Politik
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Der Verlust der Leichtigkeit: Brüderles Krise

Von Issio Ehrich

Spätestens seit der verlorenen Landtagswahl in Bayern fürchtet die FDP, am Wiedereinzug in den Bundestag zu scheitern. Dem liberalen Spitzenkandidaten, der Trübsal für gewöhnlich wegwitzelt, ist der Druck anzumerken.

Am Tag nach der Landtagswahl in Bayern posiert Rainer Brüderle für Kamerateams vor einer neuen Serie von Wahlplakaten. Neben dem klassischen Gelb und Blau der Liberalen strahlen darauf dicke pinkfarbene Balken. "Zweitstimme FDP" steht darauf. Wenig später erklärt Brüderle die Kampagne. "Wer Merkel will, wählt auch FDP", sagt der liberale Spitzenkandidat. Die Augenlider des 68-Jährigen scheinen bei diesen Worten den Kräften der Erdanziehung zu erliegen. Nur die Stimme des Pfälzers erhebt sich am Ende des Satzes – fast so, als würde er eine Frage formulieren. Er wirkt müde. Wichtiger noch. Er wirkt wenig überzeugt von dem, was er da sagt, und hinterlässt einen unsicheren, ungewohnt nachdenklichen Eindruck.

Die FDP ist in Bayern aus dem Landtag geflogen und droht am Sonntag auch im Bund aus dem Parlament zu verschwinden. Es gibt kein deutlicheres Zeichen für die Krise einer Partei als eine Zweitstimmenkampagne. Und es gibt kein deutlicheres Zeichen dafür, wie ernst die Krise der FDP sein muss, als Brüderles Auftritt, der nur Stunden später in den großen Hauptnachrichtensendungen durch die Republik ging. Denn eigentlich ist er dafür bekannt, sich selbst in schweren Zeiten Leichtigkeit zu bewahren. Eine Leichtigkeit, die ihn ganz nach vorne brachte in der Partei.

Der nette Verkäufer

Wein und Weinköniginnen: Brüderle machte noch nie ein Geheimnis daraus, dass er ein Genussmensch ist.
Wein und Weinköniginnen: Brüderle machte noch nie ein Geheimnis daraus, dass er ein Genussmensch ist.(Foto: picture-alliance / dpa)

Brüderle kam 1945 zur Welt und wuchs in Landau auf. Als Neunjähriger machte er eine Entdeckung, von der er noch heute zehrt. Sein Vater, ein Textilhändler, schickte den kleinen Brüderle damals los, um seinen Kunden seine Krawattenauswahl oder Hutkollektion vorzuführen. Pro Botengang bekam er nicht nur zwanzig Pfennig. Er lernte auch: Du musst nett sein zu den Leuten, wenn du was verkaufen willst. Und nett sein für Brüderle bedeutet menscheln, lustig sein. Es ist jene Leichtigkeit, für die er bekannt ist.

Er behielt sie sich bei, als er als erstes Mitglied seiner Familie das Abitur schaffte. Und er behielt sie sich auch bei, als er nach Jura-, Volkswirtschaftsstudium und FDP-Eintritt 1973 jenen Aufstieg aus eigener Kraft am eigenen Leib durchlebte, den die Liberalen so gern propagieren.

Brüderle zelebriert die Brüderlichkeit

Wie sich Brüderles Leichtigkeit für gewöhnlich äußert, zeigte sich noch vor kaum zwei Wochen bei einem seiner Wahlkampfauftritte in Berlin. Es war ein Auftritt, der das Potenzial zu einer ziemlich peinlichen Angelegenheit hatte. Ausgerechnet an einem Ort des geschliffenen Wortes, im Institut Français, sollte der Pfälzer mit seinem hartnäckigen Dialekt sprechen. Warum, konnte selbst die Pressestelle der FDP nicht erklären. Zufall, hieß es dort. Es sei eine gewöhnliche Wahlkampfveranstaltung.

Auf dem Weg zur Bühne schüttelt Brüderle etlichen Journalisten die Hand. Das ist so seine Art, obwohl viele von ihnen nicht nett über den Liberalen schreiben und der Auftritt Brüderles an einem Ort der französischen Kulturförderung Stoff für etliche neckische Szenen liefert. Brüderle ist nicht als Kosmopolit bekannt. Doch der FDP-Politiker geht die Sache offensiv an.

Er erinnerte an eine entscheidende gesellschaftliche Entwicklung für den Liberalismus, die Französische Revolution. Salbungsvoll verkündet er die Losung dieser Tage: "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit". Das wirkt zunächst einmal reichlich pathetisch – und vor allem gewaltig gezwungen. Doch dabei belässt es der Spitzenkandidat nicht. "Schon damals Brüderlichkeit", kokettiert er, "obwohl ich nicht dabei war".

