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UN-Sicherheitsrat verurteilt Gewalt: Ägypten fürchtet "Freitag der Wut"

In Kairo bilden sich Bürgerwehren, die Polizei hat Befehl, scharf zu schießen - die Islamisten wollen am "Freitag der Wut" wieder auf die Straße. Ägypten fürchtet erneut blutige Ausschreitungen mit Hunderten Toten. Sprengsätze explodieren an einer Bahnlinie in die Hauptstadt. Derweil greift Bundeskanzlerin Merkel zum Telefon.

Kommt es erneut zu Ausschreitungen?
Kommt es erneut zu Ausschreitungen?(Foto: REUTERS)

Ägypten droht ein "Freitag der Wut" mit neuem Blutvergießen. Zwei Tage nach der Räumung der Islamisten-Protestcamps wollen die Muslimbrüder und die radikalislamische Vereinigung Dschihad erneut gegen die vom Militär eingesetzte Übergangsregierung auf die Straßen gehen. Zum Schutz organisieren sich Bürgerwehren. Die Polizei hat Order, mit scharfer Munition auf Plünderer und Saboteure zu schießen. Die USA riefen ihre Bürger zum Verlassen des Landes auf. Das Auswärtige Amt rät inzwischen von Reisen nach ganz Ägypten ab. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Gewalt.

Der Generalsekretär der Islamischen Partei, Mohammed Abu Samra, sagte dem Nachrichtenportal der Kairoer Tageszeitung "Al-Masry Al-Youm", geplant seien zwar friedliche Kundgebungen. Allerdings könne niemand garantieren, dass es nicht auch zu Gewalt und Brandanschlägen komme. Gerade die jungen Menschen seien sehr erzürnt. Die Demonstrationen sollen an allen Moscheen Kairos beginnen und am zentralen Ramses-Platz zusammentreffen, erklärten die Muslimbrüder via Twitter.

Bürgerwehren gegen Plünderer

Saboteure zündeten derweil Sprengsätze an einer Bahnlinie, die den äußersten Nordwesten Ägyptens mit Alexandria und Kairo verbindet. Die Website der ägyptischen Zeitung "Al-Watan" berichtete, die Gleise seien durch die Explosionen 35 Kilometer östlich von Marsa Matruh beschädigt worden und würden jetzt repariert. Verletzt wurde niemand.

In vielen Straßen der Hauptstadt fanden sich bereits in der Nacht an den Hauseingängen Bürgerwehren zusammen, um Plünderer abzuschrecken. Die Protestbewegung "Tamarud", die die Massenkundgebungen gegen den inzwischen gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi organisiert hatte, rief die Bevölkerung über das Staatsfernsehen dazu auf, ihre Häuser, Moscheen und Kirchen selbst vor möglichen Attacken der Islamisten schützen.

In mehreren Landesteilen gilt der Notstand. Die Polizei verhaftete vor Beginn der Proteste vier führende Mitglieder der Bruderschaft, wie das Nachrichtenportal "youm7" meldete.

Regierung verteidigt Vorgehen

Der seit Wochen schwelende Konflikt zwischen Islamisten und Mursi-Gegnern war eskaliert, als Sicherheitskräfte zwei zentrale Protestlager der Muslimbrüder in Kairo gewaltsam räumten. Blutige Ausschreitungen forderten Hunderte Todesopfer. Die Regierung hatte zuletzt von 638 Toten und 4201 Verletzten gesprochen. Ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums dementierte diese Zahlen und sprach von etwa 600 Toten. Der demokratisch gewählte Mursi war am 3. Juli durch das Militär gestürzt worden. Die Islamisten fordern seine Wiedereinsetzung.

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Die Regierung in Kairo verteidigte ihr hartes Vorgehen gegen internationale Kritik und sprach von terroristischen Handlungen, die sich gegen Regierungsgebäude und lebenswichtige Einrichtungen richteten.

US-Präsident Barack Obama hatte die Maßnahmen scharf verurteilt und eine traditionelle gemeinsame Militärübung amerikanischer und ägyptischer Streitkräfte abgesagt. Seine Warnung an die US-Bürger im Land begründete das US-Außenministerium mit den politischen und sozialen Unruhen. Der UN-Sicherheitsrat rief alle Parteien auf, die "Aggressionen" einzustellen, wie Argentiniens Vertreterin Maria Cristina Perceval als derzeitige Ratspräsidentin nach einer Dringlichkeitssitzung des Gremiums mitteilte.

Dutzende Kirchen zerstört

"Wir rufen alle Seiten entschieden dazu auf, gerade auch heute sich friedlich zu verhalten und auf jegliche Gewaltanwendung zu verzichten", sagte der Sprecher der deutschen Bundesregierung, Steffen Seibert. Die politische und militärische Führung des Landes trage nun gemeinsam mit der Führung der Muslimbrüderschaft große Verantwortung. "Weitere Eskalationen würden Ägypten möglicherweise in ein Chaos von Gewalt und Gegengewalt und ständiger Eskalation stürzen."

Angaben der Deutschen Bischofskonferenz zufolge wurden bei Übergriffen mehr als 40 Kirchen und christliche Einrichtungen zerstört. "Ich bin entsetzt über die zunehmenden Angriffe gegen Christen (...)", sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. Er verurteilte die blutigen Zusammenstöße scharf: "Hass und Gewalt weisen keinen Weg aus der politischen Krise und töten jede Hoffnung auf eine friedliche Lösung der Auseinandersetzungen zwischen der Staatsmacht und den Muslimbrüdern." Schuldzuweisungen - auch gegen Christen - trügen "weder zur Versöhnung noch zu dem dringend notwendigen Vertrauen in Ägypten bei".

Gespräche über EU-Sondertreffen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will mit dem französischen Präsident François Hollande sowie dem britischen Premierminister David Cameron zur Lage telefonie ren. Die Länder wollen gemeinsame Stellungnahmen veröffentlichen. Deutschland setze sich für einen engen europäischen Beratungsprozess ein, wie ein Sprecher des Auswärtigen Amts sagte. Dazu sollte aus deutscher Sicht bald ein Treffen der EU-Außenminister stattfinden.

Ob es ein Sondertreffen der 28 EU-Staaten geben wird, um eine gemeinsame politische Haltung zur Krise zu finden, wird nach Angaben von Diplomaten in Brüssel voraussichtlich Anfang kommender Woche entschieden.

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Quelle: n-tv.de

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