das Projekt auf rund vier Milliarden Euro.
Weg von der Kopfbahnhof-Peripherie
Auch die Vorgeschichte des neuen Wiener Hauptbahnhofs auf dem Gebiet des bisherigen Südbahnhofs ist anders: Bisher nervten dort ärmliche Nachkriegsarchitektur und stadtweit eine Infrastruktur noch aus Monarchie-Zeiten Touristen wie Bevölkerung. Der bisherige Südbahnhof habe jahrelang bei Umfragen zur Beliebtheit der österreichischen Bahnhöfe den letzten Platz belegt, sagt die Sprecherin.
Der regionale wie internationale Bahnverkehr verteilte sich bisher auf fünf Kopfbahnhöfe rund um die Stadt. Reisende, die umsteigen wollten, mussten die Straßen- oder U-Bahn nehmen. Am neuen Hauptbahnhof laufen nun alle drei europaweit wichtigen Bahnstrecken Paris-Bratislava, Danzig-Bologna und Athen-Dresden zusammen.
Ankunft im 21. Jahrhundert
Mit einer cleveren Charmeoffensive haben Stadt und Bahn bei den Planungen Bürgerinitiativen und Anwohner mit ins Boot geholt. Weil bei gemeinsamen Sitzungen Vorschläge von ihnen wie besserer Lärmschutz und niedrigere Hochhäuser mit eingeflossen seien, stelle sich heute niemand mehr gegen das Gesamtprojekt, sagt die Sprecherin. Besorgte Anwohner können sich bei regelmäßigen Treffen zu Wort melden und sich Tag und Nacht an einen Vermittler wenden Zudem bekam das Projekt einen "grünen" Anstrich: 630 geplanten Autoparkplätzen stehen 1000 Stellplätzen für Fahrräder samt Elektrorad-Tankstelle gegenüber. Bei der Energienutzung setzen die Planer auf Erd- und Fernwärme. Besitzer umliegender Häuser können sich ihre Fenster mit Geld von Stadt und Bahn besser isolieren lassen.
Die Folge: In der Nacht vor dem Abriss des alten Südbahnhofs feierten Tausende Wiener die verkehrstechnische Ankunft der einstigen Kaiserstadt im 21. Jahrhundert. Ein von der Bahn errichteter Aussichtsturm auf der Baustelle wurde seit seiner Errichtung Mitte August schon von 30.000 Menschen erklommen.