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Ausschnitt aus "Der Boxer": Im Krematorium von Auschwitz muss Hertzko Haft Leichen verbrennen. Die Szenen gehören zu den eindrücklichsten und erschreckendsten des Buches.
Ausschnitt aus "Der Boxer": Im Krematorium von Auschwitz muss Hertzko Haft Leichen verbrennen. Die Szenen gehören zu den eindrücklichsten und erschreckendsten des Buches.(Foto: Reinhard Kleist - Carlsen Verlag Hamburg 2012)

Die wahre Geschichte von Hertzko Haft: Boxen in Auschwitz - auf Leben und Tod

Erst kurz vor seinem Tod offenbart sich Hertzko Haft seinen Kindern und erzählt die Geschichte seines Lebens: Wie er als polnischer Jude nach der deutschen Invasion 1939 im Ghetto von Belchatow lebt. Wie er in Auschwitz im Krematorium arbeitet und verschiedene Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager überlebt. Wie er gezwungen wird, gegen Mitgefangene zu boxen und seine Gegner in den Tod zu schicken. Wie er nach dem Krieg nach Amerika auswandert und als Profiboxer gegen Rocky Marciano antritt. Dabei bleibt sein Leben nicht ohne Widersprüche. Hafts Sohn Alan hat diese Geschichte niedergeschrieben. Zeichner Reinhard Kleist hat sie nun zu einer Graphic Novel verarbeitet. Mit n-tv.de spricht er über den Versuch, den Holocaust zeichnerisch darzustellen, die schwierige Suche nach der Wahrheit und seine Faszination für Biografien.

n-tv.de: Wie sind Sie auf Hertzko Haft und seine Lebensgeschichte gestoßen?

Haft auf einem Promobild als Profiboxer.
Haft auf einem Promobild als Profiboxer.(Foto: privat)

Reinhard Kleist: 2010 arbeitete ich an Illustrationen für ein Heft des Magazins der Süddeutschen Zeitung. Es ging um den Holocaust. Deshalb beschäftigte ich mich intensiv mit dem Thema und las viele Bücher. In einer Buchhandlung stieß ich auch auf "Eines Tages werde ich alles erzählen" von Hertzko Hafts Sohn Alan Scott Haft. Im ersten Moment wunderte ich mich, wie Boxen und Konzentrationslager zusammenpassen. Aber die Geschichte beeindruckte mich sehr.

Haben Sie bei der Lektüre bereits an eine mögliche Comic-Umsetzung gedacht?

Ja, allerdings habe ich auch schon die Probleme gesehen. Ein großer Teil des Buches spielt etwa in Amerika. Hier wusste ich sofort, dass es bearbeitet und gekürzt werden müsste. Deshalb legte ich das Buch vorerst beiseite. Allerdings ließ mich der Stoff nicht los und ich beschloss, mich doch damit zu beschäftigen. Im Endeffekt ist es gerade dieser zweite Teil über Hafts Boxkarriere in den USA, der mich am meisten fasziniert.

Wie reagierte Alan Scott Haft darauf, dass Sie sein Buch bearbeiten wollten?

Ich schrieb ihn an und er war von der Idee begeistert. Ihm ging es in erster Linie nicht darum, Geld zu verdienen, sondern darum, die Geschichte seines Vaters bekannt zu machen. Mit seinem Buch hatte das nicht geklappt, weil es in den USA in einem Universitätsverlag erschien. Es kam also nie richtig in die Buchhandlungen.

Was sagte er zu dem Plan, aus seinem Buch einen Comic zu machen?

Er hat eigentlich keinen Draht zu Comics und schrieb mir einmal, dass meine Bearbeitung ja "nur" ein Comic wäre. Von dem fertigen Buch ist er aber total begeistert. Er hat sogar angedeutet, dass er nach Europa kommen möchte, wenn wir in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg eine Ausstellung zu dem Thema machen.

Haben Sie von Alan Scott Haft auch Bildvorlagen für die grafische Umsetzung bekommen?

