Panorama
(Foto: 20 Minuten AG, Zürich)

Unglück in den Schweizer Alpen: Erdrutsch erfasst Bergbahn

Großalarm für Rettungskräfte im Kanton Graubünden: Nach starken Regenfällen reißt eine Schlammlawine mehrere Waggons einer weltberühmten Traditionsbahn von den Schienen. Im Inneren des Zuges kommt es zu dramatischen Szenen.

Unzugängliche Bergregion: Die Rhätische Bahn betreibt Freizeit-, Pendler- und Güterverkehrsverbindungen.
Unzugängliche Bergregion: Die Rhätische Bahn betreibt Freizeit-, Pendler- und Güterverkehrsverbindungen.

In den Schweizer Alpen hat sich ein schweres Bahnunglück ereignet: Ein Zug der Rhätischen Bahn (RhB) entgleiste im Kanton Graubünden und kam dabei im gebirgigen Gelände teilweise von der Trasse ab.

Nahe Tiefencastel seien drei Waggons aus den Schienen gesprungen, als der Zug auf einen Erdrutsch auffuhr, teilte die Kantonspolizei Graubünden mit. An Bord des Zuges befanden sich zum Zeitpunkt des Unglücks 200 Menschen. Der Unfall ging glimpflich aus: Wie durch ein Wunder sind keine Todesopfer zu beklagen. Insgesamt wurden elf Reisende verletzt, fünf davon schwer.

Acht der elf Verletzten stammen aus der Schweiz. Daneben mussten zwei Japaner und ein Australier ärztlich behandelt werden. Alle übrigen Passagiere konnten unversehrt in Sicherheit gebracht werden. Bei dem Unfall sei "großes Glück" im Spiel gewesen, zitierte das Schweizer Nachrichtenportal "20 Minuten" RhB-Verwaltungsratschef Stefan Engler.

Auf den ersten Bildern von der Unfallstelle war zu sehen, wie einer der Wagen halb über der Schlucht hing, während ein zweiter Wagen etwa 20 Meter unterhalb der Trasse am Steilhang offenbar nur von Bäumen vor einem weiteren Absturz aufgehalten wurde. Im Inneren des Zuges müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben: Wie ein Passagier nach dem Unfall berichtete, habe der Zug plötzlich mit einem Ruck gestoppt.

Schwer zugängliches Unfallstelle: Der Unglücksort von der gegenüberliegenden Hangseite aus betrachtet (vergrößerte Aufnahme).
Schwer zugängliches Unfallstelle: Der Unglücksort von der gegenüberliegenden Hangseite aus betrachtet (vergrößerte Aufnahme).(Foto: 20 Minuten AG, Zürich)
"Wir hatten richtig Angst"

"Wir dachten sofort, dass etwas passiert sein muss", beschrieb eine Reisende ihre Erinnerungen an die ersten Sekunden nach dem Aufprall. Die Insassen des halb von der Trasse gesprungenen Wagens wurden aufgefordert, sich in den hinteren Zugteil zu begeben, um zu verhindern, dass die Waggons endgültig in die Schlucht rutschen. "Wir sahen die Waggons dort hängen", sagte eine Augenzeugin dem Lokalradio "Grischa". "Wir hatten richtig Angst."

Polizei und Rettungskräfte brauchten nach Angaben der Nachrichtenagentur SDA insgesamt drei Stunden, um alle Passagiere zu bergen. Vor Ort waren bis zu hundert Rettungskräfte und vier Helikopter im Einsatz. Mehrere Reisende stünden noch immer unter Schock und müssten von Sanitätern betreut werden. Eine Reihe unverletzte Passagiere machten sich zu Fuß auf den Weg nach Tiefencastel.

Die Lage sei noch nicht völlig übersichtlich, hatten Behördensprecher am Nachmittag erklärt. Die Hilfskräfte seien weiterhin im Einsatz, um die Unfallstelle abzusichern und ein weiteres Abrutschen der verunglückten Waggons zu verhindern. Schweizer Medienberichten zufolge wurden die Schienen auf der Strecke zwischen zwei Tunnels auf einer Länge von 15 Metern verschüttet. Die Geröllmassen hätten sich an einigen Stellen bis zu drei Meter hoch aufgetürmt.

