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Insgesamt geht es deutschen Familien gut. Was ihnen oft fehlt, ist gemeinsame Zeit.
Insgesamt geht es deutschen Familien gut. Was ihnen oft fehlt, ist gemeinsame Zeit.(Foto: dpa)

Nicht rundum gesund: Zeitnot ist der Feind der Familien

Deutsche Mütter, Väter und Kinder sind körperlich weitgehend fit und seelisch gesund. Wenn nicht die Zeitnot wäre, die bei Eltern Unzufriedenheit erzeugen und sogar ihre Kinder krank machen kann. Eine Studie zeigt, wie eng Gesundheit und Zeit zusammenhängen.

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Das größte Problem, das Eltern in Deutschland haben, ist Zeitnot. Das ist das Ergebnis einer Familienstudie, die die Krankenkasse AOK in Auftrag gegeben hat. Im Umkehrschluss heißt das: Familien in Deutschland muss es relativ gut gehen. Allerdings beklagt fast die Hälfte  der Eltern von Kindern im Kindergarten- und Schulalter über Stress durch Zeitmangel. Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss: "Zeitstress ist offenbar die zentrale Belastungsdimension bei Eltern." In der Vorgängerstudie vor vier Jahren klagten noch 41 Prozent über Zeitmangel. Jetzt waren es 46 Prozent. Zeitstress sei eine der Ursachen für seelische Belastungen.

Als einen Grund für die wachsende Zeitnot vermutet AOK-Chef Jürgen Graalmann den steigenden Anteil von Familien, in denen beide Partner arbeiten gehen. Das macht die Familienorganisation schwieriger. Als mögliche Ursache für den Zeitstress nennen die Experten in ihrer Studie aber auch das Bestreben vieler sogenannter Mittelschicht-Eltern, ihren Kindern durch außerschulische Nachhilfe, Sport oder Musikkurse "eine bessere Wettbewerbsposition zu verschaffen".

Die Ergebnisse der Studie müssen vor dem  Hintergrund der befragten Gruppe gelesen werden. Befragt wurden bei der repräsentativen Telefonumfrage rund 1500 Personen aus Haushalten mit mindestens einem Kind zwischen vier und 14 Jahren. Antwort gab jeweils derjenige, der sich hauptsächlich um die Kinder kümmert. Daraus ergab sich, dass drei Viertel der Befragten Mütter waren. 13 Prozent der Interviewten waren Alleinerziehende. Was die Studie in ihrem Ergebnis ein wenig verzerren dürfte, ist der Umstand, dass die Befragten mit überdurchschnittlicher Bildung, also mit Abitur oder Hochschulabschluss, überrepräsentiert sind.

Gute Kinderbetreuung hilft auch den Eltern

Zeit wird als der Schlüssel zur Bewältigung des Familienalltags genannt. Dazu gehört die Versorgung der Kinder ebenso wie die alltäglichen Dinge wie einkaufen, kochen, gemeinsam essen, lernen oder Sport treiben. Die Erwachsenen, die gerne mehr Zeit jenseits von Arbeit und Alltagsverpflichtungen zur Verfügung hätten, nennen an erster Stelle, dass sie nicht genug kinderfreie Zeit mit ihrem Partner verbringen können. Jeder zweite beklagt hier ein Defizit. 38 Prozent wünschen sich mehr Zeit allein mit sich, jeder Dritte hätte gerne mehr Urlaub oder mehr freie Zeit mit der gesamten Familie.

Verlässliche Kinderbetreuung führt zu höherer Elternzufriedenheit und weniger gesundheitlichen Problemen.
Verlässliche Kinderbetreuung führt zu höherer Elternzufriedenheit und weniger gesundheitlichen Problemen.(Foto: picture alliance / dpa)

Für das gesundheitliche Wohlergehen von Familien nennt die AOK-Studie als wesentlichen Erfolgsfaktor das Schlagwort von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Für Eltern ist es demnach in Bezug auf ihre Gesundheit förderlich, wenn sie flexibel oder sogar im Homeoffice arbeiten können. Das gilt sogar, wenn nur ein Partner diese Möglichkeit hat. Dann profitiert sogar der andere, der nicht flexibel arbeiten kann. Negativ wirkt sich auch häufige Wochenendarbeit eines Partners aus.

Elementar für die Gesundheit von Eltern ist außerdem, dass sie ihre Kinder in guten Händen wissen, wenn sie selbst arbeiten. Eltern mit einem insgesamt guten Gesundheitszustand gaben zu zwei Dritteln an, dass sie eine verlässliche Kinderbetreuung haben. Die Eltern mit schlechterer Gesundheit gaben dies nur zur Hälfte an.

40 Prozent haben körperliche Beschwerden

Vom Zeitproblem abgesehen geht es den meisten Eltern offenbar blendend. "Eltern geht es körperlich, finanziell, psychisch und in der Partnerschaft eindeutig besser als 2010", betont Graalmann. Während vor vier Jahren beispielsweise noch ein Drittel der Eltern finanzielle Sorgen angaben, sind dies 2014 noch 28 Prozent. Die Studie begründet dies mit der positiven wirtschaftlichen Entwicklung. Und finanzielle Stabilität wirkt sich auch wohltuend auf Psyche und Partnerschaft aus.

Zwei Drittel beschreiben ihren allgemeinen Gesundheitszustand mit gut oder sehr gut. Dabei sollten die Befragten ihr Allgemeinbefinden anhand körperlicher und seelischer Belastungen einschätzen. Rund ein Viertel (27 Prozent) nennen ihren Zustand mittelmäßig, lediglich 6 Prozent halten ihn für schlecht. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich aber ein überraschend hoher Anteil an körperlichen Problemen bei Eltern. So haben 40 Prozent Probleme mit ihrer Gesundheit, manchmal oder auch ständig. Jeder fünfte gesteht seelische Probleme ein. Bei 7 Prozent ist die seelische Belastung jedoch so hoch, dass sie sich auf Arbeit und Alltag auswirkt.

Viele Kinder haben Bauch- oder Kopfschmerzen

Einen deutlichen Unterschied gibt es zwischen der Selbsteinschätzung von Eltern, die als Paar zusammenleben, und Alleinerziehenden. Letzteren geht es insgesamt schlechter. Knapp die Hälfte fühlt sich gut oder sehr gut, ein Drittel mittelmäßig und 17 Prozent schlecht oder sehr schlecht. Ähnlich ist das Verhältnis in puncto seelische Belastungen.

Einen Zusammenhang scheint es den Ergebnissen der Studie zufolge zwischen der Gesundheit der Kinder und der Zufriedenheit ihrer Eltern zu geben. Unzufriedene Eltern haben deutlich öfter Kinder mit gesundheitlichen Problemen. Gleiches gilt bei Eltern, die sich zeitlich belastet fühlen. Insgesamt ist eines von fünf Kindern nicht rundum gesund, zeigt die Studie. Beschwerden dieser Kinder können etwa Schlafstörungen, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Gereiztheit sein. Bei 20 Prozent der Kinder haben sich solche und ähnliche Symptome in den vergangenen sechs Monaten gehäuft und mehrmals pro Woche gezeigt.

Quelle: n-tv.de

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