Panorama

Indien zählt seine Bevölkerung"Zu welcher Kaste gehören Sie?"

25.05.2010, 08:07 Uhr
indien
Ein Volkszähler markiert ein Haus in der Nähe von Guwahati, nachdem er die Daten der Bewohner erhoben hat. (Foto: REUTERS)

2,5 Millionen Freiwillige sind in Indien unterwegs, um die Bevölkerung zu zählen und sich über die Lebensumstände der Menschen zu erkundigen. Eine der Fragen aber ist stark umstritten.

Seit April klopfen in Indien wieder Freiwillige an Millionen Türen. Die staatliche Verwaltung auf dem Subkontinent zählt seit 1872 alle zehn Jahre die Bevölkerung - eine gewaltige Aufgabe in einem Land mit einer verwirrenden Menge von Sprachen, Bräuchen, Kulturen und mindestens 600.000 Dörfern. Die jüngste Zählung ergab 2001 eine Gesamtzahl von etwas mehr als einer Milliarde Indern. In diesem Jahr sollen außerdem möglichst viele Menschen biometrisch erfasst werden - damit anhand einer sechzehnstelligen Nummer jeder Inder schnell und zweifelsfrei seine Identität bestätigen kann.

Die Lehrerin Kalpana Singh ist eine von 2,5 Millionen Freiwilligen, die im Land ausschwärmen, um in den weitläufigen Städten, Siedlungen und Slums festzustellen, wer wo und wie lebt. Kalpana hat einen vorrangig muslimischen Bezirk der Hauptstadt Neu Delhi zugeteilt bekommen, zwei örtliche Jugendliche helfen ihr, sich einen Weg durch die verworrenen Gassen zu bahnen. In der drückenden Sommerhitze von mehr als 40 Grad klopft sie an die Türen verfallener Häuser und Hütten. Sie muss hundert Gebäude mit etwa 400 Familien betreuen.

Umstrittene Kastenfrage

indien2
Eine Volkzählerin notiert Informationen über eine indische Familie aus Ramsingh Chapori. (Foto: ASSOCIATED PRESS)

"Haben Sie Toiletten? Ein Handy? Ein Bankkonto? Zu welcher Kaste gehören Sie?" Diese letzte Frage ist heiß umstritten, auf Druck der Opposition wurde sie für den Zensus 2011 zum ersten Mal seit 1931 wieder in den Fragenkatalog aufgenommen. Damals war Indien noch eine britische Kolonie. Das starre Kastensystem ist ein brennendes Thema, das die Gemüter entzweit und das das Land einfach nicht hinter sich lassen kann. Bollywood-Star Amitabh Bachchan reagierte mit heftiger Entrüstung auf die Zulassung der Kastenfrage. Er werde antworten, er sei "Inder und sonst nichts".

In Kalpanas Bezirk haben die meisten Menschen Toiletten, fließend Wasser und Strom - letzteres aber nicht immer. Viele haben ein Handy, manch einer einen Computer mit Internetanschluss. Aber kaum jemand hat ein Bankkonto und Autos sind praktisch unbekannt. Die schwierigste Aufgabe für die Zähler ist es, sicherzustellen, dass die Angaben stimmen, und dass auch jeder tatsächlich an der ihm zugeordneten Adresse lebt.

Acht Menschen auf vier Quadratmetern

In einem Haus öffnet ein etwa 30-jähriger Mann mit Kinderlähmung die Tür und bittet Kalpana in den vier Quadratmeter großen, fensterlosen Raum, den er sein Zuhause nennt. Während die Lehrerin ihm das Vorgehen erklärt und ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen, fällt ihr Blick auf eine Öffnung in der Decke und eine Leiter. Tatsächlich leben hier acht Menschen, sie schlafen auf eingezogenen Decken zwischen den Stockwerken.

volkszaehlung-indien
Hunderte Menschen drängen zum Ganges, um ein Bad in den Fluten des Heiligen Flusses zu nehmen. (Foto: picture alliance / dpa)

Schwierig ist oft auch die Frage nach dem Alter. Eine verschleierte alte Frau, die vor ihrem Haus sitzt, muss ihre Papiere suchen, um ihr Geburtsdatum zu finden. Viele Menschen runden einfach zum nächsten Jahrzehnt auf oder ab.

Doch nicht nur die Befragten sind unsicher - auch die Volkszähler gelten als wesentliche Fehlerquelle. Sie bekommen eine dreitägige Fortbildung, bevor sie durch Gassen und Straßen streifen. Einer von Kalpanas Kollegen räumte ein, er schreibe nur die Namen der Menschen auf, weitere Fragen stelle er nicht. "Es ist eine Herausforderung sicherzustellen, dass die 2,5 Millionen Zähler unsere Anweisungen fehlerfrei umsetzen", räumte der Volkszählungsbeauftrage C. Chandramouli gegenüber der Nachrichtenagentur AFP ein. "Dabei muss es gleich beim ersten Mal klappen. Eine Nachzählung kommt nicht in Frage." Im Jahr 2001 wurde die Fehlermarge auf 2,3 Prozent geschätzt. In diesem Jahr soll die Präzision steigen.

Quelle: Beatrice Le Bohec, AFP