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Der Tod am Fließband. Was in deutschen Schlachthäusern passiert, steht der japanischen Deflinjagd nicht nach.
Der Tod am Fließband. Was in deutschen Schlachthäusern passiert, steht der japanischen Deflinjagd nicht nach.(Foto: picture alliance / dpa)

Delfine schützen, Kühe schlachten: Zweierlei Maß beim Fleischkonsum

Von Dominik Schneider

In Japan werden tausende Delfine getötet. Das stößt auf Protest, auch aus Deutschland. Aber hier sterben jedes Jahr mehr Nutztiere, teils unter ähnlichen Umständen. Das scheint kaum zu stören. Schuld ist, so eine Forscherin, ein innerer Kodex.

"Warum darf man keine Delfine töten und essen, aber bei Rindern und Schweinen ist das ok?", fragt ein Mann aus dem japanischen Walfängerort Taiji vor der Kamera. Er kann nicht verstehen, warum man die Jagdmethoden kritisiert, von denen sein Dorf zum Großteil lebt. Seit Generationen zieht seine Familie Delfine aus dem Meer. In den Supermarktregalen liegt das dunkle Fleisch, in süßer Soße, gesalzen oder mariniert, für nur ein paar Yen die Portion. In der Küstenregion ist es ganz alltäglich, Delfine zu essen. Und da es bisher nicht möglich ist, die Tiere zum Verzehr zu züchten, müssen sie aus dem Meer gefischt werden. Die zahlreichen Demonstranten und Aktivisten, die sich in jedem Jahr in Taiji einfinden, sehen das anders: Für sie ist es ein Verbrechen gegen die Natur, dass jedes Jahr in einer kleinen Bucht unweit des Ortes mehrere tausend Delfine von Fischern brutal getötet werden. Doch hat der japanische Fischer mit seinem Vergleich vielleicht einen wunden Punkt in der Kritik getroffen, die aus dem Westen nach Japan weht.

Wieso darf man Rinder und Schweine schlachten, aber Delfine nicht? Die Zahlen sprechen für sich: In Japan wird dieses Jahr erwartet, dass etwa 3000 Delfine getötet werden. Geht man bei einem großen Tümmler von einem durchschnittlichen Gewicht von etwa 300 Kilogramm aus, ergibt das ein Schlachtgewicht von 900 Tonnen. Etwa eine Millionen Tonnen an Rindfleisch wird nach Angaben des Verbands der Fleischwirtschaft pro Jahr in Deutschland produziert, dazu nochmals fast das 5-fache an Schweinefleisch. 

Der Unterschied liegt in der Kultur

Bleibt die Frage, warum die Wahrnehmungen so unterschiedlich sind. Zwar sind auch die Schlachthöfe regelmäßig in der Kritik, dennoch plädieren wohl nur einige wenige Öko-Aktivisten für deren Abschaffung. Gegen den Delfinfang in Taiji hingegen laufen regelmäßig internationale Protestbewegungen Sturm.

Die US-amerikanische Psychologin Melanie Joy glaubt zu wissen, warum unsere Wahrnehmung einen so großen Unterschied macht. Sie nennt dieses Phänomen Karnismus: Diese Theorie erklärt, warum wir Rinder essen, beim Gedanken an einen Golden Retriever auf dem Teller allerdings zurückschrecken. Sie spricht von einem anerzogenen Kodex, der Tiere in Kategorien unterteilt. Dieses System ist in den Kulturen unterschiedlich. Im westlichen Kulturkreis fallen Rinder oder Schweine unter die Kategorie "Nutztiere". Sie zu essen wird von den meisten Menschen nicht hinterfragt und verstößt gegen keinerlei ethische Gesichtspunkte. Ein Hund oder Delfin zählt für uns allerdings nicht zur gewohnten Erscheinung auf dem Teller, so dass wir das Töten dieser Tiere hinterfragen und die Grausamkeit bemerken, die uns bei einer Kuh nicht auffällt. Ein Stück Rind auf dem Teller ist für uns also Nahrung, ein Stück Hund oder Delfin ist für uns ein totes Tier. In Japan hingegen ist Delfinfleisch in den Supermärkten alltäglich, daher findet diese Reflexion hier so nicht statt. Für einen Japaner ist es genauso unverständlich, wie man Delfinfleisch ablehnen kann, wie für den Westeuropäer der Schutz von Kühen in Indien. Nach Joys Ansicht ist die einzige Möglichkeit, dieser moralischen Zwickmühle zu entgehen, ein konsequent veganer Lebenswandel, den sie selbst auch führt.

Kein weniger blutiges Geschäft

Auch, wenn man es nicht wahrhaben will: Für Steaks und co. müssen Tiere sterben
Auch, wenn man es nicht wahrhaben will: Für Steaks und co. müssen Tiere sterben(Foto: picture alliance / dpa)

Tierschützer werfen den japanischen Fischern auch vor, besonders grausam zu töten. Mit versteckten Kameras wird gezeigt, wie die intelligenten Meeressäuger mit Eisenstangen erschlagen werden. Teilweise werden noch lebende Tiere mit Messern aufgeschlitzt, damit sie verbluten. Diese Art der Jagd widerspricht jeder Vorstellung von Artenschutz. Aber regelmäßig kommen auch aus Deutschland Berichte, in denen kaum weniger Blut fließt als in der Lagune bei Taiji. In industriellen Schlachthöfen werden Schweine in der Regel mit Gas betäubt, bevor sie auf dem Fließband zur Verarbeitung transportiert werden. Auf diesem Weg werden die Tiere vom sogenannten Stecher per Schnitt in die Hauptarterien getötet. Allerdings hat der Stecher pro Tier kaum zwei Sekunden Zeit, so dass es nicht selten vorkommt, dass ein Tier noch lebt und bewusst miterlebt, wenn es in kochendem Wasser vorgebrüht wird. Auch Rindern ergeht es nicht besser, wie der Tierschutzbund Peta mit diesem Video beweisen konnte. Darin muss eine Kuh vier Mal mit dem Schlachtschussapparat verletzt werden, ehe sie endlich stirbt. Beim letzten Schuss ist das Tier bereits am Hinterlauf aufgehangen und aufgeschnitten. Während die Kuh stirbt, läuft ihr das eigene Blut ins Auge.

In Deutschland verbietet die Tierische Lebensmittelhygieneverordnung das Essen von Hunden, Katzen und Affen, also Tieren, die nach unserem Verständnis besonders nah am Menschen sind. Der Verzehr von Delfinen hingegen ist auch hierzulande erlaubt. Und das, obwohl Delfine von ihrer Hirnleistung Hunden und nach Meinung einiger Wissenschaftler sogar Menschenaffen deutlich überlegen sind. Sie sind also wahrscheinlich in der Lage, Schmerz und Panik deutlich intensiver zu erleben als andere Tiere. Trotzdem werden Japan jedes Jahr mehrere Tausend Meeressäuger erlegt - während in Deutschland Millionen Rinder sterben. Ob das gerechtfertigt ist, hängt von der Betrachtung des Einzelnen ab - und vom kulturellen Code. Die Frage bleibt: "Warum darf man keine Delfine töten und essen, aber bei Rindern und Schweinen ist das ok?"

Quelle: n-tv.de

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