Politik
Martin Schulz lässt sich von den schlechten Umfragen nicht beeindrucken. "Die Wahl entscheidet sich erst auf den letzten Metern. Das weiß auch Frau Merkel", sagt der SPD-Kanzlerkandidat.
Martin Schulz lässt sich von den schlechten Umfragen nicht beeindrucken. "Die Wahl entscheidet sich erst auf den letzten Metern. Das weiß auch Frau Merkel", sagt der SPD-Kanzlerkandidat.(Foto: dpa)
Freitag, 25. August 2017

Interview mit Martin Schulz: "Das wird noch spannend, glauben Sie mir!"

Schlechte Umfragen? Na und! "Ich bin ein Kämpfer", sagt Martin Schulz. Im Interview mit n-tv.de erklärt der SPD-Spitzenkandidat vier Wochen vor der Bundestagswahl, wie er das Rennen um das Kanzleramt im Schlussspurt noch für sich entscheiden will.

n-tv.de: Herr Schulz, wie anstrengend ist es, Kanzlerkandidat der SPD zu sein?

Martin Schulz: Wahlkampf ist natürlich anstrengend, macht aber vor allem Spaß. Vorsitzender und Kanzlerkandidat der SPD zu sein, ist für mich eine außerordentliche Ehre.

In den nächsten vier Wochen bis zur Wahl machen Sie eine "Live"-Tour durch Deutschland. Das klingt ein bisschen, als seien Sie ein Popstar. Dabei haben Sie mit so etwas zu Beginn des Jahres ja nicht so gute Erfahrungen gemacht.

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Naja, die Kundgebungen sind halt live. Und sie sind verdammt gut besucht. Die Menschen sind interessiert, kommen zu den Veranstaltungen, hören zu und können vergleichen. Viele spüren, dass ein einfaches "Weiter so" nicht ausreichend ist. Es ist doch schön, wenn die Menschen sich über mein Kommen freuen. Und wenn hinterher geschrieben wird, dass ich irgendwo gefeiert wurde, werde ich mich auch nicht beschweren.

Trotzdem wird zurzeit viel über einen angeblich zu laschen Wahlkampf geklagt. Liegt das daran, das Sie nicht gut genug angreifen oder daran, dass die Union und die Kanzlerin zu gut verteidigen?

Ich bin überall im Land unterwegs, rede mit den Menschen und präsentiere unsere Vorschläge für die Zukunft dieses Landes, für mehr Gerechtigkeit, Investitionen und ein starkes Europa. Wir haben ein sehr differenziertes Wahlprogramm, dafür bekommen wir großen Zuspruch. Ich mache meinen Wahlkampf. Aber ich kommentiere nicht den der anderen.

Es gibt eine grundsätzliche Sympathie für Sie und Zustimmung zu vielen Positionen der SPD - dennoch steht Ihre Partei in Umfragen schlecht da. Wieso ist das so?

Die einzige Sonntagsfrage, die mich wirklich interessiert, ist die am 24. September, dem Wahltag. 79 Prozent der Deutschen finden, es mangele in diesem Land an Gerechtigkeit. Es gibt eine klare programmatische Auseinandersetzung: Die SPD macht Vorschläge, die Union hat nichts als Angela Merkel. Diese Strategie wird nicht aufgehen.

Geht es den Deutschen insgesamt viel zu gut, als dass eine ausreichende Wechselstimmung aufkommen könnte, die Sie so dringend benötigen?

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Mir begegnen jeden Tag Leute, die mit zwei Einkommen Probleme haben, ihre Miete zu zahlen. Die ihre Kinder noch im Haus haben und gleichzeitig ihre Eltern pflegen müssen. Viele Menschen beklagen, dass es keine Ganztagsschulplätze gibt und der Zustand der Schulen ihrer Kinder katastrophal ist. Hunderttausende Menschen in der Automobilindustrie haben derzeit Angst um ihre Arbeitsplätze. Pendler fürchten darum, dass ihr Auto stillgelegt wird, weil Manager von großen Konzernen verantwortungslos handeln. Es gibt diesen Satz "Deutschland geht es gut". Ja, richtig! Aber die Annahme, damit ginge es auch allen Menschen in Deutschland gut, ist falsch. Deutschland ist ein wohlhabendes Land, aber nicht alle Deutschen sind wohlhabend. Generationengerechtigkeit, Steuergerechtigkeit und Lohngerechtigkeit sind Themen, die die Menschen berühren. Wahlen werden nicht von Hochglanzbildern auf einem G7-Gipfel entschieden, sondern auf den Straßen der Republik.

