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Besonders die heute wohlhabenderen Venezolaner begehren gegen die Maduro-Regierung auf.
Besonders die heute wohlhabenderen Venezolaner begehren gegen die Maduro-Regierung auf.(Foto: REUTERS)

Korruption, Kriminalität, Armut: Chávez' Erbe zerfällt in Stücke

Von Sarah Köhler

Hugo Chávez einte Venezuela im "Sozialismus des 21. Jahrhunderts". Doch ein Jahr nach seinem Tod glauben immer weniger Menschen an das Projekt des "Comandante". Das liegt auch an dessen blassen politischen Erben.

Könnte der Revolutionsführer Hugo Chávez am ersten Jahrestag seines Todes auf das Land Venezuela blicken, wäre er wohl schockiert von den Szenen, die sich auf den Straßen des Karibik-Anrainers abspielen: Es sind Szenen von flüchtenden Demonstranten und brennenden Straßenbarrikaden. Von Tränengas, Wasserwerfern und Motorradschützen. Von Menschen, die Steine werfen und Uniformierten, die scharf schießen. Von Venezolanern, die sich von seinem einstigen Projekt abgewendet haben. 

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Seit Anfang Februar gehen Tausende Gegner von Chávez' Nachfolger im Präsidentenamt, Nicolás Maduro, auf die Straße. Sie demonstrieren gegen die verzweifelte wirtschaftliche Situation, die verbreitete Korruption und die grassierende Gewaltkriminalität. Ihnen gegenüber stehen die staatlichen Sicherheitskräfte und autonome paramilitärische Gruppen. Traurige Zwischenbilanz der Kämpfe: 18 Tote, 250 Verletzte, Hunderte Festgenommene.

Präsident Nicolás Maduro wird der Lage nicht Herr. Dabei kann er sich auf gut die Hälfte der Stimmen aus dem Volk berufen, auch wenn sein Wahlsieg im Mai 2013 mit 50,66 Prozent denkbar knapp war. Maduro ist der ausdrückliche Wunschnachfolger des Revolutionsführers Chávez. Und der "Comandante" dürfte sein Land und seine Parteigenossen gut gekannt haben: Immerhin regierte Chávez das Land seit 1999 und seine Partei wurde in etlichen Urnengängen bestätigt.

Chávez war die Revolution

Doch der neue Präsident trat ein schwieriges Erbe an, an dem er scheitern muss. Chávez brachte mit seiner Vision eines neuen dritten Weges große Teile der Bevölkerung hinter sich. Die Venezolaner liebten ihn: Bei der Wahl im Jahr 2006 wurde er mit über 62 Prozent im Amt bestätigt. Besonders die ärmeren Teile der Bevölkerung konnte der Revolutionsführer mit sozialen Wohltaten begeistern: ein kostenloses Gesundheitssystem, verbilligte Grundnahrungsmittel, bessere Bildung und neue Universitäten, eine kostenlose Alphabetisierungskampagne. Die sozialen Unterschiede zwischen Arm und Reich schrumpften wie in keinem anderen Land Lateinamerikas.

Der verstorbene Führer ist im Gedächtnis der Venezolaner lebendig. Der Leichnam des mit 58 Jahren an Krebs gestorbenen Sozialisten liegt einbalsamiert in einem Museum.
Der verstorbene Führer ist im Gedächtnis der Venezolaner lebendig. Der Leichnam des mit 58 Jahren an Krebs gestorbenen Sozialisten liegt einbalsamiert in einem Museum.(Foto: AP)

Es war aber ein solch grundlegender Wandel, wie ihn nur einer in Venezuela durchbringen konnte: Chávez war die Revolution und die Revolution war Chávez - der "Comandante"  personifizierte Macht und alsbald auch den ganzen Staat. Am Ende regierte er mit ungeheurer Machtfülle, über Sondervollmachten auch gerne am Parlament vorbei und regelte Probleme mit gewandter Rhetorik und Charisma. Auch nach seinem Tod ist die Verehrung für Chávez riesig, sein Leichnam ist einbalsamiert in einem Museum zu sehen.

Chávez konnte auch jene Teile der Bevölkerung mitziehen, die nicht hinter der Revolution standen. Schon zu seinen Lebzeiten waren nicht alle im Land zufrieden. Nun sind es vor allem die wohlhabenderen Venezolaner, die aufbegehren. Die Probleme sind hausgemacht: Während der letzten eineinhalb Jahrzehnte haben die Sozialisten ein Klientelsystem im Land aufgebaut. Praktisch alle Institutionen bis auf die Kommunalebene hinab sind in den Händen der Chavistas. Für Venezolaner, die sich nicht das rote Hemd - das Symbol der Anhänger Chávez' - anziehen, ist es nahezu aussichtslos, einen Job zu bekommen. Venezuela gehört zu den korruptesten Staaten der Welt. Transparency International listet den Ölstaat auf Platz 160 von 177 noch hinter Staaten wie der Zentralafrikanischen Republik oder Angola.

Maduro versucht es wie Chávez zu lösen

Außerdem sind Gewalt, Entführungen und Morde in Venezuela an der Tagesordnung. Mit einer Rate von 60 Morden pro 100.000 Einwohner gilt das Land als eines der gefährlichsten der Welt. Zudem leidet Venezuela unter einer horrenden Inflation. Für Güter des täglichen Bedarfs zahlen Venezolaner heute mehr als doppelt so viel wie noch vor einem Jahr. Hinzu kommen Versorgungsengpässe: Grundnahrungsmittel wie Milch und Mehl sind knapp, Toilettenpapier gibt es zeitweise nicht zu kaufen, Zeitungen schränken ihre Auflagen ein, weil kein Papier für den Druck da ist.

Der etwas konturlose Maduro reagiert nervös und versucht sich in der Rhetorik seines Vorgängers: Er brandmarkt die Aufständischen als "faschistische Banden" und Putschisten. Er  lässt Oppositionspolitiker verhaften und entsendet Fallschirmjäger in die Protestgebiete. Er beschränkt Internetzugänge und schloss schon wenige Stunden nach Beginn der Proteste Twitter und den kolumbianischen Fernsehkanal TNT24. Und er schleudert Drohgebärden in Richtung der USA. Gleich mehrere US-amerikanische Konsularbeamte verwies der Präsident des Landes, weil sich diese mit den Anführern der Proteste verschworen hätten. Dieses Vorgehen hat Tradition: Als Chávez 2002 für einige Tage aus dem Amt geputscht wurde, bezichtigte auch er danach die USA der Verschwörung gegen ihn.

Doch was Chávez noch durch Machtfülle, Führungsqualitäten und Ausstrahlung regeln konnte, gelingt dem blasseren Nicolás Maduro nicht mehr. Ein Ende der Proteste ist derzeit nicht in Sicht. Noch kann sich Maduro auf seine Wahl berufen und vom schillernden Erbe des verstorbenen Chávez zehren. Doch das südamerikanische Land ist gespalten, wie nie zuvor. Eine weitere Radikalisierung der Revolution wird die Gräben nur noch weiter aufreißen. Eine Rückkehr zu einer stabilen Regierung unter Maduro scheint unmöglich. 


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Quelle: n-tv.de

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