Zur Belustigung zwingen die SS-Wachen die Häftlinge, gegeneinander zu boxen - auf Leben und Tod.
Zur Belustigung zwingen die SS-Wachen die Häftlinge, gegeneinander zu boxen - auf Leben und Tod.(Foto: Reinhard Kleist - Carlsen Verlag Hamburg 2012)

Ja. Ich fragte ihn, ob er mir Bildmaterial von seinem Vater schicken könnte. Ein paar Wochen später bekam ich dann mit der Post ein Paket, allerdings nicht mit Kopien, sondern mit den Originalabzügen aller Fotos. Das war schon etwas verrückt, da er mich ja gar nicht kannte. Es gibt auch noch etwas Material über Haft bei einer Filmfirma, an dieses sind wir aber nicht rangekommen.

Gibt es noch Filmaufnahmen von Hafts Boxkämpfen?

Kaum. Allerdings gibt es auf YouTube das Spielberg Jewish Film Archive. Dort findet man einen Filmbericht über das Münchner Boxturnier kurz nach dem Krieg, das Haft gewann. Auf diesen Aufnahmen ist er ein paar Mal zu sehen [etwa am Ende des Films, wenn er einen Pokal entgegennimmt, Anm. d. Red.]. Man sieht auch seine Boxtechnik, die eigentlich gar nicht vorhanden ist.

Existieren historische Fotos von den Boxkämpfen in den Konzentrationslagern?

Ich habe lange im Internet recherchiert, aber nichts gefunden. Es gibt zwar die Geschichten, die auch belegt sind, aber Bildmaterial fand ich nicht.

Es gibt über den Holocaust Filme wie "Der Pianist" oder "Schindlers Liste", aber auch den Comic "Maus" von Art Spiegelman. Besteht die Gefahr, dass man sich bei der Umsetzung an diesen fiktionalen Bildern orientiert statt an Originalbildern?

Bilderserie

Ja, es besteht die Gefahr, dass man solche fiktiven Elemente und Bilder wiederholt. Deshalb habe ich im Vorfeld bewusst keine Spielfilme zu dem Thema gesehen. Meine "Maus"-Lektüre liegt auch schon einige Jahre zurück. Ich habe stattdessen authentische Fotos aus Büchern oder aus dem Internet verwendet, die ich im Comic auch zitiere. Zu einigen Themen gibt es allerdings nur sehr wenige Fotos. Von den Todesmärschen der Die Reise ins Todeslager habe ich etwa nur ein erschütterndes Bild gefunden und dann im Buch auch verwendet.

In dem Buch gibt es sehr brutale Szenen aus den Konzentrationslagern, etwa die Darstellung der Arbeit im Krematorium, wo die vergasten Menschen verbrannt werden. Gibt es einen Punkt, an dem man die Grausamkeiten zeichnerisch nicht mehr angemessen darstellen kann?

Bereits bei der Geschichte für das SZ-Magazin hatte ich ein paar Mal Schwierigkeiten, besonders brutale Szenen zu zeichnen. Und auch jetzt hatte ich tatsächlich Probleme, einige Ereignisse zu zeigen. Die Krematoriums-Szene musste ich erzählen, um die weitere Handlung zu erklären. Mir war aber völlig klar, dass ich nicht so detailliert wie in anderen Szenen sein kann. Deshalb stilisiere ich die Darstellung und hebe sie auf eine andere Ebene, die den alptraumhaften Aspekt für Haft in den Vordergrund rückt. Dasselbe gilt für die Kannibalismus-Szene im KZ Flossenbürg. Auch das kann ich nur andeuten, weil es zu brutal ist.

Dass es Kannibalismus in Konzentrationslagern gab, ist belegt. In einer weiteren Szene wird erzählt, dass einer der Häftlinge im Krematorium die Leiche seiner Frau entdeckt und sie verbrennen muss. Ist es glaubhaft, dass Haft diese äußerst brutalen Szenen selbst miterlebt hat?

Der Topos, dass ein Häftling seine eigene Frau verbrennen muss, taucht in Augenzeugenberichten von KZ-Überlebenden immer wieder auf. Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, sagte mir, dass dieses Thema auch bei Haft öfter vorkommt, er aber nicht glaube, dass er das selbst miterlebt hat. Wahrscheinlich hat er irgendwo davon gehört und es in seine Geschichte eingebaut. Das ist eine der Stellen in den Erinnerungen, die man nicht belegen kann.

Hertzko Hafts Erinnerungen sind aus dem Gedächtnis erzählt, es gab keine Aufzeichnungen. War es schwierig, alle Fakten zu überprüfen?

