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Mit diesem Foto wurde Snowden bekannt: Am 10. Juni 2013 machte der "Guardian" Snowden als Quelle der Enthüllungen bekannt - er selbst hatte dies so gewollt.
Mit diesem Foto wurde Snowden bekannt: Am 10. Juni 2013 machte der "Guardian" Snowden als Quelle der Enthüllungen bekannt - er selbst hatte dies so gewollt.(Foto: dpa)
Freitag, 06. Juni 2014

Ein Jahr nach Beginn der NSA-Affäre: Das waren die Snowden-Enthüllungen

Von Volker Petersen

Vor genau einem Jahr bricht die NSA-Affäre los. Eine Zeitung veröffentlicht Dokumente eines jungen Geheimdienstmitarbeiters namens Edward Snowden - Begriffe wie Prism, Xkeyscore machen die Runde.

Edward Snowdens Enthüllungen haben die Welt erschüttert. Vor genau einem Jahr kam ans Licht, wie die USA die Welt ausspionieren - nicht nur fremde Regierungen, sondern auch massenhaft ausländische und eigene Bürger sowie ausländische Wirtschaftsunternehmen. Alles im Namen der Terrorabwehr. Edward Snowden wollte nicht mehr mitmachen und wagte einen radikalen Schritt. Der damals 29-jährige Geheimdienstmitarbeiter machte alles öffentlich. Zu einem hohen Preis – die Rückkehr in seine Heimat, die Vereinigten Staaten von Amerika, ist ihm nach seiner Flucht vielleicht für immer verwehrt.

"Bei alldem habe ich nur vor einem Angst. Dass die Menschen diese Dokumente sehen und mit einem Achselzucken darüber hinweggehen, dass sie sagen: 'Das haben wir uns schon gedacht, das kümmert uns nicht!' Ich habe Sorge, dass ich all das für nichts und wieder nichts tue", sagte Snowden dem Journalisten Glenn Grennwald damals, wie der in seinem Bestseller "Die globale Überwachung" erzählt.

Regierungen begründen ihre Spionagetätigkeit stets mit der Terrorabwehr, doch wie Greenwald zeigt, ist dies nur die halbe Wahrheit. Stattdessen wird knallharte Wirtschaftsspionage betrieben, werden fremde, aber nicht terrorfreundliche Regierungen ausgespäht - beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zudem landen die Daten von völlig unbeteiligten Menschen in den Datenbanken der Geheimdienste. Das ist das Hauptproblem, wie Greenwald betont. Denn: "Beobachtet zu werden macht unfrei".

Mittlerweile fällt es schwer, den Überblick über das Dickicht der verschiedenen Überwachungsprogramme und Fachbegriffe zu behalten. Dabei ist dies besonders wichtig, wenn Snowdens Enthüllungen nicht doch noch ohne echte Konsequenzen verhallen. Was war noch gleich "Prism"? Welches System verbirgt sich hinter "Xkeyscore"? Ein Jahr nach den ersten Veröffentlichungen ist es Zeit, die wichtigsten Erkenntnisse noch einmal zusammenzufassen. Denn die Überwachung geht in kaum abgeschwächter Form weiter.

Prism

Das Prism-Programm machte Milliarden Menschen auf der Welt klar, dass ihre Privatsphäre in größter Gefahr, wenn nicht sogar bereits geräuschlos abgeschafft ist. Snowdens Dokumente zeigen, dass die NSA in der Lage ist, auf Server und Datenbanken der neun größten Internetkonzerne zuzugreifen: Microsoft, Google, Yahoo, Facebook, PalTalk (Videochat-Anbieter), AOL, Skype, Youtube und Apple. Der Geheimdienst sieht neben E-Mails und Chatprotokollen auch selbstgemachte Fotos und Videos ein, nimmt ungefragt an Videokonferenzen teil und sieht Datensendungen, Login-Daten (wann, wo, wie oft) und weitere Details etwa aus Facebook ein. Dafür müssen die NSA-Mitarbeiter keine Anfrage stellen oder Rücksprache mit den Unternehmen halten. Google und Facebook beteuerten zwar, dass Daten nur auf richterliche Anordnung weitergegeben würden, aber: "Schlussendlich leugneten die Unternehmen nicht, in Zusammenarbeit mit der NSA ein System aufgebaut zu haben, mit dem Nachrichtendienste direkt auf die Daten der Firmenkunden zugreifen konnten", schreibt Greenwald. Zumal die richterliche Anordnung sowieso nur für US-Bürger erforderlich ist. Wer keinen Pass der Vereinigten Staaten hat, den darf die NSA hemmungslos ausspionieren - ohne jede Einschränkung.

