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Woher kommen in Zukunft die Einsatzinformationen?
Woher kommen in Zukunft die Einsatzinformationen?(Foto: picture alliance / dpa)

Datenanalyse der Dinge in Echtzeit: Das "schmutzige Geheimnis" der Polizei

Von Roland Peters

Die Vorhersage von Straftaten mit Informationen von Ermittlern ist nur der Anfang. Die Polizei wünscht sich ein Softwaremonstrum, das vom Stromverbrauch über die Einkommensverhältnisse alles erfasst und bewertet. Auch Küchengeräte sollen Daten zuliefern.

Beim Europäischen Polizeikongress in Berlin sind die Stuhlreihen bis auf den letzten Platz besetzt, einige Zuhörer müssen stehen.Sie alle wollen Details über vorausschauende Polizeiarbeit erfahren. Wie wahrscheinlich ist es, dass an einem bestimmten Ort ein Verbrechen stattfinden wird? Das ist die Frage, mit der sich inzwischen auch viele IT-Experten beschäftigen - und hier darüber berichten.

Dieter Schürmann, Kriminaldirektor in Nordrhein-Westfalen, ist Teil einer illustren Runde zum Thema "Predictive Policing", er steht zuerst am Rednerpult. Ein Vertreter von IBM ist da, von Oracle, vom Beratungsunternehmen CID, der Software "Precobs", sowie ein Behördenvertreter aus Bayern, wo die Polizei die Software bereits seit fünf Monaten in München und Mittelfranken einsetzt; und aus Nordrhein-Westfalen, wo in Köln und Duisburg die nächsten Testlabore eingerichtet werden.

"Das schmutzige Geheimnis ist, dass niemand sicher weiß, ob es funktioniert", zitiert eine Studie des Landeskriminalamts Niedersachsen aus der Fachliteratur. Doch im Süden Deutschlands helfe die Software vom Oberhausener "Institut für musterbasierte Prognosetechnik" bereits merkbar gegen Einbruchskriminalität, sagt Günter Okon vom bayerischen LKA. "Wir sind häufiger vor dem Täter am Tatort."

Tatwaffe nach Klang identifizieren

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Die größte Hoffnung im Zusammenhang mit "Predictive Policing" ist für die Ermittler jedoch das sogenannte "Internet der Dinge": Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass in fünf Jahren etwa ein Fünftel aller Autos in Deutschland vernetzt sein werden. Weltweit werden 26 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein, von der Industrieanlage über Küchengeräte bis zur Alarmanlage. "Die Daten sind da, das ist die Zukunft", heißt es bei der Veranstaltung. Nehmen etwa Mikrofone zufällig eine Schießerei auf, könnten Ermittler damit die Tatwaffe feststellen, ohne sie je gesehen zu haben.

Die niedersächsische Studie grenzt auch ein, auf welche Theorien sich diese vorausschauende Polizeiarbeit stützt. Etwa darauf, dass ...

  • ... Personen meist mehr als einmal Kriminalität zum Opfer fallen ("Repeat Victimisation"-Hypothese).
  • ... in einem geographischen Gebiet meist mehr als einmal Taten verübt werden ("Near Repeat"-Hypothese).

In den USA wurde nachgewiesen, dass für "Victimisation" Zusammenhänge bestehen, insbesondere bei Wohnungseinbrüchen, häuslicher Gewalt, Banküberfällen und Diebstahl aus Fahrzeugen. Belege für die örtliche Wiederholung von Straftaten fanden Studien bei Feuergefechten, Autoklau und Raub. Bis 2016 wollen 90 Prozent der Polizeidienststellen in den USA "Predictive Policing" einführen.

Welche Daten dafür die Software in NRW verwenden wird, ist unklar. "Das werden wir im Verlauf des Projekts sehen", heißt es nebulös aus der Spitze des LKA. Tatorte, Tatzeiten, Falldateien, auch unstrukturierte Aufzeichnungen werden auf jeden Fall verwendet, sagt Landeskriminaldirektor Schürmann. Es sind bei den Ermittlern ohnehin vorhandene Informationen. Wichtig ist der Polizei, dass sie möglichst schnell Echtzeitdaten einspeisen kann, wie etwa zum Wetter, womöglich auch Angaben zum Energie-, Wasser- und Stromverbrauch, "Auslastung von Kommunikationsnetzen", also Telefon und Internet, sowie Verkehrsaufkommen. Die Ergebnisse einer Analyse könnten Beamte dann einfach per Smartphone abrufen.

Das Ergebnis der Einbindung personenbezogener Daten präsentiert Mario Walther von dem Unternehmen Accenture. In London führte die Analyse von Falldaten aus der Bandenkriminalität aus fünf Jahren zu einer "Hochrisiko-Liste" von 300 Personen, die als Bandenmitglieder in den kommenden zwei Wochen besonders wahrscheinlich Straftaten begehen würden. Sechs davon waren der Polizei noch nicht bekannt. Aber fünf von ihnen wurden innerhalb von 14 Tagen tatsächlich straffällig. "Wir hätten auch Social Media Daten einfließen lassen können", sagt Walther. Dann hätte das Unternehmen CID zum Zuge kommen können, das auch automatisierte Textanalysen von Facebook, Twitter, Blogs und anderen Internetquellen anbietet.

Politisch explosiv

Die in Deutschland eingesetzte Software soll auch lernen. Das birgt Risiken: Was passiert etwa, wenn in einem bestimmten Gebiet vor allem Täter einer bestimmten ethnischen Gruppe in fremde Häuser einsteigen? Sieht das Programm dann vorrangig in Menschen mit diesem ethnischen Hintergrund eine Bedrohung? Die Gefahr der Stigmatisierung ist vorhanden. In Bayern etwa wunderten sich die Ermittler in Mittelfranken, warum es plötzlich zu so vielen Einbrüchen kam. Es stellte sich heraus: Es waren Asylbewerber eines Heims. "Das müssen wir dann in die Software einarbeiten", sagt Okon. Den Aufenthaltsstatus als Indikator krimineller Handlungen zu definieren - das wäre politisch explosiv.

Innerhalb von sieben Wochen könne die in Bayern verwendete Software "Precobs" regional angepasst, die Beamten geschult und das System einsatzbereit sein, sagt Thomas Schweer, einer der Geschäftsführer der Entwickler. Doch die Wirksamkeit der Methode ist keineswegs belegt - und die Fehleranfälligkeit nicht dokumentiert. Als Beispiel, was passieren kann, nennt Padeluun vom Verein Digitalcourage die Diebstahldetektoren im Kleidergeschäft: "Wenn es Piep macht, dann wird der Auslöser direkt wie ein Verbrecher behandelt, egal, ob er etwas getan hat oder nicht."

In Berlin meldet sich ein Beamter aus dem Publikum zu Wort und fordert vehement den Einsatz von "Predictive Policing". "Ich bin jetzt seit 35 Jahren im Polizeidienst. Und ich frage mich auch in diesem Fall: Warum sind wir immer so zögerlich? Es gibt nichts Gutes, außer man tut es", zitiert er Erich Kästner.

Doch beim Predictive Policing taucht nicht der Kaufhausdetektiv auf, sondern womöglich das Sondereinsatzkommando in Kampfmontur vor der eigenen Haustür. Der Geschäftsführer von "Precobs" betont: "Eine Prognose ist nicht falsch, wenn die Menschen festgenommen werden, bevor sie eine mögliche Tat begehen." Mindestens ein Widerspruch bleibt aber bestehen: Eine Tat, die nicht begangen wurde, ist keine.

Quelle: n-tv.de

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