Großaufgebot an der Unfallstelle

Die Arbeiten an der Unglücksstelle gestalten sich schwierig: In unmittelbarer Nähe der eingleisigen Strecke zwischen St. Moritz und Chur gibt es keine Straße. Die Schlucht des Flusses Albula ist für die Bergungsexperten der Schweizer Bahn nur schwer zugänglich. Die Notfallretter mussten deshalb einzelne Schwerverletzte per Hubschrauber von der Unfallstelle ins Tal transportieren. Besonders problematisch: In dem dicht bewaldeten Bergtal verläuft eine Hochspannungsleitung auf Strommasten, die die Arbeitsbedingungen der Luftretter zusätzlich erschwert.

Die Bergungsaktion sei noch immer im vollen Gange, hieß es am Nachmittag. Neben den Rettungshelikoptern der Schweizer Rettungsflugwacht Rega waren etwa zwei Dutzend Rettungsfahrzeuge sowie Taucher vor Ort im Einsatz. Die unverletzten Passagiere wurden mit Bussen in die nächstgelegene Ortschaft Tiefencastel gebracht. Von dort sollten sie ihre Reise per Postbus fortsetzen. Ihr Gepäck allerdings blieb bis auf weiteres in dem havarierten Zug. Noch ist unklar, wie die beschädigten Waggons geborgen werden können.

Das Unglück sei durch einen Erdrutsch ausgelöst worden, berichteten örtliche Radiosender. In der Region waren zuvor ungewöhnlich starke Regenfälle verzeichnet worden. Den Berichten Schweizer Medien zufolge traf der Erdrutsch den Zug unmittelbar hinter dem Triebwagen. Der erste Waggon nach der Lokomotive stürzte den Abhang hinab. Der zweite Waggon hing über dem Abgrund. Direkt unterhalb der Unfallstelle befindet sich ein Stausee.

Schlamm und Geröll auf der Strecke

Die elektrisch betriebene Bahnstrecke zwischen St. Moritz im Oberengadin und der Kantonshauptstadt Chur blieb zunächst gesperrt. Die Berichte über den Absturz einzelner Waggons wollte ein RhB-Sprecher zunächst nicht bestätigen. In einer Mitteilung des Bahnanbieters hieß es lediglich, auf der Strecke zwischen Tiefencastel und Solis sei "eine Rüfe niedergegangen", auf die der Zug "aufgefahren" sei.

Weltbekannte Panoramastrecken: Die Rhätische Bahn bezeichnet sich selbst als "größte Alpenbahn der Schweiz" (Archivbild).
Weltbekannte Panoramastrecken: Die Rhätische Bahn bezeichnet sich selbst als "größte Alpenbahn der Schweiz" (Archivbild).(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der Begriff Rüfe bezeichnet im Osten der Schweiz eine Lawine aus Schlamm, Schutt und größeren Gesteinsbrocken, der insbesondere in Zeiten der Schneeschmelze oder auch nach starken Regenfällen an steilen Berghängen niedergehen kann. Typisch für einen solchen Murgang, wie Geologen sagen, sei die "hohe Dichte, die oft hohe Fließgeschwindigkeit und die gewaltige Transportkapazität". Ein Murgang könne, so heißt es, ganze Bäume und Blöcke von mehreren Kubikmetern Volumen mitführen und dabei große Schäden anrichten.

Gegen 12.45 Uhr (MESZ) sei ein "Zug der Rhätischen Bahn von St. Moritz herkommend auf die Rüfe" aufgefahren, wie die RhB weiter mitteilte. "Dabei entgleisten einige Wagen." In der bewaldeten und schwer zugänglichen Gegend hatte es in den vergangenen Tagen stark geregnet.

Im Panoramazug durch die Alpen

Die Rhätische Bahn ist Eisenbahnfans in aller Welt ein fester Begriff für ihre teils ingenieurstechnisch anspruchsvolle Streckenführung mit zahlreichen Brücken und Tunnels sowie die spektakuläre Aussichten auf die Schweizer Bergwelt, die Reisende während der Fahrt genießen können.

Die Rhätische Bahn betreibt mit ihren Panoramawagen weltberühmte Linien wie etwa den Bernina Express oder den Glacier Express, den angeblich "langsamsten Schnellzug der Welt", wie es in der Eigenwerbung heißt. Als wichtiger Anbieter im Schweizer Schienenverkehr transportiert die Rhätische Bahn eigenen Angaben zufolge jährlich über zwei Millionen Pendler, acht Millionen Touristen und rund 600.000 Tonnen an Fracht.

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Quelle: n-tv.de

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