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Der künftige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.
Der künftige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.(Foto: picture alliance / dpa)

Parlament wählt Juncker: Aus "Mr. Euro" wird "Mr. Europe"

Von Christoph Herwartz

Heute lässt sich der Luxemburger Jean-Claude Juncker an die Spitze der EU wählen. Wer ist der Mann, und was hat die EU von ihm zu erwarten?

Es gibt keine Tradition für diese Veranstaltungen, keine vorgegebenen Tagesordnungen und keine speziellen Regeln. Trotzdem reagieren die Abgeordneten sehr ähnlich auf Jean-Claude Juncker. Der will sich als erster EU-Kommissionspräsident vom Europäischen Parlament zum Kommissionspräsidenten wählen lassen und stellt sich darum vorab den Fraktionen vor. Ob bei den Grünen oder den Europaskeptikern: Stets kriegt er spontanen Applaus. Der britische Rechtspopulist Nigel Farage lässt sich auf seine Scherze ein, die deutsche Grüne Rebecca Harms nickt bekräftigend zu seinen Ausführungen.

Juncker wird von Rebecca Harms genauso freundlich empfangen ...
Juncker wird von Rebecca Harms genauso freundlich empfangen ...(Foto: picture alliance / dpa)

Jean-Claude Juncker ist einer, der mit allen sprechen kann und der sich nicht anbiedern muss, um freundlich empfangen zu werden. Der künftige Kommissionspräsident ist so europäisch, wie man europäischer nicht sein kann.

Das hat viel mit seiner Biografie zu tun. Der 1954 geborene Juncker wächst in einer Arbeiterfamilie auf, geprägt vom Bergbau und von der Fremdherrschaft der Deutschen. Der Vater engagiert sich in der christlichen Arbeitgeberbewegung, der Sohn tritt im Alter von 20 Jahren bei. Sechs Jahre später ist er fertiger Rechtsanwalt, widmet sich aber hauptberuflich der Politik.

Geprägt ist Juncker damals schon sowohl von konservativen Ansichten wie auch starken sozialen Überzeugungen. Als Luxemburger macht er außerdem die Erfahrung, dass sein Land zu klein ist, um seinem Lebenslauf Raum zu bieten. Das Abitur legt er deshalb in Belgien ab, das Studium absolviert er in Frankreich. Heute noch witzelt er gerne darüber, wie schnell man an die Grenzen des Nationalstaates stoßen kann - besonders, wenn man aus Luxemburg kommt. Das Großherzogtum hat weniger Einwohner als jedes der deutschen Bundesländer.

In Luxemburg schaden die EU-Umtriebe

In den 1980er Jahren wird der begabte junge Jurist Staatssekretär, dann Arbeits- und Finanzminister. Beim Aushandeln des Maastrichter EU-Vertrages in den frühen 90ern verdient er sich einigen Respekt. 1995 wird er luxemburgischer Premierminister, ohne allerdings das Amt des Finanzministers aufzugeben. Im Vergleich zu anderen EU-Regierungschefs ist seine machtpolitische Basis eher gering. Juncker gestaltet die Entwicklung der EU trotzdem entscheidend mit, zum Beispiel indem er mehrfach zwischen den großen Blöcken Deutschland und Frankreich vermittelt. Ohne diese Vermittlung wäre der Euro wohl nie eingeführt worden.

... wie von Nigel Farage.
... wie von Nigel Farage.(Foto: picture alliance / dpa)

Im Jahr 2004 trägt man ihm das Amt des Kommissionspräsidenten an, doch Juncker lehnt ab. Stattdessen lässt er sich 2005 zum ersten Chef der Eurogruppe wählen. Als einziger Regierungschef im Kreise der Euro-Finanzminister hat er ohnehin die machtpolitisch stärkste Position. Fast acht Jahre ist er das Gesicht der Gemeinschaftswährung. Dass er sich so lange halten kann und gegen Ende zu einer erneuten Kandidatur gedrängt wird, liegt daran, dass sein Stil gut zur EU passt. Wer dort zu laut vorprescht, hat meist schon verloren. Effektiv wirken die, die im Hintergrund Kompromisse aushandeln.

2013 stolpert Juncker in seinem Heimatland über eine Affäre und muss als Premierminister zurücktreten. Er hat von seinem eigenen Geheimdienst zu wenig Rechenschaft verlangt und zugelassen, dass dieser ein unkontrolliertes Eigenleben entwickelte. Juncker selbst sieht sich als Opfer in dieser Sache. Innenpolitisch schadet es ihm auf einmal, dass ihm Luxemburg zu klein ist und er sich mehr in Brüssel herumtreibt als in seiner eigenen Hauptstadt.

Kein guter Wahlkämpfer

Trotz des erzwungenen Rücktritts kann er sich als Spitzenkandidat der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) für die Europawahl durchsetzen. Dabei hilft ihm die Unterstützung Angela Merkels, obwohl die zuvor die Idee der Spitzenkandidaten allgemein und dann speziell die Person Juncker abgelehnt hatte. In Deutschland wird Juncker dann auch kaum plakatiert, ebensowenig in anderen europäischen Staaten. Dass die EVP abermals die stärkste Fraktion im Europaparlament stellt, ist also kaum ihrem Spitzenkandidaten zuzuschreiben.

Juncker ist eigentlich auch kein guter Wahlkämpfer. Er spricht leise und bedacht. Nie hat man ihn erregt in ein Mikrofon brüllen hören, nie reagiert er in gleichem Ton auf Provokationen. Wenn man Juncker aufmerksam zuhört, erklärt er einem viel von Europa. Schaffen muss diese Aufmerksamkeit aber ein anderer. Als zur Debatte stand, dass er trotz gewonnener Wahl nicht Kommissionspräsident werden könnte, drohte er: "Dann werde ich wütend." Doch so recht konnte man sich das nicht vorstellen.

Denn Juncker ist kein Basta-Politiker, der mit der Hand auf den Tisch haut. Er ist einer, der von seinen Netzwerken lebt und von seinem Talent als Vermittler. Damit passt er zur Europäischen Union. Aus "Mr. Euro" wird nun "Mr. Europe".

Quelle: n-tv.de

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