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Eva (l) und Miriam (r) nach der Befreiung Ende Januar 1945. Für die Aufnahme zogen sie einen gestreiften Anzug an - normalerweise durften Zwillinge auch andere Kleidung tragen.
Eva (l) und Miriam (r) nach der Befreiung Ende Januar 1945. Für die Aufnahme zogen sie einen gestreiften Anzug an - normalerweise durften Zwillinge auch andere Kleidung tragen.

Mengeles Zwillingsversuche im KZ: Die Frau, die dem Gott von Auschwitz vergibt

Von Gudula Hörr

Mit dem Tod kennt sich KZ-Arzt Mengele aus. Über die zehnjährige Eva sagt er lachend: "Was für ein Pech. Sie ist so jung und hat nur noch zwei Wochen zu leben." Doch das Mädchen stirbt nicht - und macht Jahrzehnte später das Undenkbare.

Das Bild brennt sich ihr für immer ein: Als die Türen des Viehwaggons aufgerissen werden, blickt Eva in Gewehrläufe und auf Stacheldraht. Und sie hört, wie der Vater der Mutter zuflüstert: "Das ist Auschwitz? Was für ein Ort ist das?"

Sie werden es schnell erfahren. Auf der Rampe des größten Vernichtungslagers der Nationalsozialisten, inmitten von Geschrei, Chaos und Verzweiflung, wird die Familie auseinandergerissen. Ein SS-Mann zerrt Eva und ihre Schwester Miriam mit sich fort. Die Eltern und ihre beiden älteren Schwestern sieht sie nie wieder. "Nach 30 Minuten waren sie vom Antlitz der Erde verschwunden", sagt Eva Mozes Kor und klingt heute, wenn sie darüber spricht, vor allem verwundert. "Wie ist so etwas möglich?"

Mengele tauchte nach dem Krieg in Südamerika unter und wurde nie zur Rechenschaft gezogen.
Mengele tauchte nach dem Krieg in Südamerika unter und wurde nie zur Rechenschaft gezogen.(Foto: picture alliance / dpa)

Eva schreit und brüllt und schreit. Ihre dichten schwarzen Haare werden abgeschnitten, ein SS-Mann brennt ihr eine heiße Nadel ins Fleisch des linken Unterarms. Das jüdische Bauernmädchen aus dem rumänischen Siebenbürgen wird an diesem Maitag des Jahres 1944 zur Nummer A-7063. Und bekommt mit ihrer Schwester eine Gnadenfrist - denn sie sind Zwillinge und damit fortan Versuchskaninchen des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele. Sie sind gerade zehn Jahre alt.

Fortan besteht ihr Leben aus Zählappellen, nagendem Hunger und Spritzen. Spritzen, die ihr unbekannte Flüssigkeiten injizieren oder Blut abnehmen. Die Zwillingsforschung ist eines der Lieblingsprojekte von Mengele, an Hunderten Zwillingspaaren experimentiert er in Auschwitz, das KZ ist seine große Spielwiese. "Meine Kinder" ruft er die Zwillinge gelegentlich und manche von ihnen nennen ihn "Onkel Mengele", wie Eva Mozes Kor Jahrzehnte später in ihrer Biografie "Ich habe den Todesengel überlebt" beschreibt. Als sie ihn zum ersten Mal in seinen glänzenden Reitstiefeln und weißen Handschuhen sieht, denkt sie: "Wie gut er aussieht, wie ein Filmstar." Und spürt doch schnell: Ihr Leben ist in Mengeles Hand, er ist der Gott von Auschwitz.

Eva und Miriam nach dem Krieg als Gymnasiastinnen im rumänischen Klausenburg.
Eva und Miriam nach dem Krieg als Gymnasiastinnen im rumänischen Klausenburg.(Foto: privat)

Schon nach kurzer Zeit wirkt das Gift der Injektionen: Eva landet mit Fieber, Schüttelfrost und roten Flecken am Körper in der sogenannten Krankenbaracke, der Baracke der lebenden Toten, in der es weder zu essen noch zu trinken gibt. Bei einer Visite betrachtet Mengele sie und sagt mit ironischem Grinsen zu seinem Gefolge: "Was für ein Pech. Sie ist so jung und hat nur noch zwei Wochen zu leben." Eva weiß: Stirbt sie, wird kurz darauf auch ihre Schwester Miriam ermordet - will doch Mengele die Organe von gesunden und kranken Zwillingen vergleichen. In dem Moment beschließt sie: "Ich weigere mich zu sterben. Ich werde diese Ärzte austricksen."

