Politik
In der Nacht zum 10. November 1938 fielen NS-Banden über Synagogen, jüdische Einrichtungen und Geschäfte her.
In der Nacht zum 10. November 1938 fielen NS-Banden über Synagogen, jüdische Einrichtungen und Geschäfte her.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Erinnerungen an den 9. November 1938: Als aus Nachbarn "die Juden" wurden

Von Solveig Bach

Zerborstene Schaufensterscheiben, der ganze Schulweg liegt voller Scherben, in der Straße brennt es, doch die Feuerwehr löscht nicht. Die Menschen, die sich noch an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 erinnern können, müssen weit in ihre Vergangenheit zurück. Vor 75 Jahren, als die Synagogen brannten, waren sie noch Kinder.

Elisabeth Baewer und Herbert Wargenau sind im November 1938 acht Jahre alt. Elisabeth lebt seit kurzem in Berlin, wo ihr Vater endlich Arbeit im Straßenbau gefunden hat. Die Mutter ist schon gestorben. In der Weißenburger Straße hat der Vater lange zur Untermiete gewohnt, nun ist die Familie weggezogen, Elisabeth, ihre Schwester Inge und der Vater können die Wohnung übernehmen. Was Elisabeth nicht weiß, die letzten Mieter waren eine jüdische Familie, der "Umzug" 1938 ist eine Emigration und bereits eine Reaktion auf die wachsende Verfolgung in Deutschland.

Elisbaeth Baewer und Herbert Wargenau sind heute 83 Jahre alt.
Elisbaeth Baewer und Herbert Wargenau sind heute 83 Jahre alt.(Foto: Klaus Wedekind)

Herbert wohnt im oberschlesischen Beuthen, dem heutigen Bytom. Hierher ist der Vater aus Königsberg versetzt worden. Nun ist er Lehrer an der Staatsbauschule und hat gerade einen Teil des Familiengrundstücks an eine zugezogene Familie verkauft. Ganz offen wird darüber gesprochen, dass die Sternfelds in Danzig unter dem "Judenfresser" Arthur Greiser zu leiden hatten und deshalb in Beuthen einen Neuanfang unternehmen.

Bisher gab es in der Welt von Herbert und Elisabeth nur evangelisch oder katholisch, nun ist dauernd von den Juden die Rede. "Der Stürmer" hat sie jeden Tag auf dem Titelblatt. Seit August müssen Juden den Namenszusatz Israel beziehungsweise Sarah führen, damit sie sofort zu erkennen sind. Ab Anfang Oktober wird ein J in ihre Ausweise gestempelt. Schon seit 1935 werden ihre Wohnorte in einer "Judenkartei" erfasst. Jüdische Beamte werden aus dem Staatsdienst entlassen, jüdisches Eigentum wird registriert und enteignet, jüdische Geschäftsleute müssen ihre Namen an die Schaufenster schreiben. Der Bau von Konzentrationslagern hat begonnen, immer häufiger werden Juden attackiert und bei Razzien "abgeholt". Angst macht sich unter ihnen breit.

"Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen"

Herbert Wargenau hat einen neuen Wettbewerb mit seinen Schulkameraden: Flaggen zählen. Die Straßen sind in diesen Tagen voller Fahnen, Herbert hat viel zu zählen. Aber er spielt auch mit den Sternfeld-Kindern und besucht die Tannenbergs auf der anderen Straßenseite. Das ältere Ehepaar hat immer ein paar Bonbons für Herbert und seine Freunde. Doch eines Tages sagt Herberts Großmutter, er solle diese Kontakte lieber meiden. "Da musste das einschlafen", berichtet er heute. Die schleichende Ausgrenzung beginnt damit, dass ein Junge kein Bonbon von einem Nachbarn mehr annehmen darf.

Elisabeth (l.) mit ihrer Schwester Inge im Jahr 1938
Elisabeth (l.) mit ihrer Schwester Inge im Jahr 1938

Elisabeth lebt im Berliner Prenzlauer Berg rund um die Synagoge in der Rykestraße in einem jüdischen Viertel. Vom Hof blickt sie auf den jüdischen Friedhof. Viele der Mitschülerinnen an der Mädchenschule in der Prenzlauer Allee sind jüdisch. Mit einem der Mädchen, Margit Rosenthal, freundet sich Elisabeth an. Margit wohnt mit dem Vater und den Großeltern im Nachbarhaus, auch sie hat die Mutter verloren. Aber Margit hat ein eigenes Zimmer, da lässt es sich herrlich spielen.