Es ist einer seiner berüchtigten Schenkelklopfer, mit denen er praktisch alle seiner Reden spickt. Sie sind nicht witzig. Doch sie hinterlassen einen Eindruck: Da nimmt sich einer selbst nicht zu ernst.

Als Brüderle noch Landespolitiker in Rheinland-Pfalz war, nannten ihn einige Kollegen, die seinen Humor nicht ertrugen, gern "Dampfplauderer". Manch einer sagte gar: "Den kann man eigentlich nur zur Handwerkskammer schicken." Doch bei vielen Liberalen konnte sich Brüderle gerade wegen seiner Ungezwungenheit, seiner menschelnden Art, bestens verkaufen.

Der Weinminister

Als Wirtschaftsminister in Rheinland-Pfalz saß Brüderle am Kabinettstisch von vier Ministerpräsidenten. Mitunter übertrieb er es mit seinen Nettigkeiten. Er steigerte die Subventionen für den Weinanbau in steilen Hanglagen um mehr als 200 Prozent. Nicht nur, weil er die mittelständischen Weinbauern fördern wollte. Brüderle ist ein bekennender Liebhaber von guten Tropfen. Trotzdem schaffte er den Sprung in die Bundespolitik.

In der Hauptstadt belächelten ihn viele Kollegen zunächst wegen seines provinziellen Auftretens. Noch immer kursieren Bilder von Brüderle, der vergeblich versuchte, 1368 Weinköniginnen zu küssen, um einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde zu bekommen. Doch auch in Berlin setzte er sich durch. Elf Jahre lang kämpfte er in der Hauptstadt um das Amt des Bundeswirtschaftsministers. Durch unzählige Auftritte und Pressemitteilungen blieb er stets präsent in der öffentlichen Wahrnehmung. Und schaffte es, als die Liberalen nach einem Rekordergebnis bei der Bundestagswahl 2009 Ministerposten bekleiden durften.

Saufen mit Brüderle

Der Aufstieg zum Spitzenkandidaten gelang ihm, weil er bewies, dass er die Nettigkeiten auch mal ablegen kann. 2010 verwehrte er Opel Staatshilfen. "Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer", sagte er. Den Umbruch nach dem Sturz des damaligen Parteichefs Guido Westerwelle überstand er, weil er klarstellte, dass er sein Amt nicht kampflos hergeben würde. Das brachte ihm den Ruf des starken Mannes in der FDP ein, obwohl er bei dem Führungswechsel das geliebte Wirtschaftsministerium zugunsten des Fraktionsvorsitzes aufgeben musste.

Doch das Bild des menschelnden Politikers überwog. Wohl auch, weil er sich selbst für äußerst fragwürdige Fernsehauftritte hergab. Kurz vor der Bundestagswahl 2002 saß er unter dem Motto "Saufen mit Brüderle" in der Harald Schmidt Show und verkündete: "Tagsüber trinken ist eine Übungsfrage." Der Clip erfreut sich bei Youtube noch immer großer Beliebtheit.

In der Dirndl-Falle

Dass er seine Leichtigkeit trotz Opel und Führungskämpfen in der Partei nicht verlor, bewies er ausgerechnet in der Dirndl-Affäre. Er war noch zu Späßen aufgelegt, selbst als er bei seinem wöchentlichen Pressefrühstück zum ersten Mal wieder auf die "Stern"-Journalistin traf, die dem FDP-Politiker einen verbalen Übergriff vorwarf und damit eine Sexismus-Debatte lostrat. Brüderle wich dem Thema Sexismus zunächst aus, verweigerte eine Entschuldigung und würdigte Laura Himmelreich keines Blickes. Als ein Journalist fragte, ob hier jemand die Heizung ausgemacht hätte, versicherte Brüderle. Für die Heizung sei die Bundestagsverwaltung zuständig. "Ich erkläre alle Mitarbeiter der FDP-Fraktion für unschuldig."

Selbst als er sich vor wenigen Wochen ausgerechnet nach dem Besuch des Theaterstücks "Der fröhliche Weinberg" von Carl Zuckmayer bei einem Sturz über eine Treppenstufe mehrere Knochen brach, blieb Brüderle gelassen. Er meldete sich noch aus dem Krankenhaus zu Wort und sagte: "Ich bin da Opfer meiner eigenen Dynamik geworden." Es sei manchmal einfach schwierig, geradeaus zu gehen und links und rechts Leute zu grüßen.

Derart angespannt und unsicher wie bei seinem Auftritt nach der Landtagswahl in Bayern wirkte Brüderle selten. Vielleicht auch, weil er als Spitzenkandidat im Wahlkampf das übrige Personal der FDP fast vollständig verdrängte. Wie kein Zweiter steht er heute für den Erfolg oder Misserfolg der Partei.

Quelle: n-tv.de

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