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"Unerträgliche Provokation": Daniel Cohn-Bendit.
"Unerträgliche Provokation": Daniel Cohn-Bendit.(Foto: picture alliance / dpa)

Päderastie oder Provokation?: "Cohn-Bendit hat unsäglichen Mist erzählt"

In den siebziger und achtziger Jahren hat die Grünen-Legende Daniel Cohn-Bendit "freier Sexualität" mit Kindern das Wort geredet. Dieser Teil der Parteigeschichte müsse aufgearbeitet werden, sagt der hessische Grünen-Politiker Marcus Bocklet n-tv.de. Was Cohn-Bendit in den 1970er und 80er Jahren gesagt und geschrieben habe, sei "unsäglicher Mist". Dennoch sei er kein Kinderschänder.

n-tv.de: Herr Bocklet, Sie fordern eine Aufarbeitung der pädophilen Vergangenheit der Grünen ...

Marcus Bocklet: Nicht der Grünen, sondern der Vorgeschichte der Grünen und der glücklicherweise erfolglosen Versuche, die Position der Grünen in dieser Frage zu beeinflussen. Aber diese Forderung ist ja keine Neuigkeit mehr.

Marcus Bocklet ist sozialpolitischer Sprecher der Grünen im hessischen Landtag.
Marcus Bocklet ist sozialpolitischer Sprecher der Grünen im hessischen Landtag.(Foto: picture alliance / dpa)

Sie meinen, weil Grünen-Chefin Claudia Roth die Aufarbeitung dieser Vorwürfe jetzt auch unterstützt?

Genau. Wenn die Bundesvorsitzende sagt, dass eine unabhängige Kommission zu dem Thema eingesetzt wird, dann ist das Thema bereits auf dem Weg. Claudia Roth hat alles gesagt, was ich Ihnen sagen kann und auch unterstütze: Die Grünen als Partei haben zu keiner Zeit die Position vertreten, Päderastie gesellschaftsfähig zu machen oder zu entkriminalisieren. Die Grünen hatten allerdings in der Anfangsphase Mitglieder, die das wollten und die diese Debatte in der Partei geführt haben. Darüber muss man reden.

Dann lassen Sie uns darüber reden, lassen Sie uns über Daniel Cohn-Bendit sprechen.

Es war das Zeitalter der Tabubrüche, einige davon waren notwendig. Zum Beispiel war damals Vergewaltigung in der Ehe legal, aber der § 175, der sogenannte Schwulenparagraph, war im Strafgesetzbuch. Damals wurden aber auch Sachen von Einzelnen oder Minderheiten gefordert, über die man sich heute nur wundern kann und die ich verurteile. Ich verwahre mich aber dagegen, dass dies von CDU und FDP instrumentalisiert wird.

Eine solche Chance lassen sich Parteien meist nicht entgehen.

Aber Daniel Cohn-Bendit als Kinderschänder zu beschimpfen, ...

... wie das der baden-württembergische CDU-Fraktionschef Peter Hauk zumindest indirekt getan hat, ...

Cohn-Bendit war in den 1960er und 1970er Jahren in Frankreich und Deutschland einer der führenden Köpfe der außerparlamentarischen Linken - seit 1984 ist er Mitglied der Grünen, hier gehört er zum Realo-Flügel.
Cohn-Bendit war in den 1960er und 1970er Jahren in Frankreich und Deutschland einer der führenden Köpfe der außerparlamentarischen Linken - seit 1984 ist er Mitglied der Grünen, hier gehört er zum Realo-Flügel.(Foto: picture alliance / dpa)

... das ist schon eine ziemliche Sauerei. Cohn-Bendit hat krudes Zeug zu dem Thema erzählt, mehrere Jahre lang. Aber er hat sich bereits mehrfach davon distanziert - zuerst 2001, dann 2010, dann 2013.

In seinem Buch "Der große Basar" aus dem Jahr 1975 gibt es eine Passage, die in diesem Zusammenhang immer wieder zitiert wird. Cohn-Bendit schreibt dort über sexuelle Erlebnisse mit fünf Jahre alten Kindern. Da ist zwar nur von "streicheln" die Rede, aber was da beschrieben wird, ist eindeutig übergriffiges Verhalten. Vor drei Jahren hat er sich von diesen Sätzen auf eine etwas seltsame Art distanziert: Er sagte, es sei "kein Tatsachenbericht" gewesen, "sondern schlechte Literatur", also bloße Fiktion. Macht er es sich damit nicht ziemlich einfach?

Er hat sich eindeutig davon distanziert. Er hat immer wieder gesagt, dass er da Mist geschrieben hat. Bei der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises hat er betont, dass das nie hätte geschrieben werden dürfen, dass die Empörung, die viele empfinden, wenn sie diesen Text lesen, gerechtfertigt ist. Er hat das öffentlich bedauert und sich dafür entschuldigt.

Aber ist das passiert, was er da beschreibt?

Nein, das glaube ich nicht. Er sagt, dass es eine literarische Übertreibung war, eine "unerträgliche Provokation". Daniel Cohn-Bendit ist kein Kinderschänder. Punkt.

