Politik
23. März 1987: Willy Brandt hat soeben seinen Rückzug vom Parteivorsitz verkündet. Nun wird er von Reportern bestürmt.
23. März 1987: Willy Brandt hat soeben seinen Rückzug vom Parteivorsitz verkündet. Nun wird er von Reportern bestürmt.(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Freitag, 23. März 2012

"Tittensozialismus": Als Brandt die Brocken hinwarf

von Hubertus Volmer

Willy Brandt ist bis heute eine der Ikonen der SPD. Sein Abgang vor 25 Jahren zeigt jedoch, dass Parteien ihre Ikonen nicht schonen, wenn die sich eine Blöße geben. Vordergründig stolperte Brandt über eine "schöne Griechin", tatsächlich war sein Rücktritt die Folge eines bis heute kaum zu schaffenden Spagats.

Im Radio laufen Songs wie "Caravan of Love" von den Housemartins oder "Reality" aus dem Schmusefilm "La Boum - die Fete". Die SPD steckt in der Krise. Am 16. März 1987, einem Montag, trifft sich die Führung der Partei in ihrer Bonner Zentrale, der sogenannten Baracke. Auf der Tagesordnung steht eine personalpolitische Lappalie: Es geht darum, wer Nachfolger von Günter Verheugen als SPD-Pressesprecher werden soll. Zwei Kandidatinnen gibt es, eine davon, Margarita Mathiopoulos, ist die Favoritin von Parteichef Willy Brandt.

Die Lappalie hat es in sich. Die 30-Jährige ist die Tochter eines griechischen Journalisten und einer zyprischen Archäologin, sie hat Jura, Politologie und Geschichte studiert, sie hat promoviert, ein bisschen Journalismus gemacht und arbeitet nun in der Presseabteilung von IBM in Stuttgart. Und doch ist ihre stärkste Qualifikation, so scheint es, die Tatsache, dass Brandt mit ihren Eltern befreundet ist.

In den Medien firmiert Mathiopoulos, die in Bonn zur Welt gekommen ist, als "die Griechin", gern auch als "die schöne Griechin". Für Teile der SPD-Basis ist schon dies eine Zumutung: Eine Frau, eine Ausländerin soll die Politik ihrer Partei erklären? Weitaus schwerer allerdings wiegt, dass sie der SPD nicht angehört. Verlobt ist sie mit dem CDU-Politiker Friedbert Pflüger, dem Sprecher von Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Während ihres Studiums hatte sie ein Stipendium der FDP-nahen Naumann-Stiftung, und als sie sich 1985 um einen Job im CDU-geführten Forschungsministerium bewarb, hielt man sie dort - wenn auch zu unrecht - für ein Mitglied der griechischen Konservativen, für eine "aus dem bürgerlichen Lager".

"Am Herzen der Partei vorbei"

Das ist die Frau, über die Brandt stolpert. Er ist 73 Jahre alt, seit 1964 ist er Vorsitzender der SPD. Seinen Abschied aus diesem Amt hatte Brandt bereits im vergangenen Jahr angekündigt: Auf dem Parteitag im Sommer 1988 will er seinen Posten an einen Nachfolger übergeben. Wer dies werden soll, steht ebenfalls fest, nämlich SPD-Fraktionschef Hans-Jochen Vogel. Brandt, Vogel, NRW-Ministerpräsident Johannes Rau sowie Saar-Ministerpräsident Oskar Lafontaine hatten dies am 13. Februar 1987 unter acht Augen abgesprochen. Zwar hätte Brandt lieber Lafontaine als seinen Nachfolger gesehen. Doch der (heute kaum noch vorstellbar) zaudert. Immerhin, zur Absprache gehört, dass Lafontaine es sich noch einmal überlegen darf. Auch den Zugriff auf die nächste Kanzlerkandidatur soll er haben.

Brandt und sein "Lieblingsenkel" Lafontaine bei einem Frühlingstreffen der SPD in Norderstedt am 21. März 1987. An diesem Samstag machte Brandt erneut deutlich, dass er Lafontaine gern als seinen Nachfolger sehen würde.
Brandt und sein "Lieblingsenkel" Lafontaine bei einem Frühlingstreffen der SPD in Norderstedt am 21. März 1987. An diesem Samstag machte Brandt erneut deutlich, dass er Lafontaine gern als seinen Nachfolger sehen würde.(Foto: picture-alliance / dpa)

Der Plan wird tatsächlich genau so umgesetzt, wenn auch nicht in der beabsichtigten Ruhe, sondern hektisch und überstürzt. Denn die Personalie Mathiopoulos sorgt für einen Sturm der Empörung in der SPD. Der nordrhein-westfälische Fraktionschef Friedhelm Farthmann schimpft über den "Tittensozialismus" in seiner Partei. In der Präsidiumssitzung vom 16. März gibt Ex-Verteidigungsminister Hans Apel, einer der Wortführer des rechten Parteiflügels und Freund von Altkanzler Helmut Schmidt, einen Zettel weiter mit der Aufschrift "BMW". Ein Scherz, den er auf Nachfrage gern erklärt: "Brandt muss weg." Noch freundlich ist das Urteil des niedersächsischen Oppositionsführers Gerhard Schröder über Brandts griechische Pläne: "Intellektuell nicht ohne Reiz, aber am Herzen der Partei vorbei." Am 23. März wirft Brandt die Brocken hin.

