Politik
Das ungleiche Duo Alexander Gauland und Alice Weidel haben aus Sicht der AfD einen sehr erfolgreichen Wahlkampf gemacht.
Das ungleiche Duo Alexander Gauland und Alice Weidel haben aus Sicht der AfD einen sehr erfolgreichen Wahlkampf gemacht.(Foto: dpa)
Sonntag, 24. September 2017

Historisches Ergebnis für AfD: Da ist er, der Denkzettel

Von Benjamin Konietzny

"Es denen da oben mal zeigen" – diese Motivation mag viele AfD-Wähler an die Urne getrieben haben. Am Ende ist das Ergebnis sogar deutlich besser als erwartet. Der Denkzettel ist da, jetzt muss die AfD liefern.

Es sind kämpferische Ankündigungen, die AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland seinen feiernden Anhängern entgegenschmettert: "Wir werden die Regierung vor uns hertreiben". "Der Kampf ist nicht vorbei", mahnt er. Und er verspricht: "Der Bundestag wird wieder was". Es werde wieder Debatten geben und Streitereien wie zu Zeiten von Helmut Schmidt, Willy Brandt und Herbert Wehner. "Es gibt wieder eine Opposition!" Die Menge jubelt, die AfD ist ab sofort drittstärkste Kraft und der große Gewinner der diesjährigen Wahl. Zweistellig aus dem Stand in den Bundestag – das hat in Deutschland noch nie eine Partei geschafft.

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Die Stimmung auf der Wahlparty der AfD ist schon vor Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen gut. In dem viel zu kleinen Raum drängeln sich Journalisten und Parteimitglieder. Personenschützer keilen die bekannten Gesichter durch die Menge. Das Gebäude am Alexanderplatz ist wieder einmal mit einem enormen Sicherheitsaufgebot abgeriegelt. Zurecht, wie sich später herausstellen soll. Bekannte und eher unbekannte AfD-Leute nippen an Sektgläsern, kauen Bratwurst und witzeln, es könnten ja vielleicht sogar 20 Prozent werden.

Punkt 18 Uhr dann kennt die Freude kein Halten mehr. Nachdem ausgiebig die Ergebnisse von SPD und Union belacht werden, erscheint die "13" auf den Monitoren des Berliner Clubs, der den Charme einer Ruhrgebiets-Disko der 90er-Jahre versprüht. Das Publikum, hauptsächlich Männer in Anzügen, verfällt augenblicklich in einen Sprechchor: "Gauland, Gauland!", dann "AfD, AfD!". Danach wird gemeinsam die Nationalhymne angestimmt. Gauland ist kein Partytyp. Aber er versucht es – lächelt, winkt, gibt seiner Mitstreiterin Alice Weidel eine Umarmung.

Gauland warnt vor rechten Ecken

Von großer Verantwortung spricht Weidel. Die AfD wird künftig voraussichtlich mit 88 Abgeordneten im Bundestag vertreten sein. Das ist mehr als erwartet. Für die Anhänger der Partei ist der Denkzettel, den viele den "Eliten" in Berlin verpassen wollten, sehr deutlich geworden. Doch eine derart große Fraktion mit Menschen, die vielfach nur wenig Erfahrung in der Politik, geschweige denn in der Parlamentsarbeit haben, birgt auch Risiken. Durch den hohen Stimmenanteil rücken auch Kandidaten von den Landeslisten ins Parlament, die mutmaßlich nicht ohne Grund auf hinteren Plätzen kandidierten.

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Und so mahnt auch Gauland, all der Freude zum Trotz: In der Öffentlichkeit, vor den Kameras solle niemand "Sprüche, die uns später auf die Füße fallen können" klopfen. Man warte nur darauf, die AfD wieder in irgendwelche "rechte Ecken" zu stellen. Im Interview mit n-tv wird er noch etwas präziser und sagt, für die AfD gingen nun "viele Neulinge" in den Bundestag, "die sich zwei Mal überlegen sollten, was sie sagen". Alice Weidel verspricht, die neuen Abgeordneten nähmen ihre Aufgabe mit "Demut und Sorgfalt" an.

