Politik
Beate Zschäpe 1990.
Beate Zschäpe 1990.(Foto: Reuters)

Nette Hausfrau, kaltblütige Nazi-Braut: Beate Zschäpes Weg in den NSU

Von Solveig Bach

Fast 500 Seiten umfasst die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft im NSU-Verfahren. Der Hauptbeschuldigten Beate Zschäpe wird darin vorgeworfen, maßgeblich an den Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Wer ist diese Frau, ohne die die Taten des NSU undenkbar wären? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten.

Am 4. November 2011 bricht Beate Zschäpes Welt zusammen. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sind von Zwickau aus nach Eisenach aufgebrochen, um dort eine Bank zu überfallen. Das Trio finanziert mit diesen Raubzügen seit Jahren sein Leben im Untergrund. Doch diesmal geht alles schief, zwar erbeuten sie zunächst 70.000 Euro, doch die Thüringer Polizei stellt die beiden Männer nach dem Überfall in dem weißen Wohnmobil, Mundlos tötet Böhnhardt, setzt das Fahrzeug in Brand und tötet sich selbst.

Zschäpe sitzt in der gemeinsamen Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße. Seit Januar 1998 hat sie in verschiedenen Unterkünften mit den beiden Männern gewohnt. Sie waren ihre Liebhaber, ihre Freunde, ihre Komplizen, ihre Familie. Sie bringt ihre Katzen zu einer befreundeten Nachbarin und zündet das Haus an, das in den letzten drei Jahren ihre Heimat war. Nun ist sie auf der Flucht.

Schwierige Kindheit

Das Gefühl, ziemlich allein auf der Welt zu sein, mag ihr nicht fremd sein. Anders als die beiden Uwes stammt Zschäpe aus schwierigen familiären Verhältnissen. Sie ist kein Wunschkind, ihre Mutter bemerkt die Schwangerschaft erst, als die Wehen einsetzen. Ihr Vater, wahrscheinlich ein rumänischer Studienkollege, erkennt die Vaterschaft bis zu seinem Tod im Jahr 2000 nicht an. Zschäpes Mutter überlässt die Tochter nach zwei Wochen der Oma, sie will ihren Studienplatz für Zahnmedizin in Bukarest nicht aufs Spiel setzen. Später wird Zschäpe aussagen, sie sei ein "Oma-Kind" gewesen.

Als sie in U-Haft ist, werden ihre Bemühungen, Besuche der Oma zu ermöglichen, die Behörden beschäftigen. Weil die betagte Frau nicht reisefähig ist, wird Zschäpe im Juni vergangenen Jahres für einen Tag vom Gefängnis in Köln nach Gera gebracht, wo ihre Oma sie besuchen kann. Ein erneuter Zwischenstopp in Gera während der Verlegung für den Prozess von Köln nach München muss ausfallen, weil die Großmutter Medienberichten zufolge krank ist.

In seinem „vorläufigen forensisch-psychiatrischen und kriminalprognostischen Sachverständigengutachten“ kommt Henning Saß vom Universitätsklinikum Aachen zu dem Schluss, dass das Verhältnis von Mutter und Tochter weitgehend zerrüttet ist. Dazu hätten der Jobverlust der Mutter nach dem Ende der DDR und ihre Alkoholsucht beigetragen. Zu Zschäpes schwieriger Familiengeschichte trägt bei, dass die Beziehungen der Mutter selten lange halten. Einen richtigen Vater bekommt Beate nicht. Immer wieder ziehen Mutter und Tochter in Jena und Umgebung um. Zschäpe wechselt in den ersten drei Lebensjahren dreimal den Nachnamen. Auf der Flucht wird sie eine Vielzahl von Aliasnamen benutzen, sie scheint diese verschiedenen Identitäten sehr routiniert auseinandergehalten zu haben.

