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Die berüchtigte al-Khanssaa-Brigade, eine rein weibliche Polizeitruppe des IS.
Die berüchtigte al-Khanssaa-Brigade, eine rein weibliche Polizeitruppe des IS.

Was treibt Frauen zum IS?: Auf der Suche nach den "besseren" Männern

Von Issio Ehrich

Immer mehr junge Frauen wollen dem IS dabei helfen, ein Kalifat zu errichten. Die Grundmuster ihrer Radikalisierung ähneln denen junger Männer. Doch sie haben auch einige spezielle Motive, sich den Dschihadisten anzuschließen.

Am Freitagmorgen melden sich drei Mädchen aus einem Vorort von Denver krank. Sie schnappen sich ihre Pässe und klauen 2000 Dollar von ihren Eltern. Statt in ihre Schule geht es an den Flughafen. Die Mädchen, 15, 16 und 17 Jahre alt, treten eine lange Reise an. Sie soll sie zunächst vom US-Bundesstaat Colorado nach Deutschland führen, dann über die Türkei nach Syrien. Ihr Ziel: das Kalifat des Islamischen Staates (IS).

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Wer an den IS denkt, sieht bärtige Männer mit erhobenem Zeigefinger vor seinem inneren Auge, keine Teenagerinnen aus den Rocky Mountains. Wenn der amerikanische Inlandsgeheimdienst FBI das Trio am Wochenende nicht mit Hilfe deutscher Behörden am Frankfurter Flughafen gestoppt hätte, wäre es aber vielleicht schon mitten drin im Kalifat. Und die Geschichte der "Denver-Girls" ist nur der jüngste bekannte Fall. Viele junge Frauen wollen die Dschihadisten in Syrien und dem Irak unterstützen. Sie kommen nicht nur aus Amerika, sie kommen auch aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland.

Was reizt ausgerechnet junge Mädchen daran, sich Männern anzuschließen, die dafür bekannt sind, Frauen zu erniedrigen und zu versklaven? Männern, die mit Massenvergewaltigungen auf der ganzen Welt für Entsetzen sorgen.

Jung, ungebildet, erfolglos

Die Grundmuster der Radikalisierung junger Frauen für den IS ähneln denen der Männer in vielerlei Hinsicht. Im Einzelfall kommen allerdings spezielle, teils besonders paradox wirkende Motive hinzu, die ihren Ursprung tief in der Psyche dieser Mädchen haben.

Deutsche Sicherheitsbehörden haben kürzlich eine Studie zu Dschihad-Reisenden fertiggestellt. Obwohl noch nicht veröffentlicht, drangen die Inhalte bereits an die Öffentlichkeit.

  • Von 378 untersuchten Dschihad-Reisenden aus Deutschland hatten die meisten einen Migrationshintergrund und kamen als Muslime zur Welt. 54 der Islamisten waren deutschstämmige Konvertiten.
  • Rund ein Drittel von ihnen war zwischen 21 und 25 Jahre alt.
  • Unter allen Dschihad-Reisenden hatten nur  12 Prozent vor dem Beginn ihre Radikalisierung einen Arbeitsplatz. Und wenn sie einen hatten, handelte es sich meist um einen Job, der nur geringe Qualifikationen erforderte.
  • Unter den Dschihad-Reisenden gab es viele Schul- und Studienabbrecher.
  • Mehr als 60 Prozent haben sich mit großer Wahrscheinlichkeit schon strafbar gemacht - meist durch Gewalt-, Diebstahl- oder Drogendelikte.

Jung, ungebildet, erfolglos - so lässt sich das Ergebnis zusammenfassen. "Viele muslimische Jugendliche erleben sich in Deutschland als marginalisiert und ausgegrenzt, obwohl sie Staatsbürger sind", sagt Jörn Thielmann vom Zentrum für Islam und Recht der Universität Erlangen. "Sie sehen für sich keine Perspektiven in der Heimat, oft nehmen sie sich als Verlierer wahr."

Der Islamische Staat, dessen militärische Erfolge Tag für Tag die Hauptnachrichtensendungen dominieren, wirkt da laut dem Islamwissenschaftler für einen kleinen Teil der derart desintegrierten Muslime wie ein Ausweg. "Sie denken: Wenn ich mich denen anschließe, schwinge ich mich vom Loser zum Mächtigen auf, der die Welt auf Trab hält." Zwischen Männern und Frauen gebe es da keine großen Unterschiede.

Die Punks des Islam

Welche Rolle spielen Frauen im Islamischen Staat?

In der Geschichte des Islam gab es immer wieder Berichte über kämpfende Frauen. Sie dienen dem Islamischen Staat (IS) durchaus als Vorbild. Entsprechend gibt es auch im Kalifat bewaffnete weibliche Einheiten. Das prominenteste Beispiel ist die Al-Khanssaa-Brigade im syrischen Rakka, eine Polizei- und Sittenwächtereinheit. Weibliche Mitglieder des IS übernehmen in dem vormittelalterlichen Gesellschaftsmodell des Kalifats also nicht zwingend nur die Rolle der Hausfrau.