Sie werden in Ihrem Auftreten häufig als markant charakterisiert, Frau Merkel gilt eher als besonnen und ruhig und ist damit sehr erfolgreich - mögen die Deutschen es eher langweilig?

Das glaube ich nicht. Der Wahlkampf beginnt erst in diesen Tagen. Die Menschen sind jetzt aus dem Urlaub zurück, das Interesse ist groß. Die Wahl entscheidet sich erst auf den letzten Metern. Das weiß auch Frau Merkel. Das wird noch spannend, glauben Sie mir!

Sind Sie sauer auf Altkanzler Gerhard Schröder, dass sein möglicher neuer Job bei dem russischen Ölkonzern Rosneft Ihnen so kurz vor der Wahl dazwischen funkt?

Ich habe ihm meine Meinung dazu gesagt.

Zunächst haben Sie die Angelegenheit als Schröders Privatsache bezeichnet. Später haben Sie gesagt, er sei nur bedingt Privatmann. Warum fiel es Ihnen so schwer, Schröder öffentlich deutlich zu kritisieren?

Ein ehemaliger Bundeskanzler ist nur bedingt eine Privatperson. Ich würde das nicht machen. Man muss nicht jedes Angebot annehmen.

Kann es sein, dass viele Wähler Angela Merkel schätzen, da sie so etwas vermutlich nicht tun würde?

Was Angela Merkel tun würde, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich würde so etwas nicht tun.

Sprechen wir über Außenpolitik: Das Verhältnis zu wichtigen Partnerländern wie den USA, Russland und der Türkei hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Ist das auch die Schuld von Angela Merkel?

Martin Schulz

Schulz wurde 1955 im heutigen Eschweiler, in der Nähe von Aachen, geboren. 1974 trat er mit 19 Jahren in die SPD ein. Zwischen 1987 und 1998 war er Bürgermeister der nordrhein-westfälischen Stadt Würselen. Von 1994 bis 2017 war Schulz Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Anschließend war er dort fünf Jahre lang Parlamentspräsident. Seit Anfang 2017 ist er Vorsitzender und Kanzlerkandidat der SPD. Schulz ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Nein, natürlich hat Angela Merkel nicht Schuld an Putin, Trump oder Erdogan. Aber ein deutscher Bundeskanzler kann diesen Herrschaften mit deutlicher Sprache begegnen. Frau Merkels Neigung, im Ungefähren zu bleiben, ist in den international bewegten Zeiten, in denen wir leben, nicht ausreichend. "Die Zeiten, wo wir uns auf andere verlassen konnten, sind ein Stück weit vorbei", hat sie gesagt. Was heißt das denn, geht es noch unkonkreter? Ein amerikanischer Präsident, der in seiner irrlichternden Politik bis an den Rand nuklearer Konfrontation geht, betreibt eine brandgefährliche Politik. Trump ist nicht mal in der Lage, sich von Neonazis zu distanzieren. Das muss man in klaren deutschen Hauptsätzen benennen.

Sie haben angekündigt, als Kanzler härter gegenüber Erdogan und Trump aufzutreten. Können Sie einen Vorgeschmack geben, was Sie den beiden sagen würden?

Ich würde Trump sagen: Der wenig staatsmännische Umgang mit Nordkorea, die Herabwürdigung ganzer Bevölkerungsgruppen und die mangelnde Distanzierung von Neonazis ist Ihre Linie. Wir aber halten das für falsch und das wird niemals die Politik der Bundesregierung oder Europas sein.

Glauben Sie, dass Trump sich davon beeindrucken ließe?

Das weiß ich nicht, aber das Vage, Ungefähre, Ausweichende von Frau Merkel beeindruckt ihn jedenfalls sichtlich nicht.

Zumindest in einem Punkt gibt es in gewisser Hinsicht eine Gemeinsamkeit zwischen Ihnen und der AfD: Auch Sie vertreten im Prinzip den Slogan "Merkel muss weg". Müssten Sie sich nicht viel mehr um AfD-Anhänger bemühen?