Es gelingt ihr. Mit ungeheurer Willenskraft überlebt sie die Injektion, die eigentlich tödlich sein sollte und von der sie bis heute nicht weiß, welche Krankheitserreger sie enthielt. Und sie überlebt mit ihrer Schwester die folgenden Monate der Hölle, aus der sie erst an einem verschneiten Wintertag, am 27. Januar 1945, sowjetische Soldaten erlösen.

"War das die Ausgeburt meiner Fantasie?"

Jahrzehnte wird Eva nicht darüber reden, was in Auschwitz passiert ist. Weder mit ihrer Schwester Miriam noch ihrem Mann, einem Überlebenden aus Buchenwald, mit dem sie seit 1960 im US-Bundesstaat Indiana lebt. Als ihre dreijährige Tochter sich eines Tages wundert, dass nicht alle Mütter eine Zahl auf dem Arm haben, sagt sie ihr nur: "Das haben die Nazis gemacht." Doch lässt Auschwitz sie nicht los. "Es war wie ein Monster, das mich nicht verließ." Und immer wieder fragt sie sich: "War das alles real? Oder war das die Ausgeburt meiner kindlichen Fantasie?"

Die beiden Schwestern in Auschwitz im Jahr 1991.
Die beiden Schwestern in Auschwitz im Jahr 1991.(Foto: privat)

1984 kehrte Eva Mozes Kor, wie sie inzwischen heißt, erstmals nach Auschwitz zurück. Schon der Flug dorthin ist ein Alptraum. Sie fliegt Lufthansa, aus den Lautsprechern ertönen deutsche Ansagen. "Plötzlich hatte ich Bauchschmerzen und sah mich wieder auf der Selektionsrampe, wo meine Familie vom Erdboden verschwand." Die Erinnerungen überfallen sie, kurz darauf lässt sie sich ihre Häftlingsnummer schwärzen.

In Auschwitz sucht sie lange nach der Rampe. Diese war, wie sie sagt, kurz vor ihrer Deportation eigens aus "feinstem, nagelneuem Zement" errichtet worden, um Zehntausende ungarische Juden zu tragen. Erst nach langem Herumirren entdeckt sie, überwuchert von Gras und Moos, ein Stück davon. Das Monster von Auschwitz war nicht die Ausgeburt ihrer Fantasie.

Noch Jahre später hasst Eva Mozes Kor Deutschland und die deutsche Sprache. Mit der Welt liegt sie im Argen, oft wird sie wütend und brüllt beim kleinsten Anlass. "Ich war ein sehr gutes Opfer", sagt sie heute von sich. Als ihre Schwester, bei der durch Mengeles Injektionen die Nieren nicht mehr gewachsen waren, am 6. Juni 1993 in Israel stirbt, bricht Eva zusammen. Die Alpträume überwältigen sie.

"Wo auf dieser Erde soll ich einen KZ-Arzt auftreiben?"

Kurz darauf ruft die Universität Boston an. Ob sie nicht einen Vortrag halten könne, am besten mit einem KZ-Arzt zusammen. "Ich war schockiert und fragte: Wo auf dieser Erde soll ich einen KZ-Arzt auftreiben? In meinem Telefonbuch inserieren sie nicht." Doch die Idee lässt sie nicht mehr los und sie spürt tatsächlich einen KZ-Arzt auf: Hans Münch, einstiger Lagerarzt von Auschwitz und Freund Mengeles, will zwar nicht nach Boston kommen, aber sie kann ihn in Deutschland besuchen.

Als Eva Mozes Kor Auschwitz in den 80er Jahren besuchte, war sie entsetzt, wie grau alles im sozialistischen Polen war. Damals beschloss sie, vor allem knallige Farben zu tragen.
Als Eva Mozes Kor Auschwitz in den 80er Jahren besuchte, war sie entsetzt, wie grau alles im sozialistischen Polen war. Damals beschloss sie, vor allem knallige Farben zu tragen.(Foto: dpa)

Sie macht eine Diät und kauft sich neue Kleider, um nicht wie ein "armes jüdisches Mädchen" auszusehen. Als sie ins Allgäu fährt, merkt sie: "Jeder Nerv meines Körpers rebellierte gegen das, was ich tat." Aber die Neugier überwiegt, schließlich erhofft sie sich von Münch vor allem eine Antwort auf die Frage, wo sich Mengeles medizinische Unterlagen aus Auschwitz befinden. Sie erfährt es nicht, dafür erklärt ihr Münch genau, wie die Gaskammern funktionierten. Und ist bereit, mit Eva Mozes Kor nach Auschwitz zu fahren und am 50. Jahrestag der Befreiung des Lagers dort ein entsprechendes Dokument zu unterzeichnen. "Mir war es so wichtig, dass ein Nazi ein derartiges Dokument unterzeichnet, damit ich dies später allen, die die Gaskammern leugnen, vors Gesicht halten kann."