Brandt verstand seine Entscheidung für Mathiopoulos als Signal der "Öffnung". Der Rest der Republik sah einen Parteichef, dem die Autorität entglitten war. "Brandt ist nicht zu spät gegangen, er hat zu früh angekündigt, dass er geht", sagt der Historiker Bernd Rother, der bei der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung arbeitet. Brandt selbst sagte später, zur Nachahmung könne er "solche Vorankündigungen nicht empfehlen". Nun wusste jeder, dass Brandts Zeit zu Ende ging. "Dazu kam", sagt Rother, "der natürliche Drang der Jüngeren nach vorn - und die große inhaltliche Unzufriedenheit auf dem rechten Flügel der SPD."

Denn Brandt hatte den Bruch mit der Politik seines Kanzler-Nachfolgers Helmut Schmidt organisiert und moderiert: Schon im November 1983, gut ein Jahr nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition, stimmten nur noch 14 Delegierte des SPD-Parteitags in Köln für den Nato-Doppelbeschluss, der neben Verhandlungen auch Nachrüstung vorsah. 1986 beschloss ein weiterer Parteitag den Ausstieg aus der Atomkraft. Deutlicher hätte sich die SPD von Schmidt nicht distanzieren können.

"Die Öffnung war richtig"

Brandt musste nun nicht länger eine Politik verteidigen, von der er ohnehin nichts hielt. Stattdessen nahm er an Kirchentagsdiskussionen teil und verfolgte sein Lieblingsprojekt: die Öffnung der SPD zu den sozialen Bewegungen, der Friedens-, Umwelt- und Frauenbewegung. Dies, so Rother, sei Brandts große Leistung als SPD-Vorsitzender gewesen: "Er hielt die Partei nach innen zusammen und öffnete sie gleichzeitig nach außen." Das allerdings machte einen Spagat nötig, der immer schwieriger zu bewerkstelligen war. "Und dennoch war die Öffnung richtig", betont Rother. "Denn was wäre die Alternative gewesen? Sich abzukapseln oder gar die Jusos aus der Partei zu werfen, wie Schmidt es Anfang der siebziger Jahre gern gemacht hätte?" Dann, sagt der Historiker, hätte die SPD ihren Anspruch, Volkspartei zu sein, aufgegeben, dann wären die Grünen noch stärker geworden, dann hätte es möglicherweise bereits in den achtziger Jahren einen dritte Partei links der Mitte gegeben. "Keinesfalls jedoch wäre es leichter gewesen, eine Regierungsmehrheit zu organisieren."

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Nach zwei verlorenen Bundestagswahlen und ausbleibenden Wahlerfolgen in den Ländern war die Euphorie, die Brandt nach 1982 in der SPD ausgelöst hatte, verflogen. Die Partei stritt nun über den richtigen Umgang mit den Grünen, damals noch die Schmuddelkinder der bundesdeutschen Politik. Der Niedersachse Schröder schloss eine Zusammenarbeit mit ihnen nicht aus und unterlag im Sommer 1986 nur knapp der in Hannover regierenden Koalition aus CDU und FDP. Im Bund legte sich SPD-Kanzlerkandidat Johannes Rau dagegen für die Bundestagswahl vom 25. Januar 1987 auf das Ziel einer "eigenen Mehrheit" fest. Ein Machtwort in dieser Debatte gab es von Brandt nicht, davon hielt er ohnehin nicht viel. Ungeschickt war allerdings, dass Brandt in einem Interview deutlich machte, dass er schon ein Wahlziel von 43 Prozent für gut hielte. Schließlich distanzierte er sich ganz vom offiziellen Wahlziel seines Kanzlerkandidaten. Am Ende wurden es 37 Prozent. Heute wäre ein solches Ergebnis eine Sensation, damals war es der niedrigste Wert seit 1961.

Brandts Fall wird zum Fall Brandts

Brandt wurde zum Sündenbock. "Der Fall Mathiopoulos ist zu Brandts Fall geworden", schrieb der "Spiegel" am 23. März 1987, "und Brandts Fall, so sah es letzte Woche aus, könnte zu einem Fall Brandts werden." Die Prophezeiung hatte sich bereits bewahrheitet, als das Nachrichtenmagazin in den Briefkästen seiner Abonnenten lag: Am selben Tag gab Brandt seinen Rücktritt als SPD-Chef bekannt.