Seien Sie mir nicht böse, aber Sie wollen doch nicht ernsthaft jeden, der nicht für Angela Merkel ist, mit einer Partei in einen Topf werfen, die das Holocaust-Mahnmal in Berlin als "Denkmal der Schande" bezeichnet. Mit dieser Partei habe ich gar nichts gemeinsam. Ich zeige eine inhaltliche Alternative zum "weiter so" von Angela Merkel auf. Das ist übrigens Demokratie. Die AfD steht für alles, was ich ablehne. Sie ist eine Schande für die Bundesrepublik.

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Sie greifen die AfD im Wahlkampf scharf an, bezeichnen Sie als" NPD light" und "Schande für Deutschland". Was würde ein Bundeskanzler Martin Schulz tun, um einer Spaltung und Radikalisierung der Gesellschaft, die es in anderen Ländern bereits gibt, entgegenzuwirken?

Ich würde für mehr Gerechtigkeit sorgen, mehr für die Bildung und für die Qualifizierung tun. Die 30 Milliarden Euro, die Frau Merkel in die Aufrüstung der Bundeswehr stecken will, würde ich in Bildung, Schulen, Universitäten, Familien, bezahlbaren Wohnraum und in die ländlichen Regionen investieren. Der Zusammenhalt der Gesellschaft hängt davon ab, dass der Wohlstand des Landes bei allen ankommt. Den Konjunkturrittern der Angst von der AfD gräbt man das Wasser ab, indem man eine solidarische Gesellschaft schafft, in der keiner alleine gelassen wird und alle Menschen mitgenommen werden. Wo man nicht im Wartezimmer sitzt und jemand, der später kommt, früher dran genommen wird, nur weil er Privatpatient ist. Ich will eine Gesellschaft, in der jemand im Alter nicht zum Amt gehen muss, obwohl er 35 Jahre Beiträge gezahlt hat. Solche Menschen sollen eine Solidarrente bekommen.

In der RTL-Bürgersprechstunde wurden Sie nach Ihren Schwächen gefragt. Sie haben geantwortet, Sie könnten manchmal nicht Nein sagen. Bereuen Sie es, im Januar Ja gesagt zu haben, als Sigmar Gabriel Ihnen die Kanzlerkandidatur angeboten hat?

Nein, im Gegenteil. Ich wusste, was auf mich zukommt. Vielleicht kann ich hier mal die Frage nach den Stärken beantworten, die leider nicht gesendet wurde. Meine Stärke ist, dass ich Prinzipien habe, die ich niemals für einen taktischen Vorteil opfern würde. Ich würde niemals etwas in einen Koalitionsvertrag schreiben, das ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Frau Merkel hat genau das bei der "Ehe für alle" getan.

Peer Steinbrück hatte 2013 als Kanzlerkandidat eine Art Mutmachsatz. Er stammt von Günter Grass aus seinem "Tagebuch einer Schnecke": "Wenn du fertig bist, wenn man dich fix und fertig gemacht hat: flachgeklopft entsaftet zerfasert. Wenn du (...) für immer aufgegeben hast, (...) dann stehe auf und beginne dich zu bewegen, dich vorwärts zu bewegen." Haben Sie auch einen Satz, mit dem Sie sich bis zur Wahl Mut machen?

Nein. Ich bin ein Kämpfer, Wahlkampf macht mir Spaß. Sehen Sie: Die SPD ist ein Eckpfeiler der Demokratie in diesem Land. Deshalb empfinde ich es als große Ehre, für diese Partei als Spitzenmann in den Wahlkampf ziehen zu dürfen. Und wir haben alle Chancen, das Rennen ist offen.

Sie sind großer Fußball-Fan. Fällt Ihnen ein Fußballspiel ein, in dem ein Verein einen so großen Rückstand noch drehen konnte?

Da fallen mir jede Menge Spiele ein. In einigen habe ich sogar selbst mitgespielt.

Das ist für uns nur schwer zu überprüfen. Erinnern Sie sich auch an ein Spiel aus der Fußball-Bundesliga, dem Europapokal oder einer Weltmeisterschaft?

In Anlehnung an einen Spruch über den DFB-Pokal: Bei Wahlen gelten andere Regeln. Die werden in den letzten Tagen und Wochen entschieden. Da werden wir gewinnen.

Mit Martin Schulz sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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