Reinhard Kleist studierte Grafik und Design an der Fachhochschule Münster. Seine mehrfach ausgezeichnete Comicbiografie "Cash" über Johnny Cash erregte international Aufsehen. Zuletzt legte er zudem "Castro" über den kubanischen Revolutionsführer vor.
Reinhard Kleist studierte Grafik und Design an der Fachhochschule Münster. Seine mehrfach ausgezeichnete Comicbiografie "Cash" über Johnny Cash erregte international Aufsehen. Zuletzt legte er zudem "Castro" über den kubanischen Revolutionsführer vor.(Foto: Carlsen Verlag Hamburg)

Als das Buch in Deutschland im Verlag "Die Werkstatt" herauskam, gab es einen Faktencheck durch einen Historiker. Dieser entdeckte einige Fehler, was nicht überraschend war nach all den Jahren. Zumal Hertzko Haft den Hang hatte, sich selbst als stark und kämpferisch darzustellen. Ich selbst recherchierte viel im Internet und fand einige Querverweise auf Haft, die Teile seiner Darstellung belegen. Auf einer Boxseite wurde er etwa unter dem Namen Moses Friedler geführt. In dem Buch wird erklärt, wie es dazu kam: Da er wegen Schmuggelei gesucht wurde, kaufte sich Haft nach dem Krieg in einem Flüchtlingslager einen Pass mit dem Namen Moses Friedler und reiste mit diesem - unter falschem Namen - in die USA ein.

Wie sind Sie mit Fehlern in der Biografie umgegangen?

Ich war sehr vorsichtig, wenn etwas nicht belegt war und machte auch einige dramaturgische Auslassungen, wenn es Zweifel an der Geschichte gab. Das gilt zum Beispiel für die Mafia-Geschichte beim Kampf gegen Rocky Marciano. Haft behauptet, er habe den Kampf absichtlich verloren, weil er von der Mafia bedroht wurde. Einerseits ist diese Version zweifelhaft, Marciano ist schließlich einer der besten Boxer aller Zeiten, hatte also keinen Grund, den Kampf gegen den unbekannten Haft zu manipulieren. Andererseits hatte Marciano tatsächlich Verbindungen zur Mafia. Es ist also unklar, was wirklich passierte und deshalb lasse ich diesen Aspekt im Comic auch in der Schwebe.

Im Ghetto muss Haft einen Judenstern tragen. Als Profiboxer trägt er dann bei den Kämpfen einen Davidstern auf seiner Sporthose. Ist das authentisch?

Ja, er war aber nicht der Einzige, der das gemacht hat. Das war ein Zeichen des Stolzes, dass man überlebt hat, dass man immer noch da ist.

Standen Sie bei vielen Szenen des Buches vor der Entscheidung zwischen Dramaturgie und historischer Wahrheit?

Hertzko Haft am Boden - seiner Karriere als Profiboxer in den USA ist wenig Glück beschieden.
Hertzko Haft am Boden - seiner Karriere als Profiboxer in den USA ist wenig Glück beschieden.(Foto: Reinhard Kleist – Carlsen Verlag Hamburg 2012)

Ich habe mich bewusst auf die Buchvorlage und die Erinnerungen von Hertzko Haft konzentriert. Es ging mir nicht um eine historische Dokumentation. Auch wenn man versucht, unklare Stellen zu vermeiden, können also immer noch Fehler einfließen. Hätte ich nur belegte Ereignisse verwendet, wäre das Buch sehr dünn geworden. Außerdem hätte es wahrscheinlich die Erzählung zerstört. Deshalb orientiert sich mein Buch stilistisch und erzählerisch eher an einem Abenteuer. Der Leser soll permanent mit Haft mitfiebern: Überlebt er das KZ? Trifft er seine Geliebte aus Polen wieder?

Die Identifizierung mit Haft wird dem Leser aber auch nicht leicht gemacht, er ist schließlich kein strahlender Held ...

Es war mir wichtig, seinen Charakter herauszustellen und die Identifizierung des Lesers mit Haft in Frage zu stellen, denn eigentlich möchte man sich nicht mit ihm identifizieren. Als ich die Vorlage las, war ich geschockt, dass sich Haft plötzlich als mehrfacher Mörder herausstellt, der auf seiner Flucht zwei wehrlose alte Menschen tötet. Aber genau das hat mich an dem Stoff fasziniert: Bis zu welchen Punkt kann man sich noch mit ihm und seinen Taten identifizieren? Gerade diese Widersprüchlichkeit macht die Geschichte spannend.

