Politik
E. sitzt nun wieder in Untersuchungshaft.
E. sitzt nun wieder in Untersuchungshaft.(Foto: AP)
Donnerstag, 14. September 2017

U-Haft wegen Fluchtgefahr: André E., der "verlässliche Anker" des NSU

Von Solveig Bach

Er ist der schweigende Mitangeklagte von Beate Zschäpe. Im Münchner Gerichtssaal gibt sich André E. lange selbstgefällig und siegessicher. Doch dann fällt die Strafforderung des Bundesanwalts unerwartet hoch aus.

Seit mehr als vier Jahren steht André E. zusammen mit Beate Zschäpe in München vor Gericht. Doch bisher hatten viele den Mitangeklagten im NSU-Prozess kaum wirklich wahrgenommen. Anders als der mutmaßliche Waffenbeschaffer Ralf Wohlleben galt E. vielleicht sogar als einer der Kandidaten für eine etwas mildere Strafe.

Doch mit der Strafforderung von Bundesanwalt Herbert Diemer änderte sich das. Denn Diemer forderte für E. die gleiche Strafe wie für Wohlleben, zwölf Jahre Haft unter anderem wegen Beihilfe zum Bombenanschlag auf ein Lebensmittelgeschäft in der Probsteigasse in Köln. E. soll damals das Wohnmobil gemietet haben, mit dem die Täter nach Köln fuhren. Daraufhin wurde E. noch im Gerichtssaal festgenommen, inzwischen sitzt er in Untersuchungshaft – wegen Fluchtgefahr.

Bisher war E. zu den Prozesstagen nach München gereist, hatte im Hotel übernachtet, war pünktlich zur Verhandlung erschienen und anschließend in seinen Alltag zurückgekehrt. Mitte Juli besuchte er nach einem Bericht der Thüringer Linken-Abgeordneten Katharina König-Preuss das Neonazi-Musikfestival "Rock gegen Überfremdung" im thüringischen Themar. An seinen ideologischen Überzeugungen, die er als Tattoos am ganzen Körper trägt, hat sich wohl nichts geändert.

Immer in der Nähe des Trios

Im Mai wurde E. in einem Prozess wegen Körperverletzung schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe verurteilt.
Im Mai wurde E. in einem Prozess wegen Körperverletzung schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe verurteilt.(Foto: picture alliance / Jan Woitas/dp)

Der "loyalste Helfer des NSU", wie er im Plädoyer der Bundesanwaltschaft genannt wird,  soll Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt 1998 kurz nach deren Untertauchen in Chemnitz kennengelernt haben.  Geboren ist er Johanngeorgenstadt, wo er 1996 zusammen mit seinem Zwillingsbruder Maik den Realschulabschluss macht. Aus einer Karriere als Skispringer wird nichts, er macht eine Maurerlehre, geht zur Bundeswehr.

Im April 1999 soll er für das NSU-Trio eine Wohnung in einem Chemnitzer Plattenbau gemietet haben.  Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos ziehen ein und beginnen ihre Mord- und Raubserie, die erst Jahre später auffliegen wird. Seitdem hielt E. offenbar Kontakt zu dem Trio, während er gemeinsam mit seinem Bruder seine eigene Kameradschaft aufbaut, die "Weiße Bruderschaft Erzgebirge". Später wird Maik E. im brandenburgischen Grabow das Leben einer nationalsozialistischen Musterfamilie mit fünf Kindern führen.

André E. bleibt hingegen in all den Jahren des illegalen Lebens in der Nähe des NSU-Trios. Er lebt mit seiner Frau und den damals noch zwei Söhnen ebenso wie Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos in Zwickau, soll sie immer wieder besucht haben. Die Ermittler finden später in der ausgebrannten Wohnung in der Frühlingstraße Spielzeug und Fotos, die das belegen.

Dass E. nicht wusste, was das NSU-Trio in dieser Zeit trieb, ist schwer zu glauben. Als 2006 die Polizei bei Zschäpe wegen eines Einbruchs in der Nachbarschaft klingelt, taucht er gemeinsam mit ihr auf der Polizeiwache auf und gibt sie als seine Ehefrau aus. Zschäpe hat anders als die "beiden Uwes" keinen gefälschten Ausweis. Ab 2009 ist sie dann mit einer Bahncard unterwegs, die auf den Namen von Susann E. ausgestellt ist, André E.s Ehefrau. E. arbeitet manchmal als Maurer, fährt zwischendurch LKW, ist aber auch immer wieder arbeitslos. Drei Mal soll er Wohnmobile für NSU-Taten gemietet haben.

"Schwerwiegende Unterstützungshandlungen"

Seine rechtsextremen Überzeugungen trägt er nicht unbedingt nach außen. Nach dem Auffliegen des NSU erinnern sich Nachbarn und Kleingartenfreunde an eine freundliche, unauffällige Familie. Dabei ist es E., an den sich Zschäpe in höchster Not wendet. Mundlos und Böhnhardt sind tot, die Wohnung in der Frühlingstraße brennt, da ruft Zschäpe am 4. November 2011 E. an, der ihr auf der Flucht behilflich sein soll. Und E. hilft, wie so oft, er holt Zschäpe am Platz der Völkerfreundschaft in Zwickau ab und bringt ihr Kleidung seiner Frau mit. Sie trägt sie noch, als sie sich schließlich vier Tage später stellt.

E. kann die Sicherheitsbehörden zunächst hinhalten, flüchtet sich zu seinem Bruder nach Brandenburg. Dort wird er drei Wochen später von GSG9-Beamten festgenommen. Sechs Monate sitzt er in Untersuchungshaft. Im NSU-Prozess hat er als einziger konsequent geschwiegen. Möglicherweise ging er davon aus, man werde ihm die Vorwürfe nicht beweisen können.

Bundesanwalt Diemer nannte in seinem Plädoyer die "Tatbeiträge" von Wohlleben und E. "im Ergebnis" vergleichbar. E. sei der "verlässliche Anker" des NSU gewesen und habe sich fünf Unterstützungshandlungen schuldig gemacht, von denen drei Fälle sehr schwer wögen. Deshalb fordert er die hohe Haftstrafe. Nach Diemers Strafforderung und dem anschließenden Haftantrag bekommt E.s Fassade für einen kurzen Moment Risse. Augenzeugen berichten, dass E. die Gesichtszüge entgleisten.

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Quelle: n-tv.de

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