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An einer Schule in Shanghai zeigt ein Schüler den Pioniergruß.
An einer Schule in Shanghai zeigt ein Schüler den Pioniergruß.(Foto: REUTERS)

Sieg bei Pisa: China produziert Elite wie am Fließband

Von Marcel Grzanna, Shanghai

Chinesische Städte und Regionen belegen gleich mehrere Plätze in den Top Ten der Pisa-Studie. Ein Gütesiegel für das Bildungssystem der Volksrepublik ist das nicht: In China dominieren Drill und Auswendiglernen. Die Regierung in Peking steckt in einem Zwiespalt.

Der erneute Sieg Chinas bei der Pisa-Studie offenbart eigentlich nur eines: die schwache Aussagekraft des internationalen Schülervergleichs. Denn was wollen uns die Testergebnisse eigentlich vermitteln, wenn ein Bildungssystem wie das chinesische zum Seriensieger avanciert? Den fleißigen Jungen und Mädchen der Siegernation gebührt Respekt und Anerkennung, weil sie wohl am härtesten von allen dafür gelernt haben. Aber niemand sollte deswegen ernsthaft in Erwägung ziehen, sich in Sachen Bildungskonzepten bei den Chinesen etwas abzuschauen.

Shanghai auf Platz 1

An der fünften Pisa-Studie nahmen im vergangenen Jahr mehr als eine halbe Million Schüler im Alter von 15 und 16 Jahren aus insgesamt 65 Staaten und Regionen teil. In den Top Ten finden sich sieben Länder und Gebiete aus Asien. Die chinesische Metropole Shanghai erhielt die mit Abstand höchste Punktzahl - die 15-Jährigen wiesen hier ein um fast drei Schuljahre höheres Wissen auf als im OECD-Durchschnitt. Es folgen Singapur (das einen hohen Anteil chinesischer Einwohner hat), Hongkong, Taiwan, Südkorea, die chinesische Sonderverwaltungszone Macau und Japan. Aus Europa gehören Liechtenstein, die Schweiz und die Niederlande den obersten Zehn an.

Sicherlich benötigt der eine oder andere Jugendliche in Deutschland einen metaphorischen Tritt in den Hintern. Das kann man in China ganz gut lernen. Aber grundsätzlich ist es eine große Errungenschaft einer Gesellschaft, wenn Kinder ohne Drill und übermäßigen Leistungsdruck ein erfolgreiches Leben führen können.

Davon ist China weit entfernt. Und die meisten Menschen im Land empfinden das keineswegs als Triumph. Sie spüren, dass ihren Sprösslingen die Kindheit geraubt und die Unbeschwertheit genommen wird. Aber viele sehen keine Alternative, als den Wettbewerb anzunehmen und den Kindern einen Tagesablauf wie einem Topmanager zuzumuten. Wer etwas werden will in der Volksrepublik, muss mehr Lernen als alle anderen, glauben sie. Doch anstatt zu versuchen, die wirklichen Neigungen der Kinder zu entdecken, entscheiden Lehrer, Beamte oder die Großmutter über die Förderung. Wer groß ist, lernt schwimmen. Wer klein ist, lernt turnen. Klavier lernen sie alle, denn Lang Lang hat es ja auch geschafft. Die Kinder werden nicht gefragt, sie müssen funktionieren. Genau diese Funktionalität hat dem Land den Sieg bei Pisa beschert.

Wer scheitert, steht am Fließband

Das abermals beste Abschneiden bei der Studie empfinden viele Chinesen als gewaltigen Widerspruch zur Realität. Bildungsexperten beklagen, dass die jungen Menschen vor allem Auswendiglernen, aber nicht kognitiv gefördert werden. Sie werden von jungen Jahren an auf Prüfungen vorbereitet, die ihnen Zugang zu Schulen oder Universitäten mit höherem Renommee verschaffen, wenn sie sie bestehen. Die Spitze des Aussiebens ist der Gaokao - der Zugangstest zum Hochschulsystem. Wer hier scheitert, kann sich auf ein Leben am Fließband einstellen. Viele bleiben schon vorher auf der Strecke, weil sie Jahre zuvor den Test zur höherklassigen Mittelschule verpatzt haben.

Wer sich aber durchsetzt und einen Platz an einer Elite-Uni ergattert, ist dennoch häufig nicht geeignet für eine Führungsposition in internationalen Unternehmen. Den Absolventen fehlen häufig die Fähigkeiten, effektiv zu kommunizieren und im Team zu arbeiten. Sie haben nie gelernt, Verantwortung zu übernehmen oder selbstständig zu denken, weil es in Schule und Uni nicht erwünscht war, eher verpönt. Das alles macht die chinesischen Studenten zu einer Elite zweiter Klasse. Ausländische Konzerne schwärmen gerne vom endlosen Wissensdurst ihrer chinesischen Angestellten, überlassen die Forschung und Entwicklung aber lieber den eigenen Landsleuten, weil sie den Chinesen die Aufgaben schlicht nicht zutrauen. Natürlich gibt es zahlreiche Chinesen, die das durchaus können. Aber die sind fast ausnahmslos im Westen ausgebildet worden.

Shanghai ist nicht repräsentativ

Dennoch aalt sich die chinesische Regierung im Glanz des Sieges. Platz eins ist Platz eins, auch wenn anderswo Zweifel an der Aussagekraft des Tests gehegt werden. Wo China ist, ist oben. Ein bisschen hat sie ja auch mitgeholfen beim Testergebnis, indem sie den Kreis derer, die als Teilnehmer in Frage kamen, sehr stark eingeschränkt hat auf einen ohnehin privilegierten Kreis. Shanghai als Auswahlort der Schüler ist nicht repräsentativ, weil das Bildungsniveau dort weit über dem Rest des Landes liegt. Die Nominierung der Schulen war auch nicht dem Zufall überlassen. Der allein regierenden Kommunistischen Partei war es wichtig, dass ihre Schüler gut abschneiden. Denn ein autoritäres System wie das in der Volksrepublik ist an einer ehrlichen Bestandsaufnahme der Qualität des eigenen Bildungssystems überhaupt nicht interessiert. Pisa wird als Propaganda-Instrument benutzt, um die eigene Überlegenheit zu dokumentieren.

Dennoch steckt die Regierung in einem Zwiespalt. Einerseits benötigt sie kreative, innovative Geister, damit die dafür sorgen können, dass die Rückkehr Chinas in den Kreis der Supermächte nicht durch eine stockende wirtschaftliche Entwicklung gebremst wird. Anderseits sind kreative, selbstständige Denker das Letzte, was die autoritäre Führungselite des Landes heranziehen möchte. Denn freie Geister haben häufig nicht nur gute Ideen, sondern hinterfragen auch nachdrücklich den Status quo im Land. Den zu ändern, liegt nicht im Interesse der Partei.

Quelle: n-tv.de

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