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"Der Sonntagsspaziergang" einer bürgerlichen Familie (Bild von Carl Spitzweg von 1841).
"Der Sonntagsspaziergang" einer bürgerlichen Familie (Bild von Carl Spitzweg von 1841).(Foto: Wikimedia)

Von Werther bis Guttenberg: "Bürgerlichkeit bietet Orientierung"

Bürgerliche Werte bilden keinen festen Kanon, "sondern ein komplexes Set von Werten, das immer wieder neu ausgehandelt wird", sagt der Historiker Manfred Hettling. "Bürger sein heißt immer auch Bürger werden - einen Veränderungsprozess erfahren und daran reifen. Das ist das Versprechen von Bürgerlichkeit, und das beschreibt auch das Prinzip der Bildung." Hettling lässt dieses Versprechen auch für Verteidigungsminister Guttenberg gelten.

n-tv.de: Die Begriffe "bürgerlich" und "Bürgertum" werden häufig recht freihändig benutzt - was bedeuten sie überhaupt?

Prof. Dr. Manfred Hettling lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Eines seiner Spezialgebiete ist Bürgerlichkeit im Vergleich.
Prof. Dr. Manfred Hettling lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Eines seiner Spezialgebiete ist Bürgerlichkeit im Vergleich.

Manfred Hettling: Historisch ist der Bürger das Subjekt, das über die Belange des Gemeinwesens entscheidet oder mitentscheidet. Zugleich beschreibt "Bürger" das Versprechen der Freiheit, der Gleichheit und der politischen Teilhabe. Das ist der Kern des Bürgers seit der Antike.

Derzeit wird viel über "bürgerliche Werte" gesprochen. Gibt es einen klassischen Kanon bürgerlicher Werte?

Bürgerliche Werte stellen kein kochbuchartiges Rezept dar. Oft wird Bürgerlichkeit reduziert auf die sogenannten Sekundärtugenden, also Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein, Anstand, Sauberkeit und so weiter. Diese äußeren Werte bestimmten den Bürger als Stand in der Vormoderne, also in der Zeit bis etwa 1800. Das ist der Spießbürger in der Kleinstadt mit seinem Kirchturmhorizont, der feste Vorgaben zur Orientierung hat. Nach meinem Verständnis bilden bürgerliche Werte keinen festen Kanon, sondern ein komplexes Set von Werten, das immer wieder neu ausgehandelt wird - einen Wertehimmel, der Orientierung bietet, aber keine festen Regeln liefert. Denn jede Sekundärtugend hat ihr Gegenstück: Es gibt die Ordnungsliebe, aber auch die kreative Unordentlichkeit, es gibt die Vernunft, aber auch die Emotionalität.

Gilt das auch für das "bürgerliche" 19. Jahrhundert?

Ja. Das klassische Beispiel ist Thomas Mann, der in seinen Romanen die Spannung im Modell Bürgerlichkeit mit der Trennung von Bürger und Künstler darstellt: Der Künstler verkörpert die kreative, die emotionale Seite, der Bürger das Festgefügte, Normierte. Das sind aber nur literarische Darstellungsweisen, welche zeigen, dass eine Seite allein nicht ausreicht im Leben. Deshalb scheitern bei Thomas Mann die Künstler wie die Bürger - weil sie bei ihm das Potential der bürgerlichen Kultur verfehlen, diese gegensätzlichen Anforderungen in das eigene Leben zu integrieren und zu vermitteln.

Der Künstler ist doch aber auch ein Bürger?

Die Diskussion, wer ein richtiger Bürger ist, gibt es seit dem späten 18. Jahrhundert. Das sind polemische Abgrenzungen, die Teil dieses immerwährenden Aushandlungsprozesses sind. Das zieht sich vom Sturm und Drang und der Romantik bis zu den 68ern und bis heute - all das sind Diskussionen innerhalb des bürgerlichen Kosmos.

Wann entstand dieser Kosmos der Bürgerlichkeit? Ist mit Sturm und Drang schon der Ausgangspunkt beschrieben?

"Vorlesung aus Goethes Werther" von Wilhelm Amberg, 1870.
"Vorlesung aus Goethes Werther" von Wilhelm Amberg, 1870.

Sie können den Sturm und Drang als Ausgangspunkt nehmen, die Romantik oder die Klassik. Ein Ausgangspunkt wäre Goethes "Werther" von 1774, in dem genau diese Gegenüberstellung einzelner Werte beschrieben wird, dann sein Bildungsroman "Wilhelm Meister", der 1795/96 erschien und den Prozess der Persönlichkeitswerdung beschreibt. Denn Bürger sein heißt immer auch Bürger werden - einen Veränderungsprozess erfahren und daran reifen. Das ist das Versprechen von Bürgerlichkeit, und das beschreibt auch das Prinzip der Bildung.

Was war der Sinn dieses Werte-Sets?