Zschäpe ist ein Teenager, als die DDR untergeht und mit ihr alte Werte und Gewissheiten. Sie will Kindergärtnerin werden, doch das klappt nicht. Also schlägt sie sich mit Hilfsarbeiten durch, macht dann schließlich noch eine Gärtnerlehre. Doch auch danach wechseln sich nur Zeiten der Arbeitslosigkeit mit Gelegenheitsjobs ab.

Gemeinsame Jugend

Ein Schlüsselereignis in Zschäpes Leben ist die Begegnung mit Uwe Mundlos. Sie verliebt sich in den Professorensohn. Gemeinsam geraten sie in den Dunstkreis der Neonazis. Der Jenaer Sozialarbeiter Thomas Grund, der Zschäpe aus dem Jugendklub "Hugo" in Jena-Winzerla kennt, erinnert sich, dass die junge Frau zunächst ohne politische Ambitionen gewesen sei, sich dann aber mehr und mehr radikalisiert habe. Irgendwann sei sie nicht mehr gekommen. Stattdessen verkehrt sie nun im sogenannten "Braunen Haus" in Altlobeda.

Die naive Mitläuferin ist Zschäpe wohl schon damals nicht. Zwar verweigert sie den typischen Nazi-Look jener Jahre, trägt weder Bomberjacke und Springerstiefel noch die Haare raspelkurz. Dem Jenaer Jugendpfarrer Lothar König ist sie dennoch wegen ihrer heftigen Übergriffe, besonders auf Frauen, in Erinnerung. Ein Zielfahnder des LKA, der sie in dieser Zeit vernimmt, beschreibt sie als berechnend und gefühllos. Sie meldet politische Demonstrationen in Jena an. Ein Motto lautet: "Zur Bewahrung Thüringer Identität, gegen die Internationalisierung der EG". Sie ist auch nicht zimperlich, wenn es bei regelrechten Hetzjagden auf linke Jugendliche oder vietnamesische Zigarettenverkäufer zur Sache geht. Gemeinsam mit Böhnhardt, Mundlos, André K. und den nun mitangeklagten Ralf Wohlleben und Holger G. bildet sie die besonders radikale Kameradschaft Jena, die Teil des Thüringer Heimatschutzes ist.

Komplizierte Liebesverhältnisse

Als Mundlos zur Armee muss, verliebt sich Zschäpe in seinen Freund Böhnhardt. Ganz eindeutig sind die Verhältnisse jedoch nicht, Zschäpe werden immer wieder auch andere sexuelle Beziehungen in der rechten Szene nachgesagt. Dies tut jedoch der Verbindung Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt keinen Abbruch. Eifersucht soll nie eine Rolle gespielt haben. Mundlos sucht weiter ihre Nähe. Von anderen werden sie als "Ménage à trois" wahrgenommen. Ihren Zwickauer Nachbarn erzählt sie, sie wohne mit ihrem Freund und dessen Bruder zusammen. Den drei jungen Leuten sei es gelungen, trotz wechselnder Intimbeziehungen eine funktionierende Dreiergruppe zu bilden, schreibt der Gutachter dazu. Mundlos hat nach ihr offenbar nie wieder eine andere Freundin.

Die Aktionen der Gruppe werden immer extremer, Zschäpe und Böhnhardt legen am Denkmal für die Opfer des Todesmarsches von Buchenwald eine Bombenattrappe nieder, sie werfen Eier auf das Mahnmal für die Opfer des Faschismus in Rudolstadt, sie nehmen an Kreuzverbrennungen nach dem Vorbild des Ku-Klux-Klan teil. Oft ist sie die einzige Frau, die die Nazi-Männer dulden. Nach der Hausdurchsuchung 1998 und dem damit verbundenen Ermittlungsverfahren wegen der Versendung von Briefbombenattrappen an die "Thüringer Landeszeitung", die Stadtverwaltung und die Polizeidirektion Jena, tauchen die drei schließlich gemeinsam unter. 23 Jahre ist Zschäpe zu diesem Zeitpunkt. Nun übernimmt sie die nach Ansicht der Ankläger "unverzichtbare Aufgabe", dem Leben des Trios den Anschein von Normalität und Legalität zu geben. Sie habe mit der unauffälligen Fassade den Rückzugsort des NSU gesichert.

