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Trotz Berichten über Plünderungen lagen viele wertvolle Gegenstände nach wie vor an der Absturzstelle.
Trotz Berichten über Plünderungen lagen viele wertvolle Gegenstände nach wie vor an der Absturzstelle.(Foto: picture alliance / dpa)

Sky-Reporter durchwühlt Koffer: Chaos an Absturzstelle bedroht Beweismittel

Seit vier Tagen blickt die Welt auf ein Weizenfeld in der Ostukraine. An der Stelle, wo Flug MH17 auf den Boden aufschlug, geht es seither jedoch chaotisch zu. Rebellen beherrschen die Szenerie, während der freie Zugang zum Areal wichtige Indizien gefährdet.

Um den genauen Hergang des Unglücks nachvollziehen zu können, müsste die Absturzstelle bis zum Eintreffen der Experten möglichst unverändert bleiben.
Um den genauen Hergang des Unglücks nachvollziehen zu können, müsste die Absturzstelle bis zum Eintreffen der Experten möglichst unverändert bleiben.(Foto: picture alliance / dpa)

An der Absturzstelle des Fluges MH17 nahe des ukrainischen Ortes Grabowo herrscht vier Tage nach dem Unglück immer noch Chaos und Verwirrung. Die prorussischen Separatisten erschweren eine genaue Aufarbeitung des Geschehenen dabei ebenso wie ungehindert durch die Trümmer  laufende Zivilisten und Reporter. Experten zufolge könnten wichtige Hinweise darauf, wie genau die Boeing von Malaysian Airlines abstürzte, für immer verloren gehen, sollte nicht bald eine professionelle Absperrung und Untersuchung des Unglücksortes erfolgen.

Bei der bisher vor Ort eingetroffenen OSZE-Mission handelt es sich lediglich um Beobachter. Luftfahrtexperten oder Ermittler haben das Wrack noch nicht untersuchen können. Ebenso konnten die bisher gefundenen Leichen nicht untersucht oder allein gezählt werden, weshalb die OSZE-Mitarbeiter auf die Informationen lokaler Rettungskräfte angewiesen sind. Deren Aussage zufolge seien bis zum Sonntagnachmittag 196 der 298 Todesopfer gefunden worden.

"Wir konnten sie bisher nicht zählen, da das in dieser Situation zu schwierig ist", sagte Alexander Hug, stellvertretender Leiter der Mission, während er von bewaffneten Rebellen umringt ist. "Wir warten darauf, dass die Rebellen uns rufen und sagen, was wir tun können", sagt ein anderer. "Sie sind schwer bewaffnet und wir unbewaffnet, also haben wir keine große Wahl." Laut dem ukrainischen Vize-Regierungschef Wladimir Groisman befänden sich bis zu 900 Separatisten in der Gegend um das Wrack.

Kämpfer der Separatisten beherrschen die Szenerie rund um den Absturzort.
Kämpfer der Separatisten beherrschen die Szenerie rund um den Absturzort.(Foto: picture alliance / dpa)

Bis zum Sonntagmittag war auch nicht klar, wo sich die bisher gefundenen sterblichen Überreste der Passagiere und Besatzung befinden. Schließlich stellte sich heraus, dass sie in einen Eisenbahnwaggon gebracht wurden und bei sommerlicher Hitze in Plastiksäcken für den Weitertransport zur Identifikation in der Stadt Charkow gelagert werden. Gleichzeitig fanden die freiwilligen Helfer vor Ort, bestehend aus Minenarbeitern und lokalen Rettungskräften, in dem mitterweile auf 34 Quadratkilometer ausgeweitete Suchgebiet um das zerstörte Flugzeug im Laufe des Sonntags offenbar noch 18 weitere Tote, die ebenso wie das Gepäck und andere Besitztümer der Opfer am Straßenrand aufgereiht wurden.

Sky-Reporter durchwühlt Koffer

Der Zugang zu der Stelle war nach wie vor komplett unkontrolliert und für jeden möglich. Diesen Umstand nutzte offenbar auch ein Reporter des Senders Sky, der sich am Inhalt eines Koffers zu schaffen machte. Colin Brazier war auf dem Sender zu sehen, wie er beispielsweise ein Paar Schlüssel und eine Zahnbürste aus dem Koffer zog und dabei "das sollten wir wohl eigentlich nicht tun, denke ich" sagte.

Dem Reporter schlug anschließend ein Sturm der Entrüstung entgegen. Manche nannten es einen "schrecklichen Moment für den Journalismus", während eine BBC-Reporterin ihren Kollegen per Twitter heftig anfuhr: "Wir sollten das nicht tun?! Was du nicht sagst! Diese Gegenstände sind den Angehörigen heilig. Einfach widerlich!". Sky und Brazier entschuldigten sich später für den Vorfall.

Besorgniserregend ist vor allem, dass wichtige Anhaltspunkte  für den Unglückshergang bei dem chaotischen Treiben verloren gehen. Experten zufolge sei eine möglichst unveränderte Absturzstelle essentiell für ein genaues Verständnis der Vorfälle. Spuren einer möglichen Raketenexplosion an der Außenhaut des Flugzeuges könnten sogar auf den Hersteller der Rakete schließen lassen. Ebenso könnte eine Tonaufnahme der Explosion aus dem Cockpit eine Art "Fingerabdruck" enthalten, die Rückschlüsse auf den Typ der eingesetzten Rakete zulässt, sagte der britische Luftfahrtexperte Tony Cable gegenüber dem "Guardian".

Australien legt Resolutionsentwurf vor

Australien hat mittlerweile einen Resolutionsentwurf für eine UN-Abstimmung vorgelegt. Dieser sieht vor, dass jede Manipulation der Absturzstelle untersagt wird und alle Anwesenden Parteien, inklusive der Rebellen, den internationalen Behörden vollständige Kooperation zukommen lassen. Es fordert zudem, dass die Flugschreiber und andere Beweisstücke sofort auszuhändigen sind. Weil Russland die Resolution mit seinem Veto verhindern könnte, ist der Ausgang  der Abstimmung allerdings völlig offen, wobei Wladimir Putin unlängst den Niederlanden "volle Kooperation" bei der Aufarbeitung des Unglücks zugesichert hatte..

Trotz laut geäußerter Spekulationen über Plünderungen durch Anwohner ist im Übrigen nicht klar, ob oder in welchem Ausmaß diese stattgefunden haben sollen. Etliche potenziell wertvolle Gegenstände, wie Uhren, neue Schuhe oder sogar unbeschädigte Flaschen mit Alkohol, lagen jedenfalls unberührt an der Unfallstelle. Hingegen waren an einigen Stellen offenbar von Anwohnern Blumen, Stofftiere und Kerzen niedergelegt worden.

Quelle: n-tv.de

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