In der vormodernen Welt gab es die festgefügten Stände, in die man hineingeboren wurde und die man nicht verlassen konnte. Diese Ordnung löste sich im 18. Jahrhundert unwiderruflich auf: Neue Berufsgruppen entstehen, die Orientierung suchen, weil sie keinen festgefügten Platz in der alten Welt haben. Romane und Theater greifen das auf und beschreiben, welche Fragen und Probleme sich stellen: Werther scheitert, Karl Moor in Schillers "Räubern" scheitert, Wilhelm Meister ist erfolgreich. Die Kultur der Bürgerlichkeit entwickelt neue Verhaltensmuster für eine unübersichtliche Welt, die Literatur und Kunst machen diese Herausforderungen artikulierbar.

Nach Ihrer Definition leben wir immer noch in der Zeit der Bürgerlichkeit.

Das ist eine lange Diskussion unter Historikern. Die einen sehen Bürgerlichkeit an das 19. Jahrhundert gebunden, ich würde argumentieren, wie auch andere, dass es letztlich ein Grundproblem der Moderne ist: Orientierung herzustellen in einer unübersichtlich strukturierten Welt. Bei allen Veränderungen stehen wir heute vor der gleichen Herausforderung wie die Menschen um 1800. Nicht zuletzt deshalb "sagen" uns diese Werke ja auch noch immer etwas.

Gibt es diesen Werteverlust, den vor allem Konservative immer wieder beklagen?

Ich würde eher von einem Wertewandel sprechen. Das Klagen über den angeblichen Werteverlust gehört zu der Debatte, in der Bürgerlichkeit immer wieder neu ausgehandelt wird.

Im Moment sind es, zumindest innerhalb der Politik, nicht die Konservativen, sondern die Linken, die einen Werteverfall beklagen. Grünen-Chefin Claudia Roth etwa sorgt sich um das Wertesystem der Union.

Das ist ein Teil dieser Aushandlungsdebatte. Ich halte es für überzogen, aus der gescheiterten Dissertation von Herrn zu Guttenberg einen allgemeinen Werteverfall ableiten zu wollen. Da würde man seine Bedeutung - Doktorarbeit hin oder her - grandios überschätzen. Zudem, wer 2005 im Wahlkampf gegen den "Professor aus Heidelberg" antiakademische Ressentiments provozierte, überzeugt heute nicht so ganz als Verteidiger wissenschaftlicher Redlichkeit gegen den "Doktor aus Bayreuth".

Teilnehmer einer Demonstration hinterlassen Schuhe und Schilder am Verteidigungsministerium in Berlin. Sie glauben offenbar nicht an einen Reifungsprozess beim Minister.
Teilnehmer einer Demonstration hinterlassen Schuhe und Schilder am Verteidigungsministerium in Berlin. Sie glauben offenbar nicht an einen Reifungsprozess beim Minister.(Foto: dapd)

Befürchten Sie nicht, dass nach den Semesterferien Studierende kommen und sagen, drücken Sie doch mal ein Auge zu, der Verteidigungsminister ist ja auch damit durchgekommen?

Wer schummelt und deshalb durchfällt, darf ja immer noch was anderes werden. Der Minister mag also durchkommen, aber der Doktor ist ja gerade nicht damit durchgekommen. Und kaum jemand dürfte so schnell seinen akademischen Titel verloren haben, auch auf diesem Feld ist er also ein Senkrechtstarter. Schließlich, zur Bürgerlichkeit gehört ja auch die Fähigkeit zur Veränderung seiner selbst - Bildung als Reifung, nicht als bloße Wissensanhäufung. Vielleicht könnten wir Herrn zu Guttenberg ja einen Vertrauensvorschuss für einen persönlichen und intellektuellen Reifungsprozess gewähren. Da er Fehler zugegeben hat, die er gemacht hat, würde mich interessieren, ob und was er denn eigentlich daraus gelernt hat - auch für seine Tätigkeit als Minister.

Haben Sie den Eindruck, dass Studierende heute häufiger plagiieren als früher?

Ich weiß nicht, wie es vor 40 oder 100 Jahren war, aber ich gehe davon aus, dass der menschliche Charakter relativ stabil ist. Viele Studierende glauben vielleicht, dass es mit dem Internet heute leichter möglich sei, Ergebnisse als eigene vorzutäuschen. Aber es ist auch leichter möglich zu prüfen, ob abgeschrieben wurde. Was sich vielleicht verändert hat, ist die Fähigkeit der Studierenden, eine Idee zu erfassen und ganz schlicht mit eigenen Worten sprachlich eigenständig damit zu argumentieren. Auf dieser Ebene wäre ich eher bereit, von einem Verfall zu sprechen - aber auch das ist schon ein altes Urteil. Sehr viel älter als ich.

Mit Prof. Dr. Manfred Hettling sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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