Am Abend des 9. November hallen "Juden raus"-Rufe durch die Weißenburger Straße in Berlin. Es läutet Sturm an den Türen, doch kaum jemand öffnet. Die Führung der NSDAP nutzt das Attentat des Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Botschaftsangehörigen Ernst vom Rath in Paris, um die antisemitische Stimmung weiter aufzuheizen. Nach einer Veranstaltung in München lässt Reichspropagandaminister Joseph Goebbels Telegramme verschicken. Ihr Inhalt: "Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden. Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen."

Auf den Straßen lauter Uniformierte

Ziel ist es, landesweit Pogrome auszulösen, angezettelt von SA- und SS-Angehörigen in Zivilkleidung. In angeblich spontanen judenfeindlichen Aktionen im ganzen Reich werden noch am selben Abend und die ganze Nacht hindurch Synagogen und jüdische Gemeindehäuser angezündet, jüdische Geschäfte demoliert und geplündert. Juden werden angespuckt, geschlagen, mit Steinen beworfen.

Herbert Wargenau im Jahr 1938
Herbert Wargenau im Jahr 1938

Elisabeth Baewer ist häufig allein, denn der Vater muss arbeiten. Sie kann die Uhr noch nicht lesen, um morgens die Zeit nicht zu verpassen, lässt sie auch am 10. November den Volksempfänger laufen. "Es war große Aufregung im Haus und auf der Straße. Ich bin am Wasserturm vorbei zur Schule gegangen und dann durch die Rykestraße gelaufen. Vor der Synagoge standen lauter Uniformierte und ich bin vorbeigegangen und habe schüchtern da hingeschielt. Ich hatte Bedenken, stehen zu bleiben. Auf dem Weg zum U-Bahnhof Senefelder Platz waren überall die Schaufensterscheiben eingeschlagen, davor immer Unifomierte, die Läden waren geplündert."

Die Synagoge in der Rykestraße liegt inmitten einer Häuserzeile. Auch hier beginnen SA-Leute zu brandschatzen, doch weil "arisches Eigentum" in Gefahr geraten könnte, darf der Brand gelöscht werden. Die Innenräume der Synagoge werden jedoch verwüstet, ebenso wie viele Geschäfte in den anliegenden Straßen.

Mit einem Mal ist Margit weg

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In Beuthen steht die Synagoge am Friedrich-Wilhelm-Ring. Auch Herbert Wargenau kommt auf seinem Schulweg am 10. November hier vorbei. "Ich ging am Morgen zur Schule, die Synagoge brannte und die Feuerwehr stand einfach davor. Dann fiel mir auf, wie viele Schaufensterscheiben kaputt waren. Flächendeckend, überall lagen Scherben. Bei einigen standen Leute davor. Und als ich von der Schule wieder nach Hause ging, war es noch genauso." In Beuthen müssen die Mitglieder der jüdischen Gemeinde vor der brennenden Synagoge stehen, bis das Feuer heruntergebrannt ist. Es dauert eine ganze kalte Novembernacht lang. Zweieinhalb Jahre später werden die meisten Mitglieder der Beuthener jüdischen Gemeinde nach Auschwitz-Birkenau gebracht und dort am 15. Februar 1942 vergast.

Elisabeth Baewer spielt noch eine Weile mit Margit Rosenthal. Sie treffen sich nun heimlich im Judengang zwischen Friedhof und Häuserzeile, damit niemand sie sehen und denunzieren kann. Elisabeth verfolgt, "wie nach und nach immer noch eine Familie verschwand. Dann stand der Lastwagen vorn auf der Straße und die Familien wurden eingeladen. Und später zogen neue Familien ein. Das waren natürlich keine Juden." Manchmal geht sie eng untergehakt mit der Freundin spazieren, damit niemand ihren Judenstern sieht.

Eines Tages öffnet ihr nur noch die Großmutter. "Sie hat gesagt, die Margit ist gestern abgeholt worden. Das wurde ganz offen ausgesprochen und das hat ja auch jeder sehen können. Dann sagte die Oma noch, wenn du willst, kannst du dir ein paar Kleider mitnehmen und ein paar Spielsachen. Meine Mutter war ja tot, wir hatten ja nichts. Aber irgendwie hat sich das nicht ergeben. Vielleicht hatte ich Angst, wieder hinzugehen."

In insgesamt 61 "Osttransporten" wurden mehr als 35.000 Berliner Juden deportiert und ermordet. Margit Rosenthal überlebt den Holocaust. Sie geht nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Israel, heiratet dort, bekommt Kinder und ändert ihren Vornamen in Miriam. Ihr Sohn Offer Hameiri erzählt, dass sie bis zu ihrem Tod 1986 nie über die Vorgänge in Deutschland gesprochen hat. Nur einmal habe sie erwähnt, dass sie dabei gestanden habe, wie ihr Vater geschlagen wurde. Von der Weißenburger Straße in Berlin hat Offer Hameiri noch nie gehört.

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Quelle: n-tv.de

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