Xkeyscore

Dabei handelt es sich um das "weitreichendste System zur Sammlung elektronischer Daten", wie es laut Greenwald in einem NSA-Dokument heißt. Xkeyscore wurde 2007 eingeführt und sammelt "fast alles, was ein typischer User im Internet so treibt", wie der Journalist aus einem internen Ausbildungsdokument zitiert. Dazu gehören Google-Recherchen, E-Mail-Inhalte, Namen besuchter Websites (wie oft, wann und wo), Telefonnummern und Chatnachrichten, Freundeslisten und die Inhalte angehängter Dokumente. Dazu kommen Daten aus sozialen Netzwerken, allen voran Facebook. Unvorstellbare Mengen an Daten werden dazu gesammelt; allein im Dezember 2012 sollen es insgesamt 41 Milliarden Datensätze gewesen sein. Alles, was für die Geheimdienste interessant ist, wird gespeichert. Die so verfügbaren Informationen gehen inhaltlich daher noch über die Prism-Daten hinaus.

Tempora

Das Programm Tempora bezeichnet das systematische Anzapfen von Glasfaserkabeln. Die gigantischen Datenmengen werden 30 Tage lang gespeichert, um ausgewertet werden zu können. Diese Arbeit erledigt der britische Geheimdienst GCHQ, der engste Partner der NSA. Die Briten nennen ihre Programme passenderweise "Beherrschung des Internets" oder "globale Auswertung von Telefondaten", wie der "Guardian" berichtete. "Die so gewonnenen Daten umfassen alle Formen von Online-Aktivität, einschließlich der Aufzeichnung von Telefongesprächen, von E-Mail-Inhalten, Einträgen bei Facebook und des Verlaufs der Website-Besuche jedes Internet-Users", wie Greenwald aus Snowden-Dokumenten zitiert. So werden laut "Guardian" ohne weiteres "riesige Mengen an Kommunikationsereignissen zwischen vollkommen unschuldigen Personen" abgeschöpft.

Five Eyes

Unter dem Schlagwort der "Fünf Augen" haben sich die Geheimdienste der USA, Großbritanniens, Kanadas, Australiens und Neuseeland zusammengeschlossen. Spionage-Ergebnisse werden weitgehend miteinander geteilt, untereinander spionieren sich diese Länder nur wenig aus - es sei denn, es wird darum gebeten, wie das Australien im Jahr 2011 tat. Das Land befand sich auf der Jagd nach indonesischen Terroristen. Die Briten stimmten bereits 2007 einer Vereinbarung zu, die es der NSA ermöglichte, persönliche Daten von britischen Bürgern zu speichern, was bis dahin ein Tabu gewesen war. Insgesamt unterteilt die NSA die Länder der Welt in drei Kategorien. Zur ersten gehören nur die Five-Eyes-Staaten, zur zweiten gehört eine größere Gruppe von Staaten. Darunter Deutschland, Österreich, die Schweiz, Japan oder auch die Türkei. Mit diesen Staaten wird regelmäßig zusammengearbeitet, sie werden aber auch selbst ausgespäht. Der dritten Kategorie werden Staaten zugeschrieben, die die NSA routinemäßig ausspioniert - darunter China, Russland, Iran, aber auch Länder wie Brasilien und Argentinien.

Meta-Daten

Nach den Snowden-Enthüllungen rechtfertigte sich die US-Regierung damit, dass ein großer Teil der Überwachung "nur" Meta-Daten betreffe. Dabei werden keine Inhalte von Telefongesprächen oder E-Mails gespeichert, sondern lediglich der Absender einer E-Mail, der Empfänger und dessen Aufenthaltsorte. Bei Telefongesprächen wird zudem die Dauer des Gesprächs, der Zeitpunkt und wenn möglich das verwendete Gerät erfasst. Laut Greenwald ist das jedoch oft sogar ein stärkerer Eingriff in die Privatsphäre als das Abfragen von Inhalten. Dazu führt er ein Beispiel an, das er von einer Bürgerrechtsorganisation übernommen hat: "Stellen wir uns einmal Folgendes vor: Eine junge Frau ruft ihren Gynäkologen an, gleich darauf ihre Mutter, dann einen Mann, mit dem sie während der vergangen Monate häufiger nach 23 Uhr telefoniert hat; als Nächstes eine Familienberatung, die auch Abtreibungen durchführt." Nur aufgrund der Meta-Daten lässt sich also leicht auf die ganze Geschichte schließen - was beim direkten Mithören eines einzelnen Gesprächs nicht unbedingt möglich gewesen wäre.

Angela Merkels Handy

Die Bundesregierung empörte sich während der NSA-Affäre erst lautstark, als sie selbst betroffen war. Dass Angela Merkels Handy abgehört worden war, löste ein diplomatisches Gewitter aus. Enthüller Greenwald mag nicht in den Chor der Empörten einstimmen. Im Grunde sei das nicht weiter bemerkenswert, konstatiert er kühl. " Ausländische Staatsoberhäupter anderer Staaten werden seit Jahrhunderten ausgespäht, die der Verbündeten nicht ausgenommen." Das eigentliche Problem sei ein anderes: "Viel bedenklicher ist die Tatsache, dass die Staatsführungen vieler Länder nur verhalten Kritik übten, als herauskam, dass die NSA jahrelang Hunderte Millionen ihrer Bürger bespitzelt hatte."

Quelle: n-tv.de

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