Als Eva Mozes Kor aus Deutschland abreist, grübelt sie lange, wie sie Münch, dem Nazi-Arzt, der zu ihrem Freund wird, danken kann. Bis in ihr nach zehn Monaten der Gedanke aufblitzt, ihm einen Brief zu schreiben. Einen Brief der Vergebung. "Sobald ich den Brief unterzeichnet hatte, fühlte ich, wie der Schmerz von meinen Schultern abfiel. Ich war nicht länger ein Opfer von Auschwitz, ein Opfer meiner tragischen Vergangenheit. Ich war frei von Auschwitz, ich war befreit von allem." Die Alpträume hören schlagartig auf. Sie erkennt: Verzeihung ist ein Akt der Selbstheilung, der Befreiung und der Selbstwerdung. Sie kann Deutsch hören, ohne Bauchschmerzen zu bekommen, sie versucht sogar mit Hilfe eines Wörterbuchs, die Sprache der Mörder zu lernen.

"Verzeihung ist die beste Rache"

Eva Mozes Kor vergibt nicht nur Münch, sondern auch ihrem Gott von Auschwitz, Josef Mengele. Zum Entsetzen vieler Überlebender verliest sie am 27. Januar 1995 auf den verschneiten Trümmern eines Krematoriums eine Erklärung der Vergebung. Die Kritik daran ist harsch - was sie nicht beirrt: "Den Leuten, die Rache wollen, kann ich nur sagen: Verzeihung ist die beste Rache. Denn von dem Moment an haben die Täter keine Macht mehr über dein Leben."

Die Welt sei voll von Gedenktagen und jede Opfergruppe erinnere sich bestens an ihre eigenen Tragödien: "Doch haben die Erinnerungen je verhindert, dass es zu einer neuen Katastrophe kommt?" Alles Gedenken bringt nichts, wenn man nicht auch Lehren zieht, da ist sich Eva Mozes Kor heute ganz sicher. Und eine ihrer Lehren aus Auschwitz lautet: auch den ärgsten Feinden zu verzeihen - unabhängig davon, ob diese bereuen oder nicht.

Sie hat auch andere Lehren gezogen. So versucht sie, Menschen nur nach ihrem Charakter zu beurteilen. Und vor allem will sie nie, niemals aufgeben. Auch bei ihrem größten Anliegen, das sie derzeit noch umtreibt: Sie will wissen, welche Krankheitserreger ihr und ihrer Schwester injiziert wurden, sie will die Akten von Mengele aufspüren. Sie ist überzeugt, dass Mengele seine Unterlagen nie vernichtet hat und diese auch heute noch existieren. "Sie waren sein Stolz und seine Freude, wie ein Baby, das er erschaffen hat. Und irgendjemand weiß genau, wo sich die Akten befinden."

Ansonsten lebt Eva Mozes Kor inzwischen im Frieden mit sich und der Welt. Sie arbeitet unermüdlich, für das Holocaust-Museum, das sie nach dem Tod ihrer Schwester gegründet hat, für ihren Verein für die überlebenden Kinder der Mengele-Experimente, sie hält Tausende Vorträge vor Ärzten, Schülern, Studenten. Sie mag die Person, die sie ist, und weiß, dass sie ohne Auschwitz nicht dieser Mensch wäre, dieser energiegeladene und bei allem noch immer humorvolle Mensch, der auch in den verzweifeltesten Lagen einen Ausweg findet.

An diesem Dienstag, dem 70. Jahrestag ihrer Befreiung, wird sie wieder an der Rampe von Auschwitz stehen. Sie wird wieder die Wachmänner sehen, die Schreie hören und dann, inmitten aller Gedenkreden, irgendwann die Frage: "Wie war Auschwitz möglich?" Auch Eva Mozes Kor hat darauf keine Antwort. Aber sie weiß zumindest: Das Monster von Auschwitz hat seine Macht über sie verloren.

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Quelle: n-tv.de

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