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Paris, Pegida und die Deutschen: Angst vor Islam ist unverhältnismäßig groß

Von Issio Ehrich

Nicht nur Anhänger von Pegida sehen den Islam als Bedrohung an. Auch große Teile der gesellschaftlichen Mitte treibt Angst um. So das Ergebnis einer Studie. Der Anschlag auf "Charlie Hebdo" in Paris dürfte dafür sorgen, dass Muslime mehr denn je auf Ablehnung stoßen.

Auf ihren Plakaten steht: "Gegen religiösen Fanatismus!" Sie rufen: "Keine Scharia in Europa!" Und sie nennen sich die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) - so als gäbe es kaum einen Unterschied zwischen Anhängern des Islam und radikalen Islamisten.

Viele beunruhigt das nicht, denn es sind in ihren Augen ja nur ein paar Tausend, die so durch die Straßen Dresdens ziehen, ein paar Verwirrte, die nicht verstehen, wie es um den Islam in Deutschland wirklich steht. Doch ihr Bild des Islams, das teilen sehr viele.

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Schon die Innenministerkonferenz stellte im Dezember fest, dass Pegida durchaus mit Ängsten aus der "Mitte der Gesellschaft" spielt. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung lässt nun erahnen, wie weit verbreitet ihre Sichtweise des Islams als Bedrohung in der Bevölkerung tatsächlich ist. Und eine zentrale These dieser Studie legt nahe, dass der mutmaßlich islamistische Anschlag auf die Redaktion des französischen Satire-Magazins "Charlie Hebdo", diese Sichtweise nur fördern dürfte.

57 Prozent der nicht-muslimischen Bürger nehmen den Islam laut der Studie als Bedrohung für Deutschland wahr. Wohlgemerkt: den Islam, nicht den Islamismus. 2012 waren es 53 Prozent.

"Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel über Salafismus gesprochen, über den Dschihad und Terrorismus", sagt Yasemin El-Menouar n-tv.de. Die Islamexpertin der Bertelsmann-Stiftung nennt die Debatte über den Islamischen Staat (IS) und die Gefahr durch Syrien-Rückkehrer als Beispiel. Der Anschlag auf die Redaktion in Paris passt in diese Reihe. "Diese Aspekte werden sehr schnell vermengt mit der Situation der Muslime in Deutschland." Laut El-Menouar ist der Anteil der Extremisten unter Muslimen in Deutschland mit einem Prozent aber nicht höher als der Anteil der Extremisten unter Nicht-Muslimen. Die gefühlte Bedrohung vor dem Islam steht in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung.

Muslime stoßen auf Ablehnung

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Als weiteren Grund für das Islam-Bild vieler Deutscher nennt die Studie den Umstand, dass die meisten Bürger schlicht keinen Kontakt zu Muslimen haben. Nur jeder Dritte trifft im Alltag auf Anhänger des Islam. In Ostdeutschland ist es sogar nur jeder Zehnte. Unter Bürgern, die öfter Muslime in ihrer Freizeit treffen, liegt der Anteil derer, die den Islam als Bedrohung ansehen, mit 43 Prozent unter dem Durchschnitt. Unter Bürgern, die nie Muslime treffen, liegt er mit 66 Prozent deutlich darüber. In Sachsen, dem Pegida-Stammland, gibt es die geringste Zahl der Kontakte zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen und dort fürchten mit 78 Prozent die meisten den Islam.

Die Angst der deutschen Mehrheitsgesellschaft hat weitreichende Folgen. 52 Prozent finden: Der Islam passe nicht in die westliche Welt. 40 Prozent haben das Gefühl, wie ein Fremder im eigenen Land zu leben. Und 24 Prozent würden Muslimen am liebsten gleich die Zuwanderung nach Deutschland verweigern. Große Unterschiede zwischen verschiedenen Bildungs- oder Sozialniveaus stellten die Forscher bei ihrer Untersuchung nicht fest. Auch das Alter spielt demnach nur bedingt eine Rolle auf diese Weltsicht.

Menschen in der Bundesrepublik, die sich zum Islam bekennen, zetern demnach also nicht nur, wenn sie sagen: "Wir stoßen immer wieder auf Ablehnung."

Von wegen Parallelgesellschaft

Fremdenfeindliche Parteien und Bewegungen befeuern die Angst und die Ablehnung vieler Deutscher weiter, wenn sie von "Parallelgesellschaften" und Muslimen als "Integrationsverweigerern" sprechen. Die Studie der Bertelsmann-Stiftung zeichnet aber auch hier ein anderes Bild. Zwar gilt: In einer Reihe ethischer Fragen zeigen sich Muslime besonders konservativ. Beispiele sind Abtreibungen oder die aktive Sterbehilfe. Ihre Begeisterung für die Demokratie als Regierungsform ist aber nicht minder stark als die Begeisterung von Konfessionslosen. Ähnlich verhält es sich bei der Frage, ob jemand allen Religionen gegenüber offen sein sollte.

Anders als Christen oder Konfessionslose pflegen zudem fast alle Muslime regelmäßige Kontakte zu Nicht-Muslimen. 60 Prozent treffen sich in ihrer Freizeit sogar häufiger mit Menschen, die nicht ihrer Religion angehören. Nur acht Prozent bewegen sich in einem rein muslimischen Freizeitnetzwerk. Von den Autoren der Studie heißt es deshalb: "Gängige Thesen zu muslimischen Parallelgesellschaften sind faktisch nicht haltbar."

Auch von "Integrationsverweigerern" kann ihrer Einschätzung nach keine Rede sein. Die Autoren der Studie haben die Einstellungen von türkischen Muslimen und deutschen Muslimen mit türkischen Wurzeln verglichen. Zwar ist dabei festzustellen, dass Deutsch-Türken weiterhin große Probleme zum Beispiel mit der Homo-Ehe haben. Nicht einmal die Hälfte von ihnen befürwortet sie. In der Türkei sprechen sich allerdings nur zwölf Prozent für Ehen unter Männern aus. Was, wenn nicht der Einfluss der deutschen Mehrheitsgesellschaft auf die muslimischen Zuwanderer, könnte die Ursache für diesen Unterschied sein?

Bei der nächsten Pegida-Demo auf den Straßen Dresdens werden sich diese Frage vermutlich aber die wenigsten stellen. Wahrscheinlicher ist es da, dass sie den Anschlag auf "Charlie Hebdo" für ihre Sache vereinnahmen. Der Weg von dort in die Mitte der Gesellschaft ist dann offensichtlich nicht mehr so weit, wie es sich viele erhoffen.

Quelle: n-tv.de

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