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Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier wird 60 Jahre alt.
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier wird 60 Jahre alt.(Foto: imago/Jakob Hoff)

Frank-Walter Steinmeier wird 60: Außenpolitik - das ist genau sein Ding

Von Heike Boese

Außenminister ist er schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Zu seinem Missfallen wird Frank-Walter Steinmeier jedoch immer wieder als Bundespräsident gehandelt. Seine Berufung scheint das internationale Krisenmanagement zu sein - auch mit 60 Jahren.

Eigentlich ist es noch gar nicht so spät an diesem Abend in Belgrad, gerade kurz nach 22 Uhr. Aber die Handvoll Journalisten, die in der Hotelbar des Crowne Plaza auf Frank-Walter Steinmeier warten, sind am Morgen kurz nach sechs in Berlin aufgebrochen, um über die Tagung des OSZE-Ministerrates zu berichten. Der Tag im Konferenzzentrum war lang und anstrengend. Kurzum: Alle sind müde und würden wohl lieber schlafen gehen. Aber das geht nicht. Der Bundesaußenminister hat zu einem Hintergrundgespräch eingeladen.

Nirgendwo fühlt sich Frank-Walter Steinmeier so wohl wie auf dem internationalen Parkett.
Nirgendwo fühlt sich Frank-Walter Steinmeier so wohl wie auf dem internationalen Parkett.(Foto: dpa)

So eine Gelegenheit, den deutschen Chefdiplomaten in kleiner Runde zu erleben, lässt sich kein Journalist entgehen. Also bleibt nur die Hoffnung, dass auch Steinmeier erschöpft ist und das Gespräch nicht lange dauert. Als er zu den Journalisten stößt, ist von Müdigkeit nichts zu merken. Er bittet um ein Glas Weißwein und geht sofort in die Vollen: Syrien-Konflikt, der Einsatz deutscher Tornados, Bodentruppen ja oder nein und natürlich die Rolle der OSZE - länger als eine Stunde beantwortet Steinmeier die Fragen der Reporter, weit konzentrierter als es seine Zuhörer an diesem Abend noch sind.

Als schließlich die letzte Frage beantwortet ist, Steinmeier aufsteht und sich auch seine Mitarbeiter auf den Feierabend freuen, bestellt er doch noch ein Glas Wein. Jetzt wird nur noch geplaudert, ein paar Witze werden gemacht und womöglich stellt sich der eine oder andere die Frage: Wann schläft der Mann eigentlich?

Die Antwort lautet: im Auto, im Flugzeug, jedenfalls in Etappen. Die fünf, sechs Stunden, die er nach eigener Aussage braucht, bekommt er selten am Stück. Das bringt der Job des Bundesaußenministers mit sich, erst recht in Zeiten wie den jetzigen, in denen sich eine internationale Krise an die nächste reiht und oft mehrere parallel toben. Die Frage, ob er genug Schlaf bekommt, beschäftigt Frank-Walter Steinmeier nicht. Er würde lieber noch mehr eingreifen, öfter vermitteln, verfeindete Parteien an einen Tisch bringen, so dass sie wenigstens miteinander reden.

Handlungsgeschick auch aus der Ferne

Die Maschine der Bundesregierung scheint Frank-Walter Steinmeiers zweites Zuhause zu sein.
Die Maschine der Bundesregierung scheint Frank-Walter Steinmeiers zweites Zuhause zu sein.(Foto: dpa)

Wie in Libyen. Das Auswärtige Amt hatte Vertreter von vier libyschen Gruppierungen, die sich nicht gerade freundschaftlich gesinnt sind, nach Berlin eingeladen, sogar ein Flugzeug nach Tripolis geschickt, aber nicht erwartet, dass die Männer sich weigern würden, gemeinsam einzusteigen. Steinmeier war zu dem Zeitpunkt in Brüssel und musste aus der Ferne handeln, um zu verhindern, dass die Gespräche scheitern, bevor sie begonnen haben.

Also ließ er seine Diplomaten ausrichten, dass es nur dieses eine Flugzeug gebe. Zwei Stunden dauerte es, dann waren endlich alle an Bord. Nach der Landung wollten die Delegationen in ihre Hotels. Hier hatte das Auswärtige Amt immerhin ein Einsehen und vier verschiedene gebucht. Vorher jedoch sollten sich alle beim Abendessen ein bisschen näherkommen. Auf einem Ausflugsdampfer. Ohne einen Sprung über Bord gab es also keine Möglichkeit, vorzeitig den Abend zu beenden. Drei Stunden schipperte der Kahn die Spree rauf und runter. Danach war das Eis gebrochen und der erste Schritt gemacht. Mehr aber auch nicht.