Nachbarn beschreiben sie als freundlich und offen, sie lädt auch mal zu Wein und Pizza ein, ist kinderlieb und sehr besorgt um ihre Katzen Heidi und Lilly. Sie wäscht und kocht, leiht regelmäßig Videos aus, besorgt den Männern Brillen. Von Böhnhardts Mutter bekommt sie beim letzten Treffen vor dem Kontaktabbruch Kuchen- und Plätzchenrezepte, um den Wunsch nach vertrautem Backwerk zu erfüllen. In den regelmäßigen Urlauben auf dem Campingplatz Wulfener Hals auf Fehmahrn spielt sie nicht nur mit den beiden Uwes Doppelkopf, sondern auch mit anderen, die hier Urlaub machen. Sie sucht den Kontakt zu Menschen regelrecht, lässt sich gar von einem Fernsehteam beim Aerobic filmen. Sie gibt anderen auch ihre Handynummer, schickt Pakete an Bekannte. Im Vorzelt stehen ein ordentlicher Kühlschrank und ein Staubsauger. Für den Sommer 2012 ist der Platz bereits reserviert.

Was wusste sie von den Morden?

Zschäpe organisiert offenbar weit mehr als den Alltag der Gruppe. Sie sucht Unterkünfte in der Nähe von Überfallzielen und Anschlagsorten, mietet einige der Campingmobile, die als Fluchtfahrzeuge dienen. Sie archiviert Artikel, in denen über die Morde berichtet wird. Nachdem sich Mundlos und Böhnhardt unter dem Fahndungsdruck nach dem Banküberfall in Eisenach selbst getötet haben, ruft Zschäpe die Familien beider an, um sie zu informieren. Bei ihren eigenen Angehörigen hat sie sich in all den Jahren nicht gemeldet und tut es auch jetzt nicht.

Manches deutet in den Zeiten der Illegalität darauf hin, dass Zschäpe zunehmend Probleme mit ihrem Lebensmodell bekommt. Sie wird älter, in ihrer Situation ist nicht daran zu denken, dass sie ein Kind bekommen könnte. Sie fühlt sich zunehmend verfolgt. Bei einem Besuch in Stuttgart fragt Zschäpe die Mitarbeiterin eines Nachbarschaftstreffs: "Kennen Sie mich?" Die Frau verneint, sie hat keine Ahnung, welches Problem die Frau hat, erinnert sich aber nach Jahren noch an Zschäpe als einen Menschen unter großem psychischen Druck. Es gibt Berichte, nach denen Zschäpe in den letzten Jahren den Kontakt zu Anwälten gesucht hat, um sich möglicherweise zu stellen.

Sie tut es zunächst nicht, stattdessen erfüllt sie den letzten Wunsch der beiden Uwes und verschickt die Bekennervideos, die die Gruppe vorbereitet hat. Im November 2011 ist sie tagelang auf der Flucht, trägt sich mit Selbstmordgedanken, um dann doch wieder auf ihr Unterstützernetzwerk zurückzugreifen. Als sie sich schließlich in Begleitung eines Jenaer Anwalts bei der Polizei einfindet, sagt sie, sie habe sich nicht gestellt, um nicht auszusagen. Doch bisher schweigt sie. Auch ihre Anwälte raten ihr dazu.

Die zentralen Anklagepunkte gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin lauten auf Mittäterschaft bei zehn Morden, auf mehrfachen Mordversuch und besonders schwere Brandstiftung wegen der angezündeten Zwickauer Wohnung. Zschäpe führte die Mordanschläge demnach nicht selbst aus. Doch laut Bundesanwaltschaft verstand sich das NSU-Trio als "einheitliches Tötungskommando". Sollte Zschäpe als Mittäterin verurteilt werden, wäre lebenslänglich das einzig mögliche Strafmaß - denn Mittäter werden wie Täter bestraft, und auf Mord steht zwingend lebenslange Haft.

Quelle: n-tv.de

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