Politik
Der Stein des Anstoßes: das Osnabrücker Schloss
Der Stein des Anstoßes: das Osnabrücker Schloss(Foto: imago/imagebroker)
Mittwoch, 06. September 2017

Auf einen Donut in Osnabrück: "Das ganze Politikerpack kotzt mich an"

Von Julian Vetten, Osnabrück

Weil der Garten des Osnabrücker Schlosses marode ist, schreibt die Stadt einen öffentlichen Wettbewerb für seine Neugestaltung aus. Ein junger Wutbürger wittert eine Verschwörung und zweifelt am demokratischen Fundament.

In Deutschland leben mehr als 82 Millionen Menschen - und doch kommen viel zu oft nur die üblichen Verdächtigen oder die mit den lautesten Parolen zu Wort. Um das zu ändern, reisen wir bis zur Bundestagswahl am 24. September durch das Land und bitten Menschen um ihre Meinung, die sonst damit hinter dem Berg halten würden. Die Artikel erscheinen immer mittwochs. Diese Woche sind wir zu Gast in Osnabrück.

Wo ist das Gesicht zur Geschichte?

Politik ist für die meisten Menschen eine Privatangelegenheit, abseits vom Stammtisch darüber zu sprechen noch immer ungewöhnlich. Unsere Gesprächspartner in dieser Serie sagen ihre Meinung frei heraus, manche von ihnen befürchten aber, deswegen zum Thema für den Nachbarschaftstratsch zu werden - und bitten uns, auf Fotos zu verzichten. Wir respektieren diesen Wunsch.

Wut folgt selten rationalen Regeln - manchmal geht es auch einfach nur darum, einen Empfänger für seinen Unmut zu finden, ganz egal, ob man nun den richtigen trifft. Oder, wenn man so wütend ist wie Chris, gleich mehrere Empfänger: "Das ganze Politikerpack kotzt mich an", brodelt es aus dem hageren Mittzwanziger heraus, während halbzerkaute Spritzgebäckklümpchen wie bei einem Miniatur-Vulkanausbruch durch die Gegend fliegen und auf dem Tisch der Osnabrücker Hochschulmensa am Westerberg landen.

Der junge Wutbürger wittert ein abgekartetes Spiel bei der Kür des besten Entwurfs für eine Neugestaltung des Osnabrücker Schlossgartens: "Jeder Blinde muss doch erkennen, dass diese gepflasterte Scheußlichkeit das Schlimmste ist, was dem Schloss passieren kann", sagt Chris und meint damit den preisgekrönten Entwurf eines Berliner Landschaftsarchitekten, der vielen Osnabrückern nicht grün genug ist. Der Student geht allerdings direkt ein paar Schritte weiter und sieht eine "Verschwörung der Preisrichter". Und die seien eben zu einem guten Teil Politiker.

"Ich bin quasi im Schatten des Schlosses aufgewachsen und muss jetzt zusehen, wie so eine Clique von Mauschelbrüdern die Seele der Stadt zerstört", sagt der junge Mann, der Naturwissenschaften studiert. Mit seiner Meinung ist er nicht alleine, auch eine Bürgerinitiative und die Studierendenvertretung der Universität, der zweiten Osnabrücker Hochschule, sind gegen die Umsetzung der Pläne. Dass die Vertreter aller wichtigen Parteien, angefangen von der regierenden CDU über SPD und Grüne bis hin zu den Linken, die Schlosspläne grundsätzlich befürworten, stinkt Chris nicht nur ganz gewaltig - es lässt ihn auch am demokratischen Fundament insgesamt zweifeln.

"Wenn die hier in Osnabrück schon miteinander kungeln, muss es doch in Berlin noch viel schlimmer sein", vermutet der Student und verfällt ohne Vorwarnung wieder in den Wutmodus: "Große Koalition, Schwarz-Gelb, Jamaika oder was weiß ich: Am Ende läuft es doch immer auf Bürgerverarsche hinaus." Was genau er damit meint, verrät Chris nicht, "Sie wissen doch ganz genau, was ich meine." Dass das eben nicht jeder wissen könne, lässt er nicht gelten. Und dann ist das Gespräch auch schon beendet: Kaum ist der letzte Bissen Gebäck im Mund des Studenten verschwunden, steht Chris mit einem Ruck auf und verschwindet in Richtung Tablettablage. Er sieht immer noch ziemlich wütend aus.

Quelle: n-tv.de

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