Nach Angaben britischer Medien haben Dschihad-Reisende aus dem Westen prominente Posten in der Al-Khanssaa-Brigade erhalten. Eine Aussteigerin sagte dem US-Sender CNN allerdings, dass auch für die Frauen der Brigade Hochzeiten arrangiert wurden, in denen sich die IS-Männer alles andere als friedfertig verhielten. "Es gab Fälle, in denen die Frauen in die Notaufnahme gebracht werden mussten, aufgrund der Gewalt, der sexuellen Gewalt."

Experten gehen zudem davon aus, dass ein großer Teil der Frauen im Kalifat regelrecht weggesperrt wird - um für die kämpfenden Männer im "Hintergrund" zu wirken.

Die Ideologie der Dschihadisten liefert jungen Menschen, ob männlich oder weiblich, einen klaren Kleidungstil, klare Verhaltenscodes und eine klare Weltsicht. Es gibt Dinge, die "halal" (erlaubt) sind und Dinge, die als "haram" (verboten) gelten. Wer sich diesen Regeln unterwirft, gehört dazu und kann sich als Teil einer vermeintlichen Elite fühlen. Oft steht bei Dschihad-Reisenden darum auch nicht der Wunsch, in den bewaffneten Kampf zu ziehen, am Beginn ihrer Radikalisierung. Oft ist da nur ein diffuses Gefühl, etwas für den Islam tun zu wollen.

Thielmann macht vor diesem Hintergrund noch ein weiteres Motiv aus. Er beschreibt die Begeisterung für den IS als ein Phänomen der Jugendkultur. "In einer Zeit, in der 70-Jährige gepierced und tätowiert sind, in denen alle Generationen alles tragen und tun können, fällt es jungen Menschen immer schwerer, sich abzugrenzen", sagt er. "Um breite Teile der Gesellschaft zu empören und so die eigene Identität zu schärfen, ist religiöser Fanatismus momentan der erfolgsversprechendste Weg." Thielmann nennt die jugendlichen Anhänger des IS die "Punks des Islam".

Die Medienstrategen des IS haben sich darauf längst eingestellt. Die Organisation wirbt mit hochauflösenden Videos in Computer-Spiel-Ästhetik auf Plattformen wie Youtube. Sie nutzt Instagram und Twitter, um Bilder brutalster Gewalt zu publizieren. Und sie spricht Interessierte mit Messenger-Diensten und Chats direkt an. Die Menschenfänger des IS arbeiten zielgruppengerecht, spielen mit der Abenteuerlust junger Menschen, aber auch mit ihren Nöten und Wünschen.

Gewalt- und Missbrauchserfahrungen

Laut der Studie der deutschen Sicherheitsbehörden waren bisher 11 Prozent der Dschihad-Reisenden aus der Bundesrepublik weiblich. André Taubert vom Bremer Beratungsnetzwerk "Kitab" kann beurteilen, inwiefern sich die Motive von Männern und Frauen im Einzelfall unterscheiden. Der Pädagoge unterstützt seit zwei Jahren Eltern, die fürchten, dass ihre Kinder in islamistische Kreise abdriften. Von den rund 100 Fällen, die ihn beschäftigen, geht es in knapp der Hälfte um Mädchen - laut Taubert, weil sich deren Eltern  schneller Sorgen machen. Hinzu komme, dass die Radikalisierung durch das Tragen eines Vollschleiers schnell offensichtlich zutage tritt.

"Es gibt Mädchen, für die ist es attraktiv, Witwe eines Märtyrers zu sein", sagt Taubert. "Das ist eines der höchsten Statussymbole überhaupt in einem Kalifat, und es gilt als Garant für den Einzug ins Paradies." Ein weiteres Motiv weiblicher Dschihad-Reisender wirkt angesichts der Geschichten über das Leben im IS geradezu paradox. "Manche junge Frauen haben das Gefühl, dass muslimische Männer, bessere Männer sind, Männer vor denen sie keine Angst haben müssen", sagt Taubert. Bei Familien, die er betreut hat, stellte er immer wieder eines fest: "Es gibt Gewalt- und Missbrauchserfahrungen." Der Pädagoge sagt: "Die Vorstellung, dass Männer des Islamischen Staates so etwas nie tun würden, gibt diesen Frauen Sicherheit."

Es führt kein Weg zurück

Die Berichte über IS-Kämpfer, die Frauen missbrauchen und versklaven, halten diese Mädchen laut Taubert für westliche Propaganda.

Islamwissenschaftler Thielmann vermutet dagegen, dass die weiblichen Dschihad-Reisenden, durchaus erkennen, was die IS-Kämpfer im Kalifat mit Frauen anstellen. Seiner Meinung nach gehen sie aber davon aus, dass es nur Mädchen trifft, die dies verdient hätten, Jesidinnen, Kurdinnen und andere Gegner des IS. Die Frauen, die sich dem IS anschließen, glauben laut Thielmann: "Wenn sie es schaffen, auf der Seite der Guten zu stehen, sind sie nicht bedroht."

Ob das stimmt, lässt sich allerdings kaum in Erfahrung bringen. Hat sich eine Frau einmal in das Kalifat begeben, kehrt sie für gewöhnlich nicht mehr zurück. Im Kalifat ist es Frauen nicht erlaubt, ohne männliche Begleitung zu reisen.

Quelle: n-tv.de

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