In Ihrem Buch wird auch geschildert, dass Haft ein brutaler Vater war. Kann man dieses Verhalten mit den Grausamkeiten in den verschiedenen Konzentrationslagern erklären?

Seine drei Kinder hatten sich eigentlich von ihm distanziert und wollten auch nicht wissen, was er in den Lagern erlebt hatte. Erst kurz vor seinem Tod brach er sein Schweigen. Alan Scott Haft war geschockt von der Lebensbeichte. Er sagte, er könne zwar nicht gutheißen, wie ihn sein Vater behandelt hat, aber er verzeihe ihm. Für ihn war das Buch letztlich auch die Aufarbeitung seiner Kindheit. Und ich glaube, dass es den Lesern genauso geht: Man kann Hafts Verhalten manchmal nicht verstehen, aber man kommt an den Punkt, an dem man ihm verzeiht.

Wenn man sich so lange mit einem Thema wie dem Holocaust beschäftigt, verfolgt es einen dann auch außerhalb der Arbeit?

"Der Boxer" ist bei Carlsen erschienen, hat 200 Seiten (Hardcover, s/w) und kostet 16,90 Euro (D).
"Der Boxer" ist bei Carlsen erschienen, hat 200 Seiten (Hardcover, s/w) und kostet 16,90 Euro (D).

Ich habe hier bewusst eine Distanz eingebaut, um es nicht zu sehr an mich ranzulassen. Schon bei der Recherche für das SZ-Magazin musste ich Texte lesen, bei denen mir die Tränen kamen, weil sie so erschütternd waren. Deshalb habe ich bei der Arbeit an "Der Boxer" versucht, eine Bremse einzubauen.

"Der Boxer" ist nach "Lovecraft", "Cash" und "Castro" Ihre vierte Comic-Biographie. Was fasziniert Sie daran?

Die Auseinandersetzung mit einem realen Stoff und die Recherche dazu machen mir sehr viel Spaß. Bei "Castro" war das zwar ein Riesenaufwand. Aber es ist toll, sich in andere Themen und Zeiten zu vertiefen und Bilder für reale Geschichten und Menschen zu finden. In "Der Boxer" gibt es zum Beispiel den SS-Mann, der Hertzko Haft in Auschwitz hilft. Im Buch heißt er "Schneider", aber da sich Haft nicht mehr richtig erinnern konnte, hatte er vermutlich einen anderen Namen. Man weiß also nicht, wer er ist, und da es kein Bild von ihm gibt, muss ich ein Gesicht für ihn finden. Das ist sehr faszinierend. Zwar habe ich viele Gesichter nach Bildvorlagen entwickelt, aber es macht auch großen Spaß, diese frei zu erfinden.

Bei Ihren Büchern "Castro" und "Cash" waren bekannte Personen der Ausgangspunkt, bei "Der Boxer" nicht. Entscheidet letztlich die spannende Geschichte über Ihre Auswahl der Stoffe?

Bei Haft hat mich in erster Linie die Geschichte fasziniert. Anders als Johnny Cash oder Fidel Castro hat er kein öffentliches Image, er ist ja fast unbekannt. Allerdings ging es mir schon bei "Cash" und "Castro" um mehr als eine normale Biografie. Bei "Castro" wollte ich mich auch mit seiner Politik auseinandersetzen und die Storys hinter den berühmten Fotos und Posen erzählen, die ja teils schon zu Ikonen geworden sind. Bei "Cash" ging es um Freiheit, die bei ihm im Hintergrund immer mitschwingt.

Nach dem Rockstar Cash und dem Polit-Popstar Castro steht in "Der Boxer" ein Holocaust-Überlebender im Mittelpunkt. Ist das eine bewusste Entwicklung hin zu ernsteren Themen oder eher Zufall?

In erster Linie ist es Zufall. Ob eine bewusste Entwicklung dahinter steckt, kann ich nicht sagen. Derzeit entwickele ich zum Beispiel zusammen mit dem Goethe-Institut ein Projekt, in dem es um Migration aus Afrika geht. Dazu werde ich einen Monat auf Sizilien recherchieren. Das ist auch ein sehr ernstes Thema. Vielleicht sollte ich danach wieder etwas über einen Musiker machen.

Madonna?

(lacht) Nein, garantiert nicht.

 

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Mit Reinhard Kleist sprach Markus Lippold.

Quelle: n-tv.de

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