Nun muss die AfD liefern. Innerhalb der Partei gibt es viel Konfliktpotential. Es gibt Strömungen, die rechtsextreme Tendenzen kategorisch ablehnen. Und es gibt Strömungen, die nicht von ihnen lassen können. Und sie treffen sich künftig in einer Bundestagsfraktion. Marc Vallendar, der für die AfD bereits im Abgeordnetenhaus in Berlin sitzt, rechnet damit, dass es auch Streit geben wird. "Aber das gehört zu einer demokratischen Partei dazu." Guido Reil, Direktkandidat aus Essen, rechnet mit bewegten Zeiten: "Die Fraktion muss sich finden". "Das sind menschliche Probleme. Die Spreu muss sich vom Weizen trennen."

Petry ist kein Thema mehr

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Zu verdanken hat die AfD das denkwürdige Ergebnis maßgeblich ihrem ungleichen Spitzenduo Weidel und Gauland, die mit einer Mischung aus Provokationen, Angst und Eklats einen aus Sicht der Partei überaus erfolgreichen Wahlkampf gemacht haben. Durch die faktische Entmachtung der Parteivorsitzenden Frauke Petry konnte die AfD gewissermaßen geschlossen nach rechts rutschen und die internen Streitereien über den künftigen Kurs der Partei ließen spürbar nach. Von Petry ist an diesem Abend gar keine Rede mehr. Ihre Zukunft als Parteichefin lässt sie am Wahlabend offen. "Das ist eine Frage, die stellt sich heute Abend auch nicht", sagt sie in der ARD. Gerüchte machen die Runde, Petry könnte versuchen, sich von der AfD abzuspalten – ähnlich wie Bernd Lucke, bevor er mit seiner Alfa in der Bedeutungslosigkeit versank. Später sagt sie, die AfD hätte auch weit über 20 Prozent liegen können, aber ein Teil des bürgerlichen Klientels sei eben verschreckt worden.

Im Richtungsstreit vor dem letzten Parteitag hat die AfD etwas gelernt: Interne Streitereien schaden der Partei. In der Bundestagsfraktion wird es daher eine große Aufgabe, eben diese zu vermeiden oder konstruktiv zu nutzen. Was Angriffe von außen angeht, hat die Partei auch ihre Lektion gelernt: Sie nutzen ihr. Immer wenn wieder ein Tabu gebrochen, eine rote Linie überschritten wurde und die Öffentlichkeit vor Empörung kochte, war es für die AfD ein Erfolg.

Rund 700 Demonstranten protestierten am Alexanderplatz gegen die AfD.
Rund 700 Demonstranten protestierten am Alexanderplatz gegen die AfD.(Foto: imago/Markus Heine)

Und so wundert es auch nicht, dass die Gäste der AfD-Wahlparty mit Genugtuung beobachten, wie sich unter dem Balkon des in die Jahre gekommenen Berliner Clubs eine Demonstration organisiert. "Ganz Berlin hasst die AfD" rufen sie von unten und "es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda". Auf dem Balkon stehen die Herren in ihren Anzügen, machen Fotos und verteidigen ihre These, dass im Grunde ja da unten die Faschisten stehen. Im Laufe des Abends wird der Protest immer größer, irgendwann räumt die Polizei den Balkon, weil Gegenstände den Partygästen entgegenfliegen. Am Ende spricht die Polizei von mehr als 700 Demonstranten.

"Ich muss Deutschland einen Denkzettel verpassen"

Einer der da unten steht ist Leon und er ist froh, dass es "Gegenwind" gibt. Das Ergebnis sei traurig, aber "leider weltweit ein Trend".  Mehr noch als über die Wähler der AfD ärgert er sich über die "Funktionäre, die die Ängste der Menschen ausnutzen. Seine Begleitung möchte lieber nichts zu dem ganzen sagen.

Später, als er allein ist, will Leons Freund doch noch etwas Wichtiges sagen: "Ich hab die gewählt, aber damit muss man hier unten ja vorsichtig sein", sagt er. Er arbeite in der Sicherheitsbranche und bekomme dauernd mit, wie Zuwanderer sich nicht benehmen würden. "Das ganze Geld wird für die ausgegeben und auf der Straße liegen die Obdachlosen". Viele junge Leute fühlten sich nicht mehr unterstützt. Parteien wie die SPD oder die CDU "erreichen mich nicht mehr". Eigentlich habe er etwas anderes wählen wollen, aber dann habe er sich spontan anders entschieden. Um etwas zu tun, was erklären könnte, warum die AfD so erfolgreich geworden ist. "Ich dachte, ich muss Deutschland einen Denkzettel verpassen."

Quelle: n-tv.de

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