Die Vorwürfe gegen Cohn-Bendit stehen und fallen damit, ob man ihm glaubt, dass sein Text von 1975 nur "schlechte Literatur" war. Nach der erwähnten Textstelle geht es aber sehr unliterarisch weiter: "Da hat man mich der 'Perversion' beschuldigt. Unter Bezug auf den Erlass gegen 'Extremisten im Staatsdienst' gab es eine Anfrage an die (Frankfurter) Stadtverordnetenversammlung, ob ich von der Stadtverwaltung bezahlt würde. Ich hatte glücklicherweise einen direkten Vertrag mit der Elternvereinigung, sonst wäre ich entlassen worden." Das klingt nicht mehr nach Provokation, sondern nach Tatsachenbericht.

"Es ist fantastisch": Cohn-Bendit 1982 im französischen Fernsehen.
"Es ist fantastisch": Cohn-Bendit 1982 im französischen Fernsehen.(Foto: Youtube / France 2)

Aber wenn er doch sagt, dass das literarischer Unsinn war, dann muss man ihm das glauben. Bei Youtube gibt es Schnipsel, die ihn in einer französischen Talkshow zeigen, ...

... 1982, beim Sender Antenne 2, wo Cohn-Bendit sein Gegenüber fragt, ob er wisse, wie es ist, von einem fünfjährigen Mädchen ausgezogen zu werden. "Es ist fantastisch, weil es ein Spiel ist, ein wahnsinnig erotisches Spiel", sagt er da.

Auch das war eine Provokation. Er hat dort unsäglichen Mist erzählt, das ist völlig unstrittig. Aber wenn er sich davon distanziert hat, ist das Kapitel doch beendet. Er ist kein Kinderschänder.

Es geht darum, ob seine Distanzierung glaubwürdig ist.

In seiner Dankesrede nach der Verleihung des Heuss-Preises hat Cohn-Bendit gesagt: "Kritisiert mich für das, was ich geschrieben habe, aber jagt mich nicht für etwas, was ich nicht getan habe."

Kann man ihm glauben?

Ja. Solange es keinen Gegenbeweis gibt, wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben. Es gibt keine Kinder, die sich in den letzten fast 40 Jahren gemeldet hätten, obwohl das jetzt die dritte Kampagne gegen Cohn-Bendit wegen der gleichen Vorwürfe ist, keine Zeugen, nichts was darauf deutet, dass er Kindern zu nahe getreten ist. Im Rechtsstaat gilt man in einer solchen Situation als unschuldig. Man kann Menschen nur als Täter beschimpfen, wenn man Beweise hat - und die gibt es nicht.

Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" wollte Einsicht nehmen ins Archiv der Grünen-nahen Böll-Stiftung. Da sind offenbar Akten von Cohn-Bendit gesperrt. Warum?

Ich habe gleich am Montag, nachdem der Artikel erschienen war, bei der Böll-Stiftung angerufen und nachgefragt. Es gibt mehr als 20 Aktenordner von Daniel Cohn-Bendit, einer davon war bis gestern gesperrt, weil er private Korrespondenz enthielt. Der fiel damit automatisch unter den 30 Jahre langen Sperrschutz. Die Böll-Stiftung und Cohn-Bendit haben das aber schnell geprüft und freigegeben. Vorbildlich. Es gibt da nichts zu verbergen.

Als Cohn-Bendit am 20. April den Theodor-Heuss-Preis bekam, protestierten rund 70 Vertreter eines Opfer-Verbandes sowie die Junge Union.
Als Cohn-Bendit am 20. April den Theodor-Heuss-Preis bekam, protestierten rund 70 Vertreter eines Opfer-Verbandes sowie die Junge Union.(Foto: picture alliance / dpa)

Ist schon klar, wer der Kommission angehören wird, die Claudia Roth einrichten will?

Dafür ist es noch zu früh. Ich würde mich aufrichtig freuen, wenn Daniel Cohn-Bendit sich den Fragen der unabhängigen Kommission zur Verfügung stellen würde - es würde der Sache sicher dienen, wenn alle, die damals an den Diskussionen beteiligt waren, sich heute der Aufarbeitung beteiligen.

Wie sind Sie selbst zu dem Thema gekommen?

Ich bin im hessischen Landtag Berichterstatter für eine Petition einer ehemaligen Schülerin der Odenwaldschule. Sie hatte sich an mich gewandt und um Unterstützung gebeten. Das mache ich jetzt seit drei Jahren und auch das hat zur Einsetzung einer unabhängigen Kommission dort geführt.

Die "taz" schildert, dass Cohn-Bendit in den 1980er Jahren bei einer Versammlung in der Odenwaldschule aufgetreten ist, um für eine freie Sexualität der Schüler zu plädieren. Zu der Versammlung war es gekommen, weil einzelne Lehrer sich daran gestört hatten, dass Lehrer und Schüler miteinander Sex hatten. Wie bewerten Sie diesen Auftritt?

Das wird ein Teil des Berichts sein müssen. Es ist bekannt, dass Cohn-Bendit zusammen mit Gerold Becker an dieser Versammlung beteiligt war.

Gerold Becker, der damalige Leiter der Odenwaldschule, der, wie heute bekannt ist, ein Kinderschänder war.

Cohn-Bendit hat bei diesem Auftritt wohl auch für eine freie Sexualität auch zwischen Jugendlichen und Erwachsenen plädiert. Das ist natürlich mehr als falsch, aber es gehört zu dem Kapitel, von dem er selbst heute sagt, was er damals geschrieben und gesagt habe, hätte nie passieren dürfen. Aber ob er dahingegangen wäre, wenn er gewusst hätte, dass Becker ein Verbrecher war? Ich bezweifle das.

Mit Marcus Bocklet sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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