Karrierestart im Schatten von Schröder

In der Diplomatie gibt es selten den einen, großen Schritt, sondern viele, sehr viele sehr kleine Schritte. Zwei nach vorn, einen zurück - das ist Alltag in der Außenpolitik. Meistens gibt es mehr Rückschläge als Erfolge. Da braucht man Ausdauer, einen langen Atem und eine beinahe stoische Gelassenheit - Eigenschaften, über die Frank-Walter Steinmeier verfügt.

Der Kanzler und sein Kanzleramtschef: Gerhard Schröder und Frank-Walter Steinmeier bei einer Kabinettssitzung im Jahr 2002.
Der Kanzler und sein Kanzleramtschef: Gerhard Schröder und Frank-Walter Steinmeier bei einer Kabinettssitzung im Jahr 2002.(Foto: imago stock&people)

Aufgewachsen in sogenannten einfachen Verhältnissen in der westfälischen Provinz, Abitur 1974 als einer der ersten in seinem Dorf und später, nach dem Jura-Studium, lange im Schatten von Gerhard Schröder. Erst in der Staatskanzlei des niedersächsischen Ministerpräsidenten, dann im Bundeskanzleramt in Berlin - als Schröders "Mach mal" hocheffizient und beinahe geräuschlos. So geräuschlos, dass die meisten Deutschen ihn nicht kannten, als er 2005 zum ersten Mal deutscher Außenminister wurde.

Das hat sich längst geändert. Inzwischen zählt Steinmeier zu den beliebtesten deutschen Politikern, weit vor seinem Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel. Das lässt selbst in der SPD den Wunsch aufkommen, Steinmeier möge bei der nächsten Bundestagswahl als Kanzlerkandidat gegen Angela Merkel antreten, ein zweites Mal. Keine Chance, einmal und nie wieder. 2009 holte er mit gerade 23 Prozent das schlechteste Wahlergebnis für die SPD in der Nachkriegsgeschichte. Das sitzt tief, bis heute.

Krisenmanager voller Tatendrang

Inzwischen ist Steinmeier gefühlt schon seit Ewigkeiten deutscher Außenminister. Das stimmt zwar nicht, aber immerhin hat er das Amt länger inne als Willy Brandt oder Walter Scheel. Wenn er im kommenden Jahr die Joschka-Fischer-Marke knackt, wird nur noch der legendäre Hans-Dietrich Genscher länger deutscher Chefdiplomat gewesen sein. Ausgerechnet Genscher findet, dass sein Nachfolger im Amt "ein guter Bundespräsident wäre" - sehr zu Steinmeiers Missfallen.

Es kommt immer wieder vor, dass Steinmeier als nächster Bundespräsident ins Gespräch gebracht wird - vorausgesetzt, Joachim Gauck will keine zweite Amtszeit. Steinmeier selbst winkt regelmäßig ab. Ein nur noch repräsentatives Amt für einen, dessen Terminplan von internationalen Krisen bestimmt wird (oder, wie manche aus seinem Umfeld sagen, davon, welches Flugzeug gerade frei ist), das ist tatsächlich schwer vorstellbar.

Heute feiert Frank-Walter Steinmeier seinen 60. Geburtstag. Am liebsten würde er wohl Außenminister bleiben - dieses Amt scheint wie für ihn geschaffen. So sehr, dass er sich - und damit zwangsweise auch seinen Mitarbeitern - gern noch einen Nachschlag nimmt. Seit dem 1. Januar hat Deutschland den Vorsitz in der OSZE. Nicht turnusgemäß, sondern nach einer erfolgreichen Bewerbung.

An jenem Abend in Belgrad, schon im Wein-und-Witze-Modus, fragte ihn einer der Journalisten, ob das Auswärtige Amt nicht auch ohne den OSZE-Vorsitz schon genug Baustellen habe. Während seine Mitarbeiter versuchten, ihre leicht verzweifelten Blicke diskret zu verbergen, lachte Frank-Walter Steinmeier und rieb sich voller Vorfreude die Hände. Außenpolitik ist genau sein Ding. Je mehr, desto besser.

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Quelle: n-tv.de

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