Politik
Die Regierung von Wladimir Putin überlässt kaum etwas dem Zufall, erst recht nicht die Deutungshoheit über die eigene Politik.
Die Regierung von Wladimir Putin überlässt kaum etwas dem Zufall, erst recht nicht die Deutungshoheit über die eigene Politik.(Foto: REUTERS)

"Es ist eine wahre Fabrik": Aus dem Alltag eines Putin-Trolls

Von Christian Rothenberg

Sie arbeiten im Akkord: Die Mitarbeiter einer Firma in St. Petersburg schreiben prorussische Kommentare in Internetforen und an Medien. Sie machen die Welt, wie sie dem Kreml gefällt. Ein ehemaliger Mitarbeiter berichtet.

Sie verteidigen das russische Eingreifen in der Ukraine oder spielen es herunter, sie beschimpfen deutsche Journalisten als "Propaganda-Hunde" und "Handlanger der USA", als "Schreibtischtäter" und "Lügenpresse". Seit Beginn des Ukraine-Konfliktes sammeln sich Kommentare wie diese in Internetforen, aber auch im Postfach und unter den Facebook-Einträgen von n-tv.de. Auch Kollegen anderer Medien machen solchen Erfahrungen.

Marat Burkhard war ein sogenannter Troll, der bis vor Kurzem solche Beiträge abgesetzt hat. Er arbeitete zwei Monate lang für die "Agentur zur Analyse des Internets" in St. Petersburg. Die Mitarbeiter der Firma schreiben prorussische Kommentare, veröffentlichen Karikaturen und Videos bei Twitter, Facebook und in Foren. In einem Interview mit "Radio Free Europe/Radio Liberty" hat Burkhard, der 40 Jahre alt ist und nach einem Studium in der Schweiz in St. Petersburg landete, über seine Zeit als Putin-Troll gesprochen. Er gewährt bemerkenswerte Einblicke in das Innenleben der russischen Propaganda.

Burkhard verdiente 700 Euro im Monat. In einer 12-Stunden-Schicht musste er nach eigenen Angaben 135 Kommentare mit jeweils mindestens 200 Zeichen absetzen, also mehr als 11 pro Stunde. Burkhard sagt: Manche Abteilungen "bombardieren" die Webseiten von CNN und BBC oder New York Times. "Es ist eine wahre Fabrik." Die Aufgabe seines Teams sei es gewesen, Beiträge in russischen Internetforen zu kommentieren. "Wir machten Halt in jedem Forum, von Kaliningrad bis Wladiwostok."

Obama und der Kaugummi

Wie Burkhard verrät, seien seine Kollegen und er dabei stets nach einem festen Schema vorgegangen. Einer war der Bösewicht, der die russische Regierung kritisiert. Die beiden anderen widerlegen den Kritiker mit Argumenten, Grafiken und Links. So zum Beispiel beim Mord an Boris Nemzow. Damals streuten die Trolle zwei Versionen in den Foren. Die erste: Ein ukrainischer Oligarch gab die Ermordung in Auftrag, um Russlands Präsident Wladimir Putin zu schaden. Die zweite: Nemzows Anhänger planten die Tat, um Proteste zu schüren.

Einmal, so erzählt Burkhard, sollte er schreiben, dass die Mehrheit der Deutschen Putins Politik unterstützt und mit Merkels Politik unglücklich sei. Seine lustigste Erfahrung? Ein anderes Mal musste er darüber schreiben, dass Obama in Indien einen Kaugummi ausgespuckt hat. "Scheue dich nicht, wie du es ausdrückst. Schreib, was du willst. Nur nenne den Namen Obama so oft wie möglich und bedecke ihn mit Obszönitäten", so die Ansage.

Burkhard musste stets vorgegebene Schlüsselworte verwenden, die für Suchmaschinen benötigt wurden. Dass er eigentlich prowestlich eingestellt ist, verschwieg er. Sonst hätte er den Job nie bekommen. Weil es ständig ideologische Checks gab, musste er sich zusammenreißen. Einmal habe er aus Versehen eine Karikatur des gestürzten ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch benutzt statt die seines Nachfolgers Petro Poroschenko. Das gab Ärger. "Über Janukowitsch darf man sich nicht lustig machen. Er ist einer der Guten", sagt er. "Wie kannst du es wagen", so hätte man ihn angefahren, aber er kam noch einmal davon.

"Es ist wie bei Orwell"

Insgesamt beschreibt Burkhard die Arbeit als sehr unangenehm. Wer eine Minute zu spät kam, habe 500 Rubel (derzeit um die 8 Euro) Strafe zahlen müssen. Ständig sei herumkommandiert und mit Entlassung gedroht worden. Aus Angst vor Journalisten mussten die Teams bei geschlossen Vorhängen arbeiten; wer lacht, könne gefeuert werden. "Eine unzivilisierte Atmosphäre", sagt er über die Zeit in der "Agentur zur Analyse des Internets".

Burkhard ist nicht der erste Mitarbeiter, der sich über das Innenleben der Firma äußert. Die russischen Zeitungen "Moi Rajon" und "Nowaja Gaseta" hatten zuletzt ebenfalls Gespräche mit Mitarbeitern sowie Dokumente veröffentlicht. Finanziert wird die Holding angeblich von Jewgenij Prigoschin, einem russischen Restaurantbesitzer und guten Freund von Putin.

Marat Burkhard ist inzwischen raus. Nach eigenen Angaben entschied er sich, die Firma zu verlassen. Es sei eine Lebenserfahrung gewesen. Eine solche Arbeit existiere "nirgendwo sonst auf der Welt". Aber zwei Monate reichten, um zu verstehen, was dort vor sich geht. "Du arbeitest in einem Ministerium für Wahrheit, dass eigentlich ein Ministerium der Lüge ist, aber jeder glaubt an diese Wahrheit. Es ist wie bei Orwell."

Quelle: n-tv.de

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