Es war das Ende einer Ära und der Auftakt zu einer Phase der kurzen Amtszeiten, von der man noch nicht sagen kann, ob sie bereits zu Ende ist, schließlich ist Sigmar Gabriel erst seit Oktober 2009 SPD-Chef. Statistisch gesehen müsste bald Schluss ein, denn im Durchschnitt hielten es die SPD-Vorsitzenden nach Brandt nur zweieinhalb Jahre in diesem Amt aus. Den Rekord hält einer, der den Job nie wollte: Gerhard Schröder, SPD-Chef über fünf Jahre. Er war bereits die Nummer acht in der langen Liste der Nachkriegsvorsitzenden der SPD. Brandt selbst war erst der dritte gewesen, seine Vorgänger waren mit dem Tod aus dem Amt geschieden.

Der große Verschleiß an SPD-Vorsitzenden seit 1987 zeigt: Der Spagat zwischen Öffnung und Integration ist nicht leichter geworden. Brandt erlebte den Auf- und Abstieg der SPD. Dass die Erosion der Volksparteien höchstens verlangsamt, angesichts einer immer heterogeneren Gesellschaft nicht aber aufgehalten werden kann, war 1987 für die meisten Politiker kaum vorstellbar - und bis heute ist dieser Gedanke bei Union und SPD nur schwer zu akzeptieren. Mittlerweile sind die Sozialdemokraten beim zwölften Vorsitzenden seit Gründung der Bundesrepublik angekommen, und das schließt die kommissarischen Parteichefs sowie die zweite Amtszeit von Franz Müntefering nicht einmal ein. Zum Vergleich: Auf dem Chefposten der CDU ist Angela Merkel die Nummer sieben.

Als Brandt ging, offenbarte er eine Streitkultur, die ahnen lässt, wie hart der Posten ist, den Müntefering das "schönste Amt neben dem Papst" nannte, als er es im Jahr 2004 zum ersten Mal übernahm. "Ich stehe für diese Abart von Auseinandersetzungen nicht mehr zur Verfügung", sagte Brandt dem SPD-Vorstand in einer zornigen Rücktrittsrede. Und weiter: "Bei der Diskussion um die in Aussicht genommene neue Sprecherin hat mich besonders gestört, was ich als einen Aufstand von Spießertum empfunden habe." Ein paar Tage später konnte jeder nachlesen, was Brandt dem Vorstand an die Köpfe geworfen hatte, denn er leakte, wie man heute sagen würde, seine Gardinenpredigt an die "Zeit" - ausgerechnet an jene Wochenzeitung, deren Herausgeber seit 1983 Helmut Schmidt war.

Am Ende ist der Zorn verflogen

Es sei ihm darum gegangen, "ein Zeichen von Liberalität zu setzen", sagte Brandt, "auch ein Zeichen der weiteren generationsmäßigen Erneuerung; auch ein Zeichen des Ringens um 'parteilose Sozialdemokraten', von denen ich in erheblichem Maße verstanden worden bin und die im Übrigen zu finden sind". Das mit dem Finden ist bis heute nicht so recht gelungen. Erst vor kurzem zog Gabriel jenen Teil seiner Parteireform zurück, mit dem Nichtmitglieder an der Wahl von Kandidaten für öffentliche Ämter beteiligt werden sollten. Nun soll jeder Ortsverein selbst entscheiden, ob er sich öffnet.

Drei Monate nach Brandts Rücktrittsankündigung, im Juni 1987, fand in Bonn ein Sonderparteitag statt, auf dem Jochen Vogel zum neuen SPD-Vorsitzenden gewählt wurde. Mit einer "glänzenden Rede" (Rother) gelang Brandt hier ein würdevoller Abgang. "Wenn ich sagen soll, was mir neben dem Frieden wichtiger sei als alles andere, dann lautet meine Antwort ohne Wenn und Aber: Freiheit", sagte er. Sein Zorn war verflogen, seine Kritik weiterhin deutlich: "Wichtig bleibt: mehr mit den Menschen als über sie reden; in die Gesellschaft hinein wirken, statt nur ihre Schlechtigkeit beklagen; ja sagen zum Leben, statt neurotisch mit ihm zu hadern."

Parteisprecherin wurde Margarita Mathiopoulos am Ende natürlich nicht, was ihrer weiteren Karriere allerdings keinen Abbruch tat. Fünfzehn Jahre nach Brandts Rücktritt entschied sie sich doch noch für eine Partei: Sie trat in die FDP ein. Ihre Dissertation, an der es bereits 1989 Zweifel gab, wird derzeit von der Universität Bonn geprüft. Eine Entscheidung soll am 18. April fallen.

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